Viertes Kapitel. Belehrung der Samariter; Heilung des Sohnes eines königlichen Beamten.
Joh. 4,1–3. Als der Herr erfuhr, dass die Pharisäer gehört hatten, Jesus mache mehr Jünger und taufe mehr als Johannes – obwohl Jesus nicht Selbst taufte, sondern nur Seine Jünger –, verliess Er Judäa und zog wieder nach Galiläa hinab.
Nach dieser Rede des Johannes gingen seine Jünger sogleich zu Mir. Die Zahl Meiner Jünger wuchs von Tag zu Tag, ja oft von Stunde zu Stunde. Denn jeder, der an Mich zu glauben begann und dem Ich nach dem Mass seines Glaubens sowie nach der Wassertaufe durch Meine ersten Jünger die Hände aufgelegt hatte, wurde vom Geist der Kraft und des Mutes erfüllt und verlor jede Furcht vor dem leiblichen Tod.
Als viele dies erfuhren, machten sie es trotz Meines Verbots überall bekannt, wohin sie kamen. Dazu wurden alle Meine Taten – nicht selten mit manchen Zusätzen und Übertreibungen – in ganz Judäa verbreitet. Bei den wundersüchtigen Juden hatte dies die natürliche Folge, dass sie sich von Tag zu Tag in immer grösserer Zahl bei Mir einfanden und häufig sofort bei Mir blieben.
Es hatte aber auch die unvermeidliche, leidige Folge, dass dies alles die weit geöffneten Ohren der Pharisäer erreichte, wie schon bemerkt mit vielen Zusätzen und Übertreibungen. Einige davon klangen so ungewöhnlich, dass sogar manche Römer zu meinen begannen, Ich müsse entweder Zeus Selbst oder wenigstens ein Sohn von ihm sein.
Auch die römische Seite sandte Kundschafter zu Mir; sie fanden jedoch nicht das, weshalb man sie zu Mir geschickt hatte. In solchen Fällen wirkte Ich gewöhnlich keine Zeichen, damit dieses abergläubische Volk nicht noch vernagelter würde, als es ohnehin schon war.
Aus solchen Übertreibungen entstanden später zahlreiche falsche Evangelien, die dann das Wahre entstellten.
Die Pharisäer, diese bösen und überaus eifersüchtigen Vorsteher des Tempels und der Schrift, begannen sofort untereinander Beschlüsse zu fassen, um Mir und Johannes das Handwerk zu legen. Sie wollten uns entweder auf eine ganz «unschuldige» Art aus der Welt schaffen oder wenigstens in einer lebenslangen Versorgungseinrichtung unterbringen, die hübsch unterirdisch gelegen war, wie sie es später bei Herodes für Johannes durchsetzten.
Dass Mir solche «edlen» Absichten nicht verborgen blieben, bedarf keiner weiteren Erklärung. Um Raufereien und lästige, böse Spektakel zu vermeiden, blieb Mir jedoch nichts anderes übrig, als das ultramontan-finster gesinnte Judäa zu verlassen und Mich in das freisinnigere Galiläa zu begeben.
Joh. 4,4. Er musste aber durch Samaria reisen.
Es war sogar nicht ratsam, auf geradem Weg nach Galiläa zu gehen. Vielmehr sollte der Weg durch Samaria führen, das sich schon lange mit Hilfe der Römer von den Tempelpriestern losgemacht hatte. Für die Römer war dies eine leichte und willkommene Arbeit, denn ihr Grundsatz bestand ohnehin darin, alle Länder zu zerspalten, um sie leichter beherrschen zu können.
Deshalb galten die Samaritaner in den Augen der Priester Jerusalems als das verachtetste und gotteslästerlichste Volk der Erde. Umgekehrt standen die Jerusalemer Priester bei den Samaritanern in einem solchen Ansehen, dass der Name «Tempelpfaffe» gewöhnlich das Allerschlechteste bezeichnete. Wenn etwa ein Samaritaner in unbegründeter Aufregung zu jemandem sagte: «Du Pharisäer!», ging der Beschimpfte vor Gericht und verklagte ihn; der Beleidiger musste seine Unbesonnenheit dann oft mit einer hohen Geldstrafe und einem Jahr Gefängnis büssen. Dass keinem Pharisäer oder sonstigen Priester geraten war, Samaria zu betreten, versteht sich von selbst. Mir und allen, die Mir folgten, kam dies zugute, denn in Samaria waren wir vor der bösen Verfolgung durch die Tempeljuden sicher.
Joh. 4,5. So kam Er in eine samaritanische Stadt namens Sichar, nahe dem Dorf, das Jakob seinem Sohn Josef gegeben hatte.
Der Weg führte durch Sichar, eine Stadt nahe dem uralten Dorf, das Jakob seinem Sohn Josef als Wiegegeschenk gegeben hatte, zusammen mit den Bewohnern, die gewöhnlich Hirten waren und die er mit Rahel als Mitgift erhalten hatte. Sichar war keine Hauptstadt des Landes; dennoch lebten dort viele sehr wohlhabende Samaritaner und manche reichen Römer, weil die Stadt schön gelegen und die Gegend sehr gesund war.
Joh. 4,6. Dort befand sich der Brunnen Jakobs. Weil Jesus von der Reise müde war, setzte Er Sich auf die steinerne Einfassung des Brunnens; es war ungefähr um die sechste Stunde.
Nach heutiger Zeitrechnung waren wir in Judäa schon gegen vier Uhr aufgebrochen. Wir gingen ohne Rast zügig vorwärts und erreichten genau um zwölf Uhr mittags – damals die sechste Stunde – den alten Jakobsbrunnen. Er lag vor dem Dorf, kaum etwa vierzig Schritte davon entfernt, in Richtung Sichar. Der Brunnen hatte eine sehr gute Quelle, war von einer nach alter Art zierlich gemeisselten Steineinfassung umgeben und zusätzlich von schattigen Bäumen umwachsen.
Der Tag war wegen des Hochsommers heiss, und auch Ich Selbst war körperlich von der anstrengenden Reise sehr müde. Alle, die Mir aus Judäa und schon früher aus Galiläa gefolgt waren, suchten teils im Dorf, teils unter den schattigen Bäumen Unterkunft und die wegen ihrer grossen Müdigkeit höchst willkommene Rast.
Selbst die ersten Jünger – Petrus, Mein Johannes, Andreas, Thomas, Philippus und Nathanael – fielen wie halbtot auf das üppige Gras unter den Bäumen. Nur Ich, obwohl ebenfalls sehr müde, setzte Mich auf die steinerne Einfassung des Brunnens. Ich wusste nämlich im Voraus, dass sich dort bald eine gute Gelegenheit bieten würde, mit den zwar halsstarrigen, sonst aber weniger vorurteilsbelasteten Samaritanern in eine sehr nützliche Begegnung zu geraten. Zugleich war Ich sehr durstig und wartete auf ein Gefäss zum Wasserschöpfen. Ein Jünger war ins Dorf gegangen, um eines zu holen, kam aber nicht so bald wie gewünscht zurück.