Der Kaufmann sagte: «Freund, du hast in vollkommener und wahrer Weisheit mit mir gesprochen und mir gesagt, was ich in mir schon sehr oft empfunden habe. Ich begreife aber nicht, warum du so sehr darauf dringst, dass ich euch mitteile, für wen ich euch und besonders Ihn halte. Als ich dir sagte, wofür ich Ihn von Anfang an hielt, erklärtest du, dass Er das nicht sei, sondern viel mehr. Wie man jedoch, ohne Gott zu sein, mehr sein kann als der irdische Gott der Menschheit, das heisst mehr als ein Kaiser, begreife ich nicht. Nur Jehova ist irdisch und geistig mehr als der irdische Gott Kaiser. Aber Er wird das doch nicht sein?»
Jonael sagte: «Ich sage dir: Betrachte unsere Gesellschaft etwas genauer; vielleicht fällt dir doch etwas an ihr auf. Was hältst du von den vielen herrlichen Jünglingen, die du in unserer Gesellschaft siehst? Betrachte sie und sprich dann.»
Der Kaufmann sagte: «Bis jetzt hielt ich sie für Edelknaben des Kaisers und Söhne römischer Patrizier, obwohl sie wegen ihrer feinen weissen Haut und Farbe eher verkleidete Mädchen aus dem hinteren Kleinasien sein könnten. Wahrlich, ich habe viel Schönes dieser Art gesehen, denn früher handelte ich mit solchen Menschen nach Ägypten und Europa, besonders nach Sizilien für die grossen, aller Lebensüppigkeit ergebenen Römer. Doch Gestalten von so unaussprechlicher Herrlichkeit sind mir noch nie begegnet. Sage mir, wer sie sind und woher sie kommen. Auch deine Töchter sind von sehr herrlicher Gestalt; im Vergleich mit diesen wahrhaft prächtigen Gestalten stehen sie dennoch weit zurück. Da du sie gewiss näher kennst als ich, sage mir, wer sie sind und woher sie kommen.»
Jonael sagte: «Das zu sagen steht mir nicht zu, sondern allein Dem, Der hier inmitten meiner Töchter steht. Wende dich an Ihn; Er wird dir die richtige Auskunft geben.»
Nun wandte sich der Kaufmann ganz an Mich und sagte: «Herr dieser Scharen, die Dir nach meiner Ansicht wie Lämmer ihrem Hirten folgen, sage mir, mit wem ich in Deiner hohen Person die grosse Ehre habe zu sprechen. Man fragte mich, und ich riet auf den höchsten irdischen Rang; doch man erklärte mir, dass ich mich geirrt habe. Nun weiss ich nichts mehr zu sagen. Halte mich daher für würdig, etwas Näheres über diesen Rang zu erfahren.»
Ich sagte: «Du gehörst auch zu denen, die nicht glauben, wenn sie keine Zeichen sehen. Sehen sie aber solche, sagen sie: Siehe, das ist entweder ein Jünger der Essäer, ein Magier aus Ägypten oder sogar aus dem Land, das der Ganges bewässert, oder ein Knecht Beelzebubs. Was kann man da tun? Wenn Ich dir aber geradeheraus sage, wer Ich bin, wirst du es Mir nicht glauben.
Du hast deine Meinung ausgesprochen, und sie war falsch. Als Jonael dir sagte, Ich sei mehr als dein irdischer Gott, antwortetest du: Nur Jehova ist grösser als ein Kaiser. Damit verwahrtest du dich stillschweigend gegen die Annahme, Ich könnte mehr sein als ein römischer Kaiser. Im Grunde bekennst du ihn nur aus Furcht vor seiner irdischen Macht als das Höchste auf Erden, während du ihn in deinem Herzen schlimmer als die Pest und seine Macht schlimmer als Heuschreckenschwärme verachtest.
Heute ist bereits der dritte Tag, an dem Ich Mich in Sichar aufhalte, und von hier bis in die Stadt ist es nur ein angenehmer Spaziergang von wenigen Feldwegen. Es sollte Mich sehr wundern, wenn du von deinen Kollegen in der Stadt keine Nachricht über Mich erhalten hättest.»
Der Kaufmann sagte: «Ah, Du bist also Derjenige, von Dem man mir gestern und heute erzählt hat, Er sei der Messias und bezeuge dies durch wundervolle Taten. Du sollst das alte Haus der schönen Irhael neu gestaltet und auf wunderbar königliche Weise eingerichtet haben. Man erzählte mir auch von einer scharfen Predigt auf dem Berg, an der viele Anstoss nahmen, weil sie gewiss antimosaistisch gewesen sein soll.
Nun, nun, Du bist es also! Ich freue mich, dass Du mich besucht hast, und hoffe, Dich noch näher kennenzulernen. Weisst Du, ich bin dieser Vorstellung nicht abgeneigt und glaube fest, dass der Messias kommen wird und kommen muss. Nach meiner Berechnung wäre die Zeit ungefähr gerade richtig, denn der Druck der Römer ist kaum noch zu ertragen. Warum solltest Du nicht der erwartete Messias sein können? Das nehme ich schnell und leicht an.
Wenn Du Dir Deiner Kraft bewusst bist und es richtig verstehst, Dich überall als der Messias zu zeigen, stehe ich Dir mit meinem ganzen grossen Vermögen zur Verfügung. Diese Schweine aus den heidnischen Ländern des Abendlands sollen bald das Land unserer Väter räumen. Denn sieh, seit meiner Jugend habe ich alle meine Kräfte nur darauf verwendet, wegen des erwarteten Messias möglichst grosse Reichtümer zu sammeln. Damit soll sich durch guten Sold eine Grossmacht aus den tapfersten, verwegensten und klügsten Kriegern anwerben lassen. Ich habe bereits mit mehreren der tapfersten Völker Hinterasiens Verbindung aufgenommen. Es bedürfte nur einiger Boten, und in einer Frist von einigen Monden stünde in diesen Gegenden eine furchtbare Macht. Doch nun nichts Weiteres davon; in meinem sehr geräumigen Haus werden wir darüber weiter verhandeln.
Inzwischen wird das Mittagsmahl für euch alle bereits zubereitet sein. Kommt daher alle und esst und trinkt nach Herzenslust.»
Ich sagte: «Nun gut, bis dahin soll alles wohl und gut sein. Alles andere werden wir danach vollständig besprechen und regeln. Führe uns nun alle in den grossen Saal; jene Männer ganz hinten aber lass hier. Sie gehören nicht zu den Meinen, sondern ausschliesslich der Welt.»