Joh. 4,27. Inzwischen kamen Seine Jünger mit den eingekauften Speisen aus der Stadt zurück und wunderten sich, dass Er mit der Frau sprach. Doch fragte niemand: «Was willst Du von ihr?» oder: «Was redest Du mit ihr?»
Bei dieser Erklärung erschrak die Frau sehr, umso mehr, als gerade jetzt die Jünger mit den Speisen aus der Stadt zurückkehrten und erstaunt grosse Augen machten, weil sie Mich im Gespräch mit ihr fanden. Dennoch wagten sie weder Mich noch die Frau zu fragen, was wir getan oder miteinander besprochen hätten. Die anderen Mitreisenden schliefen zusammen mit Meiner Mutter, die ebenfalls noch dort war, so fest, dass man sie kaum wecken konnte; der weite Marsch hatte alle sehr ermüdet. Schliesslich kam auch der Jünger aus dem Dorf zurück, der ein Schöpfgefäss gesucht, aber keines gefunden hatte. Er entschuldigte sich: «Herr, das Dorf hat etwa zwanzig Häuser, doch kein einziger Mensch ist zu Hause und alle Türen sind fest verschlossen!»
Ich erwiderte: «Mach dir nichts daraus. Dies wird uns natürlich und besonders geistig noch oft begegnen: Vom Durst unserer Liebe getrieben werden wir an die Türen – die Herzen – der Menschen klopfen und ein Gefäss zum Schöpfen des lebendigen Wassers suchen, aber ihre Herzen verschlossen und leer finden. Verstehst du dieses Bild?»
Tief bewegt antwortete der Jünger: «Herr, lieber Meister, leider habe ich Dich verstanden! Wenn es so ist, werden wir keine grossen Erfolge haben.»
Ich sagte: «Und doch, Mein Bruder! Sieh diese Frau an. Einen Verlorenen zu finden ist mehr wert als neunundneunzig Gerechte, die nach ihrem Gewissen keine Busse benötigen. Sie glauben, Gott an jedem Sabbat auf Garizim zu dienen, entfernen aber schon am Vortag alle Schöpfgefässe, damit niemand am Sabbat Wasser aus dem Brunnen schöpfen und seinen Durst löschen kann, wodurch der Sabbat nach ihrer Meinung entheiligt würde. O welche grosse und blinde Torheit! Hier steht dagegen eine Sünderin mit einem guten Krug und dient uns. Was ist besser: sie oder die neunundneunzig Sabbatheiligen auf Garizim?»
Die Frau sagte tief zerknirscht: «Herr, Du Sohn des Ewigen! Hier ist mein Krug; bedient euch daraus. Ich lasse ihn zu eurem Dienst hier. Mich aber lasst schnell in die Stadt eilen, denn ich stehe in einem Kleid vor euch, das eurer unwürdig ist.» Ich sagte: «Frau, sei gesund und tu, was dir gut erscheint.»
Joh. 4,28. Da liess die Frau ihren Krug stehen, eilte in die Stadt und sprach zu den Leuten.
Vor Freude weinend verliess die Frau Krug und Brunnen und eilte in die Stadt. Im Gehen drehte sie sich oft um und grüsste Mich, denn sie liebte Mich sehr. Fast ausser Atem erreichte sie die Stadt und begegnete mehreren Männern, die wie gewöhnlich am Sabbat gemeinsam in einer schattigen Gasse auf und ab gingen. Weil sie die Frau gut kannten, fragten sie scherzend: «Nun, nun, wohin so eilig? Wo brennt es?» Die Frau sah sie mit ernstem, liebevollem Blick an und sagte: «Scherzt nicht, liebe Herren, denn unsere Zeit ist ernster geworden, als ihr ahnt.»
Joh. 4,29. Kommt und seht einen Menschen, Der mir draussen am Jakobsbrunnen alles gesagt hat, was ich je getan habe. Ist Er vielleicht Christus, der verheissene Messias?
Die Männer unterbrachen sie und fragten in banger Neugier: «Nun, was ist los? Ziehen Feinde in unser Land, oder nähert sich unserer Gegend ein Heuschreckenschwarm?»
Völlig erschöpft sagte die Frau: «Nichts von alledem! Die Sache ist viel grösser und ausserordentlicher. Hört mich ruhig an!
Schon vor einer Stunde ging ich zum Jakobsbrunnen, um Wasser für den Mittag zu holen. Dort fand ich einen Menschen am Brunnenrand sitzen, den ich anfangs fast für einen Juden hielt. Nachdem ich, ohne Ihn weiter zu beachten, Wasser geschöpft hatte, sprach Er mich an und verlangte, aus meinem Krug trinken zu dürfen. Ich verweigerte es, weil ich meinte, Er sei ein Jude.
Er aber sprach erneut, weise wie Elias, und offenbarte mir alles, was ich je getan hatte. Schliesslich lenkte Er Selbst das Gespräch auf den Messias. Als ich weiter fragte, wo, wie und wann der Messias kommen werde, sah Er mich liebevoll und ernst an und sagte mit einer Stimme, die mir durch Mark und Bein ging: «Ich bin es, Der jetzt mit dir redet!»
Schon zuvor hatte ich Ihn, als Er mir sagte, wie krank ich sei, gefragt, ob ich nicht wieder gesund werden könne. Zuletzt sagte Er: «Werde gesund!» Da wich mein Übel wie ein Wind aus mir, und nun bin ich völlig gesund. Geht hinaus und seht selbst, ob Er nicht wahrhaft Christus, der verheissene Messias, ist.
Ich bin fest davon überzeugt; denn grössere Zeichen als dieser Mensch könnte selbst Christus nicht tun, wenn Dieser es nicht wäre. Geht hinaus und überzeugt euch selbst! Ich eile nach Hause, um bessere Kleider anzuziehen, denn so könnte ich vor Seiner Herrlichkeit nicht bestehen. Er ist gewiss mehr als ein Prophet oder König des Volkes, selbst wenn Er nicht Christus sein sollte.»
Die Männer sagten: «Wenn das so ist, wäre diese Zeit wahrlich von höchstem Ernst und grösster Bedeutung. Dann müssten wir in grösserer Zahl hinausgehen, darunter auch einige Schriftkundige. Schade, dass heute alle unsere Rabbiner auf dem Berg sind. Vielleicht lässt Er Sich bewegen, einige Tage bei uns zu bleiben; dann könnten auch sie Ihn prüfen.»
Joh. 4,30. Da verliessen sie die Stadt und kamen zu Ihm.
Darauf luden sie noch weitere Menschen ein, mit ihnen zum Jakobsbrunnen hinauszugehen. So zog eine Gruppe von fast hundert Männern und Frauen hinaus, um den Messias zu sehen.