Joh. 1,31. Ich kannte Ihn auch zuvor nicht; sondern um Ihn in Israel offenbar zu machen, bin ich gekommen, um mit Wasser zu taufen (die auf Ihn Wartenden).
Natürlich fragten die Forscher Johannes: «Seit wann kennst du diesen merkwürdigen Mann, und wie hast du erfahren, was du nun über Ihn aussagst?» Johannes antwortete ganz natürlich, dass auch er Ihn als Mensch zuvor nicht gekannt habe. Sein Geist habe ihm dies offenbart und ihn auch dazu gedrängt, die Menschen auf Diesen vorzubereiten und sie mit dem Wasser des Jordan von ihren grossen Sündenflecken zu waschen.
Joh. 1,32. Und Johannes bezeugte und sprach (nach der Taufe) weiter: «(Als ich Ihn nun taufte,) sah ich, dass der Geist Gottes (zum Zeugnis für mich) vom Himmel herabkam, so sanft, wie sich eine Taube herablässt; und dieser Geist blieb über Ihm.»
Johannes bekundet hier, dass auch er Mich zum ersten Mal leibhaftig vor sich sieht und dass Mein Geist in ihm ihm dies offenbart hat. Die Forscher sahen sich diesen Mann natürlich genau an und beobachteten Ihn während der kurzen Wassertaufe. Johannes hatte sich zunächst geweigert, sie an Mir zu vollziehen, und dabei den wichtigen Einwand erhoben, eigentlich solle Ich ihn taufen und nicht er Mich. Auf Mein ausdrückliches Verlangen aber, dass es so geschehen müsse, gab er nach und taufte Mich dennoch. Dabei sah er, was Ich Selbst ihm durch Meinen Geist in seinem Geist offenbart hatte, als Ich ihn nach Bethabara trieb: wie Gottes, das heisst Mein ewig ureigenster Geist, in der sichtbaren Gestalt eines hellen Wölkchens – in der Art, wie sich eine Taube herablässt – aus den lichtvollen Himmeln über Mich herabkommen und über Meinem Haupt bleiben werde. Dazu vernahm er zugleich die bekannten Worte:
«Dieser ist Mein geliebter Sohn», oder: «Dies ist Mein Licht, Mein eigenes Urgrundsein, an dem Ich als die urewige wesenhafte Liebe Mein Wohlgefallen habe. Diesen sollt ihr hören!»
Joh. 1,33. Ich hätte Ihn sonst auch nicht erkannt; aber Der, der mich sandte, mit Wasser zu taufen, sprach zu mir: Über Den du den Geist Gottes herabkommen und auf Ihm bleiben sehen wirst, Der ist es, der mit dem Heiligen Geist taufen wird.
Darum sagt Johannes: «Ich hätte Ihn sonst auch nicht erkannt!»
Joh. 1,34. Ich sah es und bezeuge nun, dass Dieser wahrhaft Gottes Sohn ist.
Erst nach dieser Taufhandlung erzählte Johannes den Forschern, was er gesehen und gehört hatte, und behauptete auf Tod und Leben, dass der Getaufte, den er schon bei Dessen Annäherung als das ihm offenbarte Gotteslamm angekündigt hatte, wahrhaftig der von ganz Israel erwartete Messias sei. Dieser ist wahrhaft Gottes Sohn, das heisst das urewige eigentliche Grundsein Gottes in Gott!
Johannes selbst hatte mit eigenen Augen gesehen, wie Dessen Geist Sich über Ihn herabliess und über Ihm blieb – nicht als hätte dieser Mann solchen Geist dadurch erst empfangen; vielmehr geschah die Erscheinung nur zum Zeugnis für Johannes selbst, da auch er Ihn zuvor nicht gekannt hatte.
Hier stellt sich jedoch von selbst die Frage, ob diese Boten aus Jerusalem mit ihren Augen und Ohren nichts von all dem bemerkten. Darauf diene die stets und ewig gleiche Antwort: Nur den Unmündigen und Einfältigen wird es offenbart; den Weisen der Welt aber bleibt es verborgen und verhüllt.
So sahen auch die Boten aus Jerusalem nichts als die Wassertaufe allein und ärgerten sich nicht wenig, als Johannes ihnen mitteilte, was er gesehen und vernommen hatte, während sie selbst nichts davon wahrnehmen konnten. Deshalb beschimpften sie Johannes und behaupteten, er belüge sie. Da traten jedoch mehrere anwesende Jünger des Johannes hinzu und bezeugten, dass Johannes völlig die Wahrheit gesagt hatte.
Aber die Boten schüttelten die Köpfe und sagten: «Johannes ist euer Meister, und ihr seid seine Jünger; darum bestätigt auch ihr seine Aussage. Wir dagegen sind in allen Dingen der Schrift gelehrt und weise, die von Gott durch Mose und die Propheten stammt. Aus eurem Reden und Handeln erkennen wir, dass ihr samt eurem Meister Narren seid, nichts seht und nichts wisst und mit eurer Narrheit viele Menschen verrückt macht. Deshalb ist die Sache den Höchsten des Tempels schon seit einiger Zeit höchst zuwider. Das Beste wird sein, eurem Treiben mit Gewalt ein Ende zu setzen!»
Johannes aber geriet in Erregung und sprach: «Ihr Otterngezücht, ihr Natternbrut! Meint ihr, dadurch dem Gericht zu entgehen? Seht, die Axt, mit der ihr uns vernichten möchtet, ist bereits an eure Wurzel gelegt. Seht zu, wie ihr dem Verderben entrinnen werdet! Wenn ihr nicht in Sack und Asche Busse tut und euch nicht taufen lasst, werdet ihr zugrunde gerichtet werden!»
«Denn wahrlich! Dieser war es, von Dem ich zu euch geredet habe: Nach mir wird kommen, Der vor mir gewesen ist; denn Er war eher als ich. Von Seiner Fülle haben wir alle Gnade um Gnade empfangen.» (Dies wurde bereits im Voraus im 15. und 16. Vers dieses Kapitels angeführt, aber noch nicht näher historisch beleuchtet.)
Auf diese energischen Worte des Johannes hin bleiben einige und lassen sich von ihm taufen; der grösste Teil aber zieht völlig ergrimmt davon.
Diese Verse berichten ganz schlicht nur etwas Historisches und haben wenig inneren Sinn; dieser lässt sich jedoch aus den vorangegangenen Erläuterungen leicht erkennen. Es muss hier nur erwähnt werden, dass solche Verse umso leichter verstanden werden, wenn sie zusammen mit den Umständen wiedergegeben werden, die sich damals von selbst verstanden. Als der Evangelist das Evangelium niederschrieb, war es üblich, alle Umstände wegzulassen, die man als selbstverständlich verstehen und annehmen konnte, und nur die Hauptsätze aufzuzeichnen. Alle Nebenumstände liess man – wie man heute sagt – «zwischen den Zeilen lesen». Um diese für die heutige Zeit sehr beachtenswerte Sache näher zu beleuchten, wollen wir die drei hier daneben angesetzten Verse in dieser Weise etwas genauer betrachten; daran wird sich die damalige Schreibweise, also die Syntax, ganz genau erkennen lassen.