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GEJ 1.7

Quelle: Jakob Lorber

Kapitel 7 von 161

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GEJ 1.7.1

Joh. 1,35. Am folgenden Tag stand Johannes wieder (am Fluss Jordan), und zwei seiner Jünger waren bei ihm.

Ganz im Wortlaut des Urtexts lautet der 35. Vers zum Beispiel: «Am folgenden Tag stand Johannes wieder da, und zwei seiner Jünger waren bei ihm.» Hier stellt sich die Frage: Wo stand er? Waren die beiden Jünger bei ihm, oder standen sie nur zur selben Zeit irgendwo an einem anderen Ort? Jedem muss sofort auffallen, dass hier weder der Standort noch viel weniger die Tätigkeit der beiden Jünger angegeben ist.

GEJ 1.7.2

Ja, warum hat denn der Evangelist diesen Umstand nicht erwähnt?

GEJ 1.7.3

Der Grund wurde schon oben angedeutet. Es versteht sich von selbst und musste besonders für jene Zeit, in der diese Schreibweise die Regel war, ganz selbstverständlich sein, dass Johannes am Fluss Jordan unter einer Weide stand und wartete, ob jemand käme und sich von ihm taufen liesse. Da er mehrere Jünger hatte, die seine Lehre hörten und auch aufzeichneten, standen gewöhnlich zwei bei ihm, manchmal, wenn es viel zu tun gab, auch mehrere. Sie halfen ihm bei seinen Taufhandlungen und tauften wohl auch in seinem Namen und auf seine Art.

GEJ 1.7.4

Da all diese Umstände für jene Zeit denen, die um Johannes waren, nur allzu bekannt waren, wurden sie auch nicht aufgezeichnet. Damals war es die Regel, so zu schreiben, und wegen des Mangels an Schreibmaterial zum Teil auch eine Notwendigkeit. Daher zeichnete man nur die Hauptsache auf und gab durch die einem Satz vorangestellte Konjunktion «und» zu verstehen, ob die scheinbar vereinzelt dastehenden Sätze in einer Beziehung zueinander stehen oder nicht. Aus diesem Grund schrieb man solche Konjunktionen auch nur selten in Buchstaben; vielmehr stellte man den aufeinander bezogenen Hauptsätzen gewisse bekannte Zeichen voran.

GEJ 1.7.5

Diese Erklärung ist zwar an sich keine evangelische Erklärung, dennoch ist sie sehr notwendig. Denn ohne sie sind die Evangelien heute in ihrem äusseren historischen Sinn kaum zu verstehen, noch weniger in ihrem inneren geistigen Sinn und am allerwenigsten die prophetischen Bücher des Alten Testaments. In diesen kommen statt ausgeführter Sätze nur entsprechende Bilder vor; Angaben über Umstände irgendeiner Art können dort natürlich nicht erwartet werden. Da wir nun solche Regeln des Altertums kennen, wird es in der Folge nicht schwer sein, alle nachfolgenden Verse und Texte leichter zu verbinden, richtiger zu lesen und wenigstens ihren natürlichen historischen Teil in ein helleres Licht zu stellen. Wir wollen eine solche kurze Analyse am 36. und 37. Vers vornehmen; dadurch wird die angegebene Regel klarwerden.

GEJ 1.7.6

Joh. 1,36. Und als er Jesus (am Ufer des Jordan) wandeln sah, sprach er: «Das ist Gottes Lamm!»

Der 36. Vers lautet im Urtext: «Und als er Jesus wandeln sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm.» Das «Und» zeigt hier an, dass dieser Text in irgendeiner Beziehung zum vorhergehenden steht. Historisch gibt es an, dass Jesus Sich nach der empfangenen Wassertaufe noch einige Zeit in der Nähe des Johannes aufgehalten hatte und deshalb sowohl von dessen beiden Jüngern als auch von ihm selbst gesehen wurde, wie Er am Ufer des Jordan wandelte.

GEJ 1.7.7

Als Johannes Ihn erblickt, fasst er sogleich alle seine Gedanken in einem zusammen und spricht in einer Art hoher Begeisterung wie vor sich hin: «Sieh, das ist Gottes Lamm!» Heute hätte er sich etwa so ausgedrückt: «Seht dorthin! Am Ufer des Flusses wandelt noch heute der allerhöchste Gottmensch, so anspruchslos und so demütig wie ein Lamm.» Johannes lässt jedoch all diese näheren Bezeichnungen aus und sagt nur, was im Vers steht.

GEJ 1.7.8

Joh. 1,37. Und als die beiden Jünger Johannes so reden hörten, (verliessen sie Johannes sogleich) und folgten Jesus nach.

Der 37. Vers, der eigentlich die Folge der beiden vorhergehenden darstellt, beginnt aus dem soeben gezeigten Grund wieder mit «Und». Er gibt ganz einfach das Geschehene an und berührt den Grund nur ganz kurz.

GEJ 1.7.9

Der Urtext lautet ganz einfach: «Und zwei seiner Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach.» In der heutigen Zeit könnte der Vers, ohne dass sein Verständnis und Sinn beeinträchtigt würden, so lauten: Als aber die beiden Jünger, die bei ihm, Johannes, waren, ihren Meister so reden hörten, verliessen sie ihn sogleich und begaben sich zu Jesus. Und als Jesus Sich nun von diesem Ort zu entfernen begann, folgten sie Ihm nach.

GEJ 1.7.10

Alles in dieser Texterweiterung Angeführte muss sich bei diesem Ereignis ebenfalls zugetragen haben, weil das Geschehen sonst nicht möglich gewesen wäre. Aber wie gesagt: Nach der damaligen Schreibweise werden nur die beiden Begriffe «Hören» und das unmittelbar darauffolgende «Nachfolgen» erwähnt; alle Übergangs- und Verbindungssätze werden als selbstverständlich ausgelassen. Wer diese Regel richtig erfasst, wird zumindest den historischen Teil der Urschrift in einem verständlicheren Sinn zusammenfassen und sich dadurch auch den inneren Sinn leichter vorstellen können.

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