Joh. 1,43. Am folgenden Tag aber wollte Jesus wieder nach Galiläa ziehen. Er findet Philippus und sagt zu ihm: «Folge Mir nach!»
Am Morgen sage Ich zu den beiden: «Meine Zeit in dieser Wüste ist zu Ende. Ich werde nach Galiläa ziehen, von wo Ich hierher kam. Wollt ihr mitkommen? Ich stelle es euch frei; denn Ich weiss, dass ihr Frau und Kind habt und sie nicht leicht verlasst. Doch niemand, der Meinetwegen etwas verlässt, wird das Verlassene verlieren, sondern es vielfach wiedergewinnen.»
Darauf sagt Petrus: «Herr, Dir zuliebe verlasse ich mein Leben, geschweige denn meine Frau und mein Kind! Sie werden auch ohne mich leben; denn ich bin ein Bettler und kann ihnen nur wenig Brot beschaffen. Unsere Fischerei reicht kaum für den halben Mund eines Menschen, geschweige denn für den nahrhaften Unterhalt einer Familie! Mein Bruder Andreas ist mir ein guter Zeuge. Wir sind zwar in Bethsaida geboren, mussten unsere Nahrung aber hier an diesen wüsten und doch ziemlich fischreichen Ufern des Jordan suchen, wo wir nun auch von Johannes getauft wurden. Unser Vater Jonas ist noch bei Kräften, ebenso unsere Frauen und Schwestern; dazu kommt der Segen von oben, und sie werden sich schon durchbringen.» Ich lobe deshalb beide, und wir machen uns auf den Weg.
Joh. 1,44. Philippus aber war aus Bethsaida, der Stadt des Andreas und Petrus.
Auf dem Weg, der noch eine Zeit lang am Ufer des Jordan entlangführte, treffen wir Philippus. Er stammte ebenfalls aus Bethsaida und suchte sich schon am frühen Morgen mit einem schlechten Netz in den Wellen des Jordan ein Frühstück. Petrus machte Mich auf ihn aufmerksam und sagte: «O Herr, dieser Mann leidet viel und ist sehr arm, dabei aber der ehrlichste und redlichste Mensch, voll wahrer Gottesfurcht in seinem Herzen! Wie wäre es, wenn Du auch ihn mitziehen liessest?»
Auf diesen lieblichen Antrag des Petrus sage Ich nichts anderes als: «Philippus, folge Mir nach!» Er lässt es sich nicht zweimal sagen, wirft sein Netz vor sich hin und folgt Mir, ohne zu fragen, wohin. Erst auf dem Weg sagt Petrus zu ihm: «Der, Dem wir folgen, ist der Messias!» Philippus aber sagt: «Das hat mir mein Herz schon in dem Augenblick gesagt, als Er mich so überaus liebevoll berief.»
Philippus war unverheiratet und bei den armen Fischern ein Lehrer, da er sich in der Schrift ziemlich gut auskannte. Er war mit Joseph von Nazareth persönlich bekannt, kannte somit auch Mich und wusste manches, was sich bei Meiner Geburt und in Meiner Jugend ereignet hatte. Er gehörte auch zu den wenigen, die in Meiner Person insgeheim den Messias erhofften. Da Ich aber von Meinem zwölften Lebensjahr an nichts Wunderbares mehr vollbrachte, sondern wie jeder andere ganz gewöhnliche Mensch lebte und arbeitete, verlor sich bei vielen Menschen der erste wunderbare Eindruck, den Meine Geburt hervorgerufen hatte, vollständig. Selbst diejenigen, die damals am stärksten erregt gewesen waren, sagten, Meine Geburt sei nur durch ein an sich merkwürdiges Zusammentreffen aller möglichen Umstände und Erscheinungen so wundersam berühmt geworden, mit denen sie sicher in keinem Zusammenhang stehe. Auch habe sich das geniale Wesen Meiner Jugend so völlig verloren, dass davon in Meinen reiferen Jahren keine Spur mehr zu finden sei. Philippus aber und noch einige wenige hielten an einer gewissen Hoffnung auf Mich fest; denn sie wussten von der Weissagung des Simon und der Anna bei Meiner Beschneidung im Tempel und legten grossen Wert darauf.
Joh. 1,45. Philippus findet Nathanael und sagt zu ihm: «Wir haben Den gefunden, über Den Mose und die Propheten geschrieben haben; Er ist Jesus, Josephs Sohn aus Nazareth.»
Als Philippus, der Mir folgte, unterwegs eigens nach Nathanael sucht und ihn unter einem Feigenbaum sitzend beim Ausbessern seines Fischergeräts antrifft, sagt er voller Inbrunst zu ihm: «Bruder, ich habe dich mit meinen Augen den schon ziemlich langen Weg entlang gesucht und bin nun von ganzem Herzen froh, dich gefunden zu haben. Denn sieh: Wir haben Den gefunden, über Den Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben. Es ist tatsächlich Jesus, Josephs Sohn aus Nazareth!»
Joh. 1,46. Nathanael sagte zu ihm: «Was kann aus Nazareth Gutes kommen?» Darauf sagt Philippus: «Komm und sieh selbst!»
Nathanael wird darauf beinahe etwas ungehalten und sagt: «Wer kennt das elende Nest Nazareth nicht! Was Gutes kann wohl aus diesem Nest kommen? Und der Messias – wie sich gewissermassen von selbst versteht – schon am allerwenigsten!» Philippus aber sagt: «Ich weiss wohl, dass du in dieser Hinsicht immer mein Gegner warst, obwohl ich dir meine Gründe dafür hundertmal dargelegt habe. Aber komm nun und überzeuge dich selbst; dann wirst du selbst sagen, dass ich vollkommen recht hatte.»
Nathanael erhebt sich nachdenklich und sagt: «Bruder, das wäre ein Wunder der Wunder! Denn das Gesindel von Nazareth ist doch sicher das schlechteste der ganzen Welt. Kann man mit einem Stück römischen Blechs aus einem Nazaräer nicht alles machen, was man will? In diesem Nest gibt es schon lange keinen Glauben mehr, weder an Mose noch an die Propheten. Kurz: Aus einem Nazaräer kannst du machen, was du willst; es ist ja schon zu einem alten Sprichwort geworden, dass man sagt: Dieser oder jener ist noch schlechter als ein Nazaräer! Und du sagst, der Messias, zu Dem du mich führen willst, damit ich Ihn sehe, komme von dort? Nun, nun, bei Gott ist wohl nichts unmöglich! Wir wollen es sehen.»
Joh. 1,47. Als Jesus Nathanael zu Sich kommen sieht, spricht Er laut über ihn: «Sieh, ein echter Israelit, in dem kein Falsch ist!»
Mit diesen Worten begibt sich Nathanael mit Philippus zu Mir. Ich hatte unterdessen etwa hundert Schritte vom Ort entfernt ein wenig geruht. Als beide schon in Meiner Nähe sind, sage Ich laut: «Seht, ein echter Israelit, in dem kein Falsch ist!»
Joh. 1,48. Nathanael sagt zu Ihm: «Woher kennst Du mich?» Jesus antwortet ihm: «Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah Ich dich.»
Nathanael wundert sich höchlich über diese vollkommen wahre Aussage, die ihm laut aus Meinem Mund entgegenkommt, und fragt sogleich: «Woher kennst Du mich, dass Du solches über mich aussagen kannst? Mein Inneres können nur Gott und ich selbst kennen; ich war aber niemals ein Prahler oder öffentlicher Lobredner meiner Tugenden. Woher weisst Du also, wie ich beschaffen bin?» Ich sehe ihn an und sage: «Noch bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah Ich dich!»
Joh. 1,49. Nathanael antwortet Jesus: «Rabbi, Du bist wahrhaft Gottes Sohn! Du bist der König von Israel!»
Meine Aussage über ihn versetzt Nathanael in höchstes Erstaunen, und sogleich sagt er, im Herzen durch und durch erregt: «Meister, ganz abgesehen davon, dass Du ein Nazaräer bist, bist Du dennoch wahrhaftig Gottes Sohn. Ja, Du bist unfehlbar der lange und sehnsüchtig erwartete König Israels, Der Sein Volk aus den Klauen der Feinde befreien wird! O Nazareth, o Nazareth, wie klein warst du, und wie gross wirst du nun! Als die Letzte wirst du zum Ersten erhoben werden! O Herr, wie schnell gabst Du mir den Glauben! Wie kommt es, dass jeder Zweifel aus mir wich und ich nun in aller Fülle glaube, dass Du der verheissene Messias bist?»
Joh. 1,50. Jesus antwortet Nathanael: «Du glaubst, weil Ich dir gesagt habe: Unter dem Feigenbaum sah Ich dich, noch bevor Philippus dich rief. Ich aber sage dir: Du wirst noch Grösseres als das sehen!»
Auf diese Frage Nathanaels antwortete Ich zunächst so, wie es der vorliegende Vers angibt. Damit zeige Ich Nathanael, dass er zwar jetzt glaubt, Ich sei der verheissene Messias, zu diesem Glauben aber durch die in Mir entdeckte Allwissenheit genötigt ist, die nur in Gott sein kann. Dazu bemerke Ich noch, dass er in der Folge Grösseres sehen werde. Damit will Ich ihm so viel sagen wie: Jetzt glaubst du durch ein Wunder; später aber wirst du frei glauben.
Joh. 1,51. Jesus spricht weiter zu ihm: «Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Von nun an werdet ihr die Himmel offen sehen und die Engel Gottes über dem Menschensohn auf- und niedersteigen sehen.»
Und wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Von nun an werdet ihr alle Himmel offen sehen und die Engel Gottes über dem Menschensohn hinauf- und herabfahren. Das will so viel sagen wie: Wenn ihr in der Folge aus Mir die Wiedergeburt eures Geistes erlangt, werden die Pforten des Lebens geöffnet. Dann werdet ihr, selbst zu Engeln geworden, eben die Menschen, die durch Mich in der Wiedergeburt zu Engeln und somit in diesen Engeln auch zu Kindern Gottes gemacht wurden, vom Tod zum ewigen Leben emporwandeln sehen. Umgekehrt werdet ihr auch viele urgeschaffene Engelsgeister aus allen Himmeln zu Mir, dem Herrn alles Lebens, herabfahren und dort in Meine Fussstapfen, die des Menschensohnes, treten sehen – dem Beispiel und Zeugnis folgend.
Dies ist demnach ein richtiges Verständnis des ersten Kapitels. Doch niemand glaube deshalb, die hier gegebene Erklärung schöpfe bereits alles aus. O nein, das tut sie nicht! Diese Gabe ist vielmehr ein praktischer Wegweiser, nach dem jeder, der guten Willens ist, in vielerlei Tiefen der göttlichen Weisheit eingeführt werden und dort in jedem einzelnen Vers vielerlei Lebenssinn sehen und erkennen kann. Zu all dem ist diese Gabe, wie gesagt, eine wahre Hauptrichtschnur, nach der alles bemessen und beurteilt werden kann.