Simon Petrus sagte: «Ja, Herr, wir haben es im Grunde verstanden. Dennoch hat die Sache eine Schattenseite. Meiner Ansicht nach besteht sie darin, dass sich die Übeltäter in kurzer Zeit wie das Gras auf der Erde und der Sand im Meer vermehren werden, wenn wir nach Deiner Lehre die Strafen für Übeltaten vollständig aufheben. Wo ein Gesetz gegeben ist, muss es mit einer angemessenen Strafe bekräftigt sein; andernfalls ist es so gut wie kein Gesetz. Oder kann ein Gesetz auch ohne eine Sanktion bestehen?»
Ich sagte: «Mein Lieber, du urteilst hier wie ein Blinder über die Farbe des Lichtes. Geh hin und sieh dir die Tiergärten der Grossen an. Dort wirst du allerlei wilde Tiere sehen: Tiger, Löwen, Panther, Hyänen, Wölfe und Bären. Wenn sich solche Bestien nicht in starken Käfigen befänden, wer wäre in ihrer Nähe seines leiblichen Lebens sicher? Welche Torheit wäre es aber, auch die sanften Lämmer und Tauben in Käfigen zu halten.
Die Hölle bedarf freilich der strengsten Gesetze, versehen mit der empfindlichsten Sanktion. Mein Reich aber, das der Himmel ist, bedarf weder eines Gesetzes noch irgendeiner Sanktion.
Ich bin jedoch nicht gekommen, um euch durch die mit Sanktionen versehene Strenge der Gesetze für die Hölle zu erziehen, sondern allein durch Liebe, Sanftmut und Wahrheit für den Himmel. Wenn Ich euch nun durch Meine neue Lehre aus dem Himmel vom Gesetz frei mache und euch den neuen Weg durch das Herz zum wahren, ewigen und freiesten Leben zeige, warum wollt ihr dann ständig gerichtet und verurteilt unter dem Gesetz leben? Warum bedenkt ihr nicht, dass es besser ist, in der freien Liebe dem Leib nach tausendmal zu sterben, als einen einzigen Tag im Tod des Gesetzes zu wandeln?
Es versteht sich von selbst, dass man Diebe, Räuber und Mörder einfangen und in Gefängnisse bringen muss. Denn sie gleichen wilden, reissenden Bestien, die als Abbilder der Hölle in Löchern der Erde hausen und Tag und Nacht auf Beute lauern. Eine solche gerechte Jagd auf sie zu machen, ist sogar eine Pflicht der Engel im Himmel. Vernichten soll sie jedoch niemand, sondern sie in Gefängnisse bringen und dort besänftigen und zähmen. Nur bei gewaltsamer Gegenwehr sollen sie verstümmelt und bei hartnäckigem Widerstand auch dem Leib nach getötet werden. Denn dann ist eine tote Hölle besser als eine mit Leben versehene.
Wer jedoch einen Dieb, Räuber oder Mörder im Gefängnis weiterhin richtet und tötet, den werde Ich einst mit zornigen Augen ansehen. Denn je strenger die Menschen ihre Übeltäter richten und bestrafen, desto grausamer, vorsichtiger, heimlicher und hartnäckiger werden sich die noch freien Übeltäter verhalten. Wenn sie dann nachts in ein Haus einbrechen, werden sie nicht nur alles nehmen, was sie finden, sondern auch jeden ermorden und alles vernichten, was sie irgendwie verraten könnte.
Nimm dagegen das strenge Gericht hinweg und gib allen Menschen den weisen Rat, dass sie demjenigen, der von jemandem einen Rock verlangt, auch den Mantel geben sollen. Dann werden die Diebe zwar noch kommen und dieses oder jenes von euch verlangen, aber sie werden nicht rauben und morden.
Wenn die Menschen aber aus wahrer Liebe zu ihren Brüdern und Schwestern und aus Liebe zu Mir die vergänglichen Güter dieser Erde nicht mehr anhäufen und so einhergehen wie Ich, wird es bald weder Diebe noch Räuber und Mörder geben.
Wer meint, die Übeltäter würden durch strenge Gesetze und sehr verschärfte Gerichte schliesslich ausgerottet, irrt sich gewaltig. Der Hölle hat es daran noch nie gemangelt. Was nützt es dir, einen Teufel zu töten, wenn die Hölle anstelle des getöteten einen zehn andere schickt, von denen jeder schlimmer ist, als zehn der ersten Art es gewesen wären? Wenn der Böse kommt und ihm wiederum Böses entgegentritt, ergrimmt er und wird in vollem Mass zum Satan. Kommt er aber und findet nichts als Liebe, Sanftmut und Geduld, lässt er von seiner Bosheit ab und zieht weiter.
Wenn ein Löwe sieht, dass sich ihm ein Tiger oder ein anderer Feind nähert, wird er rasch von Grimm erfüllt, springt ihn mit aller Gewalt an und vernichtet seinen Gegner. Mit einem schwachen Hündchen dagegen lässt er spielen und wird sanft. Kommt ihm sogar eine Fliege entgegen und setzt sich auf seine starken Pfoten, würdigt er sie kaum eines Blickes und lässt sie ungehindert davonfliegen; denn der Löwe gibt sich nicht mit dem Fang von Mücken und Fliegen ab. So wird sich jeder mächtige Feind euch gegenüber verhalten, wenn ihr ihm nicht mit Gewalt entgegentretet.
Segnet deshalb lieber eure Feinde, anstatt sie zu fangen, zu richten und in Gefängnisse zu sperren. Dann werdet ihr glühende Kohlen über ihren Häuptern sammeln und sie für euch unschädlich machen.
Mit Liebe, Sanftmut und Geduld kommt ihr überall voran. Wenn ihr aber die Menschen richtet und verurteilt, die trotz ihrer Blindheit letztlich doch eure Brüder sind, werdet ihr anstelle des Segens des Evangeliums nur Fluch und Zwietracht unter den Menschen auf der Erde säen.
Ihr müsst deshalb in allem ganz Meine Jünger sein, in Wort, Lehre und Tat, wenn ihr Mir als Diener zur Ausbreitung Meines Reiches auf Erden dienen wollt. Wollt ihr dies aber nicht oder erscheint es euch zu beschwerlich und unrichtig, dann ist es für euch alle besser, heimzukehren. Ich aber kann Mir auch aus Steinen Jünger erwecken.»