Und der junge Mann, der zuvor so gut gesprochen hatte, sagte durch die Bodenöffnung: »Ob der Hohepriester in Jerusalem das wohl auch mit tausend Ochsen, zehntausend Eseln und hunderttausend Schafen zustande brächte?«
Diese drollige Frage löste selbst bei den Pharisäern grosses Gelächter aus. Dennoch meldete sich ein Schriftgelehrter und rief dem launigen Sprecher durch die Bodenöffnung hinauf zu: »Mein Lieber, wage nicht zu viel! Die Arme des Hohepriesters umspannen die ganze Erde, und wer in seine Arme gerät, wird erdrückt. Der Hohepriester braucht auch keine Toten zu erwecken und keine Gelähmten gesund zu machen; denn all dies betrifft das Fleisch und nicht den Geist des Menschen und ist Sache der Ärzte, nicht der Priester. Verstehst du das?«
Der Redner sagte: »Freund, es wäre durchaus auch eine Aufgabe der Priester, wenn sie so etwas zustande brächten. Da sie es jedoch um alle Schätze der Erde nicht vollbringen können, müssen sie am Ende freilich mit stolzer Miene bekennen und sagen: ›Das ist keine Aufgabe der Priester, die nur den Geist des Menschen zu versorgen haben.‹ Ich aber meine: Wenn es einem Arzt möglich ist, einem völlig toten Mädchen, das vor unseren Augen an einem bösartigen Fieber gestorben ist — also an einem Übel, an dem noch nie jemand nur halb gestorben ist —, Geist und Seele zurückzugeben, dann wird dies doch wohl auch eine überaus mächtige geistige Versorgung sein!
Als Gott Adam allein aus Lehm schuf, war diese Schöpfung rein materiell, und ausser Gott Selbst war dabei nichts Geistiges vorhanden.
Als Gott aber danach der noch toten Form eine lebendige Seele und dieser einen denkenden Geist einhauchte, war das keine materielle, sondern gewiss eine höchst geistige Arbeit Gottes. Und wenn dieser Wunderarzt Jesus aus Nazareth hier vor unseren Augen am Töchterchen des Obersten dasselbe vollbrachte, dann wird dies doch wohl ebenfalls eine sehr geistige Arbeit und Versorgung sein!«
Der Schriftgelehrte sagte: »Das ist eine Sache, die du nicht verstehst; deshalb sollst du schweigen!«
Der junge Mann sagte: »Wenn ich noch Jude wäre, würde ich wohl schweigen. Seit ich aber kein Jude mehr bin, sondern ein ehrlicher Grieche und Anhänger der herrlichen Lehre des Sokrates, sehe ich nicht ein, warum ich vor den jüdischen Priestern schweigen sollte. Ihre heutige, über alle Massen törichte Lehre kenne ich leider nur zu gut.«
Der Schriftgelehrte sagte: »Und was findest du als Heide an der alten, rein göttlichen Lehre der Juden töricht? Sind dir Mose und alle Propheten etwa nicht erhaben genug, und hältst du ihre Lehre für töricht?«
Der junge Mann sagte: »Nein, Mose und alle Propheten, die über euch dasselbe sagten, was ich euch jetzt sage, halte ich für höchst erhabene und rein göttliche Weise. Eure Satzungen jedoch, von denen weder Mose noch irgendeiner der anderen Propheten je geträumt hatte, halte ich für völlig übermässig töricht!
Wie dient ihr Gott? Mist, Kot und Unrat verbrennt ihr auf dem Gott geweihten Altar; die fetten Ochsen, Kälber und Hammel verzehrt ihr selbst und opfert sie eurem Bauch, der niemals satt werden will. Das göttlich Reine eurer Lehre habt ihr verworfen, und wer es unter euch heute wagt, das Reine zu lehren, dem tut ihr dasselbe an, was ihr allen euren Propheten angetan habt!
Wie lange ist es denn her, dass ihr Zacharias im Tempel ermordet habt?
In Bethabara predigte sein Sohn Johannes die Wahrheit und ermahnte euch gewissenlose Frevler im Heiligtum Gottes zur Busse und zur Rückkehr zu Mose und dessen reinster Lehre. Was habt ihr mit ihm getan? Wohin kam er? Er verschwand; soweit ich weiss, wurde er nachts von bösen Schergen abgeholt!
Nun wurde hier in Nazareth Jesus als ein Prophet von Gott erweckt und vollbringt Taten, die nur den allmächtigen Göttern möglich sind, doch ihr beobachtet Ihn mit Argusaugen. Wehe Ihm, wenn Er es wagen sollte, wie ich ein Wort gegen euch und eure überaus schmutzige Lehre auszusprechen, die ihr selbst und nicht Mose geschaffen habt! Ihr werdet Ihn sofort des schwersten Verbrechens der Gotteslästerung beschuldigen und Ihn zum Dank dafür, dass Er eure Toten erweckt und eure Verkrüppelten aufgerichtet hat, steinigen oder gar ans Kreuz binden!
Denn eure Sache ist es, zu herrschen und dabei euren Bauch im höchsten Wohlleben zu mästen. Wer euch darin einschränken und zu Mose zurückführen will, ist euer Feind, und ihr habt genügend Mittel, ihn aus dem Weg zu räumen!
Ich verachte euch alle wie ein faules, stinkendes Aas, weil ihr tatsächlich die grössten Feinde Gottes und aller Seiner Menschen seid und es weiterhin bleiben werdet. Ich bin ein Heide und erkenne hier in dem Mann Jesus die reinste Kraft Gottes, und zwar in einer solchen Fülle, wie sie die ganze Erde bisher noch nie erlebt hat!
Nicht Sein Fleisch vollbringt solche nie gehörten Taten, sondern Sein allmächtiger, reinster Gottesgeist, der in aller Fülle in Ihm wohnen muss!
Seht, das erkenne ich als ein Heide, den ihr für blind erklärt habt! Was erkennt denn ihr an Jesus, der allein durch das Wort und ohne jede Medizin eure Toten erweckt und unsere Verkrüppelten wie junge Hirsche springen lässt?
Ich aber frage euch Blinde: Wer muss Derjenige sein, den es nur ein williges Wort kostet, damit Sturm und Wind verstummen, die Toten auferstehen und die Lahmen zu springen beginnen, als wären sie in die Natur von Hirschen verwandelt worden?«
Durch diese wirklich sehr wahre und kühne Rede hatte er sämtliche Pharisäer und Schriftgelehrten so heftig erzürnt, dass sie ihn vor Wut und Grimm zerrissen hätten, wenn sie seiner leicht hätten habhaft werden können. Doch vor der grossen Volksmenge war das weder möglich noch ratsam, denn das ganze Volk jubelte über diesen jungen Mann, der endlich den Mut gehabt hatte, den überaus hochmütigen Pharisäern und Schriftgelehrten die volle Wahrheit recht derb unter die Nase zu reiben.