Gleich darauf kam eine ziemlich grosse, mit Knüppeln bewaffnete Menge zu uns. In ihrer Mitte befanden sich zehn Stumme, die der Arzt am ersten Abend wegen ihrer Schmähungen stumm gemacht hatte. Die Menge forderte drohend, dass diesen Stummen die Zunge wieder gelöst werde.
Der Arzt Joram trat jedoch sofort vor und sagte mit fester männlicher Stimme: «O ihr Kinder des Bösen, ist dies die neue Art, zu Gott zu kommen und Ihn um eine Gnade anzuflehen?»
Da trat die Menge ein wenig zurück und schrie: «Wer ist hier Gott, und wo ist Er? Hältst du am Ende etwa dich selbst für Gott oder jenen Zauberer aus Galiläa, du breitschultriger Gotteslästerer?»
Joram sagte noch heftiger: «Wer ist euer Zauberer aus Galiläa, ihr elenden Wichte?» Die Menge schrie: «Es ist jener Zimmermann aus Nazareth namens Jesus, den wir sehr gut kennen, ebenso seine Mutter, die jetzt ebenfalls hier ist, und seine Brüder und Schwestern, die auch hier sind. Wir kannten auch seinen Vater, der vor einem Jahr gestorben sein soll, und zwar, wie wir hörten, aus Gram, weil seine Frau und seine Kinder ihm nicht folgen wollten und ihn in jeder Hinsicht betrogen haben sollen.»
Da geriet Joram wegen einer solchen Verleumdung völlig ausser sich vor Zorn. Er trat sofort hastig vor Mich hin. Auch Jakobus und Johannes kamen hinzu und sagten gemeinsam mit Joram: «Herr, Herr, Herr, lass doch jetzt rasch Feuer vom Himmel auf diese Kerle fallen, damit sie verzehrt werden. Es schreit zum Himmel, welch unverschämte Lügen sie sich vor uns auszusprechen erlauben.»
Ich sagte: «Nun denn, ihr Kinder des Donners, lasst sie lügen. Gibt es ein Feuer, das schlimmer brennt als das der Lüge? Tut ihnen dafür noch Gutes, und sie werden mit glühenden Kohlen auf ihren Häuptern davonlaufen. Merkt euch dies: Vergeltet niemals Schlechtes mit Schlechtem und Böses mit Bösem.» Darauf besannen sich die drei, und Joram fragte, was er diesen Frevlern nun tun solle.
Ich sagte: «Tu in Meinem Namen für sie, was sie verlangen, und heisse sie danach fortzugehen.» Darauf sagte Joram zu der Menge: «Im Namen des Herrn soll nun jeder unter euch, der stumm ist, wieder sprechen. Danach gehe er seines Weges nach Hause und gebe Gott die Ehre.»
Auf dieses Wort Jorams wurde allen, die stumm gewesen waren, die Zunge gelöst. Doch bis auf einen gaben sie Gott nicht die Ehre; dieser eine ermahnte wenigstens die anderen. Als sie aber zu ihm sagten: «Du Narr, hat uns denn Jehova stumm gemacht? Ein Zauberkundiger hat uns diesen Schaden zugefügt, und wir sollten deshalb etwa dem heidnischen Zaubergott Ehre erweisen? Wenn wir dies täten, was hätten wir dann von dem allmächtigen, wahren Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zu erwarten?», ging auch der eine etwas bessere Mann mit den übrigen neun fort und wagte es nicht, Mir die gebührende Ehre zu geben.
Joram und alle die Meinen ärgerten sich darüber. Auch Simon Petrus trat voller Ärger zu Mir und sagte: «Herr, es ist gewiss gut so, wie es Dir wohlgefällig ist. Hätte ich aber nur einen Funken Deiner geistigen Kraft und Macht, dann wüsste ich, was ich diesen dummen und bösen Lästerern Deines so überaus heiligen Namens angetan hätte.»
Ich sagte: «Simon, hast du Meine Lehre, die Ich auf dem Berg gab, schon vergessen? Was kannst du Gutes bewirken, wenn du Böses mit Bösem vergiltst? Wenn du eine Speise kochst, die an sich fade und unschmackhaft ist, würdest du dann weise handeln, wenn du sie, statt sie mit gutem Salz, Milch und Honig schmackhaft zu machen, mit Galle und Aloesaft übergiesst? Wenn du zu einer ohnehin guten Speise noch etwas Besseres hinzufügst, wird dich deshalb gewiss niemand der Torheit beschuldigen. Willst du aber eine schlechte Speise durch noch schlechtere Zutaten noch schlechter machen, als sie von Grund auf bereits ist, wo wäre dann ein verständiger Mensch, der nicht sofort zu dir sagen würde: Sieh, was tut dieser Narr?
Sieh, umso mehr gilt dies unter den Menschen. Wenn du ihr Böses mit noch mehr Bösem vergiltst, frage dich selbst, ob dadurch ihr Böses jemals besser wird. Vergiltst du dagegen das dir angetane Böse mit Gutem, wirst du das Böse in deinem Bruder besänftigen und ihn schliesslich zu einem guten Bruder machen.
Wenn ein Herr einen Knecht hat, dem er vieles anvertraut, und der Knecht, obwohl er die Güte seines Herrn kennt, sich gegen ihn versündigt und deshalb eine Züchtigung verdient, dann ruft der Herr ihn und hält ihm seine Untreue vor. Wenn der Knecht darüber erzürnt und seinem Herrn mit einer schändlichen Widerrede begegnet, wird der Herr dadurch besser und sanfter gegen ihn werden? Nein, sage Ich. Dann wird der Herr des Knechtes über den treulosen Knecht zornig werden, ihn binden und ins Gefängnis werfen lassen.
Wenn der Knecht jedoch sieht, dass sein Herr ihm wegen seiner Untreue Übles tun will, vor ihm niederfällt, ihm reumütig sein Vergehen bekennt und ihn voller Sanftmut und Liebe um Vergebung seiner Schuld bittet, wird der Herr dann mit dem Knecht wie zuvor verfahren? Nein, sage Ich. Durch die reumütige Sanftmut des Knechtes wird der Herr sanft und nachgiebig. Er wird dem Knecht nicht nur alles vergeben, sondern ihm darüber hinaus Gutes tun.
Vergeltet deshalb niemals Böses mit Bösem, wenn ihr alle gut werden wollt. Wenn ihr jedoch diejenigen richtet und bestraft, die sich gegen euch versündigt haben, werdet ihr am Ende alle böse sein, und in keinem wird noch wahre Liebe oder etwas Gutes vorhanden sein.
Der Mächtige wird sich das Recht nehmen, diejenigen zu bestrafen, die sich gegen seine Gesetze versündigen. Die Sünder werden dagegen von Rache entflammt sein und versuchen, den Mächtigen zu vernichten. Die Frage ist: Was Gutes wird am Ende daraus hervorgehen?
Deshalb richtet und verurteilt niemanden, damit ihr nicht wieder gerichtet und verurteilt werdet. Habt ihr alle diese überaus wichtige Lehre begriffen, ohne die Mein Reich niemals in euch Raum gewinnen kann?»