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GEJ 1.16

Quelle: Jakob Lorber

Kapitel 16 von 161

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GEJ 1.16.1

Wie hier erzählt, ist dies der zwar nicht sehr ausführlich dargestellte historisch-natürliche Verlauf der beiden Begebenheiten des zweiten Kapitels. Es trug sich daneben noch manches zu, das wegen seiner Geringfügigkeit nicht erzählt zu werden braucht, weil es erstens die Arbeit unnötig verlängern und zweitens der Sache weder einen höheren Wert noch eine tiefere Erkenntnis geben würde. Es bleibt nur noch, den geistigen Sinn der zweiten Begebenheit kurz darzustellen. Damit ist dieses zweite Kapitel insoweit beendet, als es in sich abgeschlossen nur zwei Hauptbegebenheiten vor die Augen des Lesers und Hörers stellt.

GEJ 1.16.2

Der geistige Sinn der ersten Begebenheit zu Kana in Galiläa ist bereits gegeben worden. Daher haben wir nur noch den geistigen Sinn der zweiten Begebenheit darzustellen; er ist folgender Art:

GEJ 1.16.3

Der Tempel stellt den Menschen in seiner natürlich-weltlichen Sphäre dar. Im Tempel wie im Menschen befindet sich jedoch ein Allerheiligstes. Deshalb soll auch das Äussere des Tempels geheiligt und rein gehalten werden, damit das Innerste, das Allerheiligste des Tempels wie auch des Menschen, nicht entheiligt wird.

GEJ 1.16.4

Das Allerheiligste des Tempels ist zwar durch einen starken Vorhang bedeckt, und nur der oberste Priester darf es zu bestimmten Zeiten betreten. Der Vorhang und der nur selten erlaubte Zutritt schützen das Allerheiligste vor Entheiligung. Denn wenn jemand mit seinem Leib sündigt, verunreinigt er nicht nur den Leib, sondern auch seine Seele und durch sie seinen Geist, der in jedem Menschen das Innerste und Allerheiligste darstellt und tatsächlich ist. Dieses Allerheiligste liegt im Menschen – entsprechend dem Tempel – tief hinter einem starken Vorhang. Nur die alleinige Liebe zu Gott, der wahrhaftigste Oberpriester Gottes in jedem Menschen, darf straflos in dieses Allerheiligste eindringen und den Vorhang lüften. Wird jedoch dieser einzige Oberpriester im Menschen selbst unrein, weil er sich an unreine weltliche Dinge hängt und sich mit ihnen gemeinmacht, wie soll dann das Allerheiligste unentheiligt bleiben, wenn es von einem unreinen Oberpriester besucht wird?

GEJ 1.16.5

Wenn somit im Tempel wie im Menschen alles unrein geworden ist, kann es durch den Menschen selbst nicht mehr gereinigt werden. Denn wenn der Besen voller Kot und Unrat ist, wie sollte er zur Reinigung eines Zimmers taugen? Dann muss leider Ich Selbst Hand anlegen und den Tempel mit Gewalt reinigen, und zwar durch verschiedene schmerzhafte Dinge wie Krankheiten aller Art und andere scheinbare Unglücksfälle, damit der Tempel rein wird.

GEJ 1.16.6

Die «Verkäufer» und «Käufer» sind die niederen, unreinen Leidenschaften im Menschen. Das zum Verkauf angebotene Vieh stellt die unterste Stufe tierischer Sinnlichkeit dar und zugleich die dadurch erzeugte grosse Dummheit und Blindheit der Seele. Ihre Liebe gleicht der eines Ochsen, dem sogar die sinnliche Zeugungs- und Geschlechtsliebe fehlt und den nur noch die allergröbste, polypenartige Fressgier belebt; ihre Erkenntnis gleicht dem bekannten Erkenntnisvermögen der Schafe.

GEJ 1.16.7

Was bedeuten nun die Wechsler und ihre Geldgeschäfte? Sie bezeichnen im Menschen alles, was aus seiner bereits völlig tierisch gewordenen Eigenliebe hervorgeht. Denn das Tier liebt nur sich selbst, und ein Wolf frisst den anderen auf, wenn er Hunger hat. Diese «Wechsler», also eine solche tierische Eigenliebe, müssen daher mit aller schmerzlichen Gewalt aus dem Menschen hinausgeschafft werden; und alles, was diese Liebe belebt, muss umgeworfen und verstreut werden.

GEJ 1.16.8

Warum aber nicht ganz vernichtet? Weil auch einer solchen Liebe die Freiheit nicht genommen werden darf. Denn der edle Same, das Weizenkorn, gedeiht am besten auf einem mit tierischem Unrat gut gedüngten Acker und bringt eine reiche Ernte. Nähme man dem Acker jedoch den Dünger völlig, um ihn gleichsam von allem Unrat vollständig zu reinigen, würde das edle Weizenkorn nur schlecht gedeihen und gewiss eine sehr dürftige Ernte bringen.

GEJ 1.16.9

Der Unrat, der anfangs haufenweise auf den Acker gebracht wird, muss verteilt und verstreut werden; dann dient er dem Acker. Liesse man ihn jedoch in grossen Haufen beisammen, würde er dort, wo er liegt, alles ersticken und den übrigen Teilen des Ackers nichts nützen.

GEJ 1.16.10

Darin liegt der entsprechende Grund der evangelischen Geschichte von der Tempelreinigung, weshalb Ich das Geld der Wechsler nur verstreut und nicht völlig vernichtet habe, obwohl Mir auch das sehr leicht möglich gewesen wäre.

GEJ 1.16.11

Was stellen aber die Taubenhändler im Inneren des Tempels dar, die ebenfalls hinausgehen und auf ihre früheren, ihnen zugewiesenen Plätze zurückweichen müssen?

GEJ 1.16.12

Darunter ist die äussere Tugend zu verstehen, die in allerlei Zeremonien, Anstand, Höflichkeit, Artigkeit und Ähnlichem in rein weltlicher Hinsicht besteht. Die Blindheit der Menschen will sie jedoch zu einem inneren Lebenswert erheben und das wahre Leben des Menschen darin wurzeln lassen.

GEJ 1.16.13

Die Taube ist ein Tier der Luft. Da sie im Orient häufig als Briefbotin benutzt wurde, besonders in Liebesangelegenheiten, bedeutete sie in entsprechender Weise schon bei den alten Ägyptern als Hieroglyphe die zärtliche und anmutige Unterhaltung. So diente sie im Tempel als Zeichen einer solchen Unterhaltung und war zugleich ein gebräuchliches, entsprechendes Sinnbild unter den Opfertieren. Junge Eheleute brachten sie gewöhnlich bei der ersten Geburt im Tempel als Opferzeichen dar, dass sie nun von solchen äusseren Botschaften, Artigkeiten und zeremoniellen Zierereien frei geworden und in die wahre, innere, lebengebende Liebe eingegangen seien.

GEJ 1.16.14

Nach der Ordnung aller Dinge gehört nun das Äusserste in das Äusserste. Die Rinde darf sich niemals im Mark des Baumes befinden, weil sie an sich etwas völlig Totes ist; vielmehr muss alles, was zur Rinde gehört, auch in der Rinde liegen. Die Rinde ist dem Baum jedoch von grossem Nutzen, wenn sie an ihrem Platz im rechten Mass vorhanden ist. Wollte jemand die Rinde in das Mark des Baumes schieben, nachdem er dem Baum zuvor das Mark genommen hätte, müsste der Baum sogleich verdorren und sterben.

GEJ 1.16.15

Als Zeichen dafür, dass die Menschen die äusserlichen Tugenden nicht zur Sache des inneren Lebens machen sollen, wodurch der edle Mensch bloss zu einer Gesprächspuppe («Kaufhaus») würde, schaffe Ich diese Taubenhändler ebenfalls aus dem Tempel und verweise sie an ihren ordentlichen Platz, nur auf etwas höflichere Weise. Im weiteren Sinn stellen sie alle Äusserlichkeiten dar, im engeren Sinn alle Meister dieser Äusserlichkeiten, die bestrebt sind, ihre Ware zu einer Ware des inneren Lebens zu erheben.

GEJ 1.16.16

Das ist also der geistige Sinn der vorliegenden Tempelreinigung. Aus der richtigen und unveränderlichen Entsprechung zwischen dem Menschen und dem Tempel lässt sich auch erkennen, dass niemals ein Mensch auf diese Weise handeln und reden kann, sondern allein Gott als die ewige Weisheit, die alles sieht und kennt.

GEJ 1.16.17

Warum aber bleibt der Herr nach einer solchen Reinigung noch nicht im Tempel?

GEJ 1.16.18

Weil Er allein weiss, wie das Innere des Menschen beschaffen sein muss, damit Er im Menschen eine bleibende Wohnstätte nehmen kann. Zugleich darf dem Menschen nach einer solchen Reinigung die Freiheit nicht genommen werden, weil er sonst zu einer Puppe würde.

GEJ 1.16.19

Der Herr darf Sich daher dem gewaltsam ausgefegten inneren Menschen noch nicht anvertrauen; denn Er allein weiss, was zur vollständigen Wiederherstellung des inneren Menschen nötig ist. Deshalb geht der Reiniger wieder aus dem Tempel und fliesst wie zufällig von aussen in das Innere des Menschen hinein. Er fügt sich nicht der Forderung des Menschen, bei ihm und in ihm zu bleiben und ihn in seiner Trägheit zu unterstützen. Vielmehr muss der Mensch wieder zur vollen Selbsttätigkeit erwachen und erst durch sie ein vollkommener Mensch werden, wie dies im nächsten Kapitel näher dargestellt wird.

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