Während die Pharisäer und Schriftgelehrten mit den Jüngern allerlei Worte wechselten, brachten acht Männer einen Gelähmten auf einem Bett, damit Ich ihm helfe. Das Haus war jedoch derart von Menschen umlagert, dass es ihnen nicht möglich war, den Kranken ins Haus und vor Mich zu bringen. Sie befürchteten, Ich würde durch die kleine Tür, die aus dem Haus zum Meer führte, sofort ans Meer gehen und von dort irgendwohin fahren, weil das Haus dicht am Meer lag. Einer von ihnen ging daher zu dem ihm bekannten Hausherrn und sagte: »Freund, sieh: Wir acht Brüder haben den Bruder unserer Mutter, der wegen schwerster Lähmung seit fünf vollen Jahren das Bett nicht mehr verlassen konnte, zusammen mit seinem Bett hierhergebracht. Wir wollen ihn Jesus, dem berühmtesten Wunderheiland, der Sich jetzt in deinem Haus befindet, zur Heilung vorstellen, die Ihm gewiss möglich ist. Wegen der ungeheuren Volksmenge können wir ihn jedoch nicht ins Haus vor Jesus bringen. Freund, rate mir, was ich tun soll.«
Der Hausherr sagte: »Das wird allerdings schwierig, denn das Zimmer, in dem Sich Jesus befindet, ist dicht mit Menschen gefüllt. Dort sind über hundert Seiner Jünger sowie eine grosse Menge Pharisäer, Priester und Schriftgelehrte aus allen Orten und Gegenden, die darin ihre Beratungen halten. Doch wegen unserer alten und guten Freundschaft will ich bei dieser ausserordentlichen Gelegenheit trotzdem etwas für euch tun.
Seht, mein Haus ist wie die meisten Fischerhäuser mit Schilf gedeckt. Wir stellen von draussen zwei Leitern ans Dach und decken es rasch so weit ab, dass ihr den Kranken samt dem Bett durch die entstandene Öffnung hindurchbringen könnt. Wenn er auf diese Weise auf dem Dachboden ist, bindet ihr starke Stricke an die vier Ecken des Bettes; davon habe ich unten viele. Dann öffne ich die Falltür in der Mitte des Bodens, und wir lassen den Kranken samt dem Bett an den Stricken ins Zimmer hinab. Dort kann er Jesus selbst bitten, ihn gesund zu machen. Die Menschen, die im Zimmer unter der Öffnung stehen, werden schon Platz machen, wenn sie das Krankenbett nicht auf ihren Köpfen ruhen lassen wollen.«
Der Vorschlag gefiel einem der acht Männer, und zum sogar belustigten Erstaunen der grossen Volksmenge legten sie sofort Hand ans Werk. Das ganze Unternehmen verlief gut und ohne jede Störung. Nur ein ausgesprochen törichter ultramontaner Anhänger des Tempels, der den Buchstaben des Gesetzes mit der Schärfe eines Zirkels abmass, bemerkte gegenüber den Männern, die das Dach abtrugen, mit vermeintlicher Gewissenhaftigkeit, sie sollten bedenken, dass nun eine hohe Sabbatzeit sei.
Die acht Männer erwiderten: »He, was hast du alter Tempelochse hier zu reden? Halte dein zahnloses Maul, krieche nach Jerusalem hinauf in den salomonischen Stall für Ochsen, Esel, Kälber und Schafe und plärre dort mit diesen gewöhnlichen Füllern des Gotteshauses deine Jeremiaslieder. Wir haben euren heutigen rein tierischen Gottesdienst längst hinter uns gelassen und wissen, dass Gott an guten Werken mehr Wohlgefallen hat als am Gebrüll eurer Ochsen und Esel.«
Diese sehr energische Erwiderung eines der acht Männer gegen den Tempelanhänger brachte den strengen Sabbathüter umso schneller und sicherer zum Schweigen, als die laute Entgegnung bei der gesamten grossen Volksmenge ungeheuren Beifall fand. Denn für die meisten Galiläer galten die Umtriebe des Tempels schon lange nichts mehr.
Der noch junge Mann hatte mit wenigen Worten die volle Wahrheit auf eine Weise dargelegt, die Mir nur ein wenig zu drollig erschien, und erhielt gerade deshalb noch mehr Beifall. Denn bei grossen Festen brachte man eigens eine Menge Rinder in den Tempel, ebenso Esel und Schafe, die gewöhnlich am meisten brüllten und blökten. Diese Tiere liess man zudem einige Tage fasten, damit sie während der Opferung im Tempel umso grösseren Lärm machten und die Menschen zum Zittern und Beben brachten.
Wahrlich, der hohe Gottesdienst im Tempel war besonders an den grossen Festtagen etwas so töricht-grässliches und zugleich so schweinisches, wie man etwas Ähnliches sonst wohl auf der ganzen Erde nicht finden würde, nicht einmal bei den wildesten Völkern. Daher hatte der junge Mann dem scharfen Tempelanhänger eine vollkommen wahre Erwiderung gegeben, an der Ich Selbst grosses Wohlgefallen hatte, weil Ich in Mir wusste, dass und wie sie ausgesprochen worden war.
Bald nach dieser Szene wurde die Falltür des Zimmers oder vielmehr des Dachbodens geöffnet. Ein Pharisäer, der sich wichtigmachte, rief fragend hinauf: »Was gibt es dort oben, was geschieht da?«
Der frühere schlagfertige Sprecher sagte: »Habt nur ein wenig Geduld, ihr werdet es sofort sehen. Seht, heute ist Sabbat; an diesem Tag kommt, wie ihr es in den Synagogen und Schulen lehrt, das Heil gewöhnlich von oben. Diesmal aber befindet sich das Heil der Menschen unten. Daher kommt nun einer, der noch kein Heil besitzt, von oben zu euch herab und wird hier unten sein Heil suchen. Somit geschieht hier nichts Sabbatwidriges. Denn es wird doch gleichgültig sein, ob am Sabbat das Heil von oben herabkommt oder ob jemand das Heil unten sucht, wenn es schon vor ihm aus den Himmeln zu den blinden Menschen herabkam, die es nicht sehen können, selbst wenn sie bereits mit der Nase daranstossen.«
Diese Ansprache fand unter den Jüngern erneut grossen Beifall, erregte jedoch Ärger bei den Pharisäern. Die Jünger riefen laut: »Also herab mit dem Unheilvollen von oben, der nun hier unten das Heil sucht!« Sogleich wurde der Kranke hinabgelassen.
Als er nun auf dem Bett vor Mir lag, bat er Mich weinend, ihm zu helfen. Da Ich sah, dass der Kranke und auch diejenigen, die ihn auf diese Weise zu Mir gebracht hatten, einen rechten und wahren Glauben besassen, sagte Ich zu ihm: »Sei getrost, Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!« Ich sagte dies hier nur im Voraus, um die Schriftgelehrten, die Mir bereits sehr gewogen waren, für sie selbst zu prüfen. Denn die Erweckung der Tochter des Jairus, ihres Vorstehers, hatte Mir diese Art von Menschen zu Freunden gemacht.
Als Ich zu dem Kranken sagte: »Deine Sünden sind dir vergeben«, entstand sogleich Ärger bei einigen strengen Schriftgelehrten. Sie sagten in ihren Herzen zu sich selbst: »Was ist das, was hören wir? Wie kann Er ein rechter Heiland, ein Arzt, sein? Er lästert Gott!« Denn sie hielten Mich nur für einen besonderen Arzt. Dass jedoch eine göttliche Kraft in Mir wohnen könnte, war für sie ein crimen sacri laesi. Ihrer Ansicht nach befand sich Gottes Kraft nur in den Priestern, Leviten, Pharisäern und Schriftgelehrten, und zwar ganz besonders allein im Tempel zu Jerusalem.
Da Ich ihre innersten Gedanken natürlich sehr schnell bemerkte, sprach Ich sie sogleich an: »Warum denkt ihr so Böses in euren Herzen? Was ist leichter zu sagen: ›Deine Sünden sind dir vergeben‹ – was ihr doch stets und besonders zu den Menschen sagt, die mit reichen Opfern zu euch kommen, obwohl damit im Grunde niemandem geholfen ist – oder wirkungsvoll zu sagen: ›Steh auf und geh umher‹?«
Ein Schriftgelehrter sagte: »Ich meine, diesem Menschen wirst Du auch weiterhin mit der Sündenvergebung nicht viel helfen können. Wem die Lähmung einmal so zugesetzt hat wie diesem hier, dem hilft nur noch der Tod.«
Ich sagte: »Meint ihr es also? Ich aber sage euch: Damit ihr sehen und erkennen könnt, dass der Menschensohn auf Erden auch Macht hat, Sünden zu vergeben, sage Ich nun vor euch mit Wirkung zu diesem Kranken, der für euch, die ihr euch anmasst, allein die von Gott verliehene Gewalt zur Sündenvergebung zu besitzen, nur durch den Tod heilbar ist: Steh auf, nimm dein Bett und geh völlig gesund und getrost nach Hause!«
Bei diesen Worten streckte der Kranke plötzlich vollkommen gesund seine zuvor erbärmlich verdrehten und teilweise schon völlig verdorrten Glieder aus. Augenblicklich erhielt er auch sein ganzes Fleisch zurück und dankte Mir weinend vor übergrosser Freude. Dann stand er sogleich von seinem Bett auf und war sofort so stark und kräftig, dass er die Stricke vom Bett löste, das ziemlich schwere und umfangreiche Bett unter den linken Arm nahm, sich damit mühelos einen Weg durch das grosse Gedränge bahnte und es selbst bis nach Kapernaum zu sich nach Hause trug.
Das ganze Volk, das dort anwesend war und diese Tat gesehen hatte, begann laut Gott zu loben und zu preisen, weil Er einem Menschen eine solche Macht gegeben hatte, die nur Gott Selbst besitzen kann und durch die Ihm alle Dinge möglich sind.
Diese Tat bestärkte die anwesenden Pharisäer und Schriftgelehrten erneut, sodass sie ihre bösen Gedanken wieder aufgegeben und gesagt hätten: »Das ist wahrlich unerhört! Wie Dir so etwas möglich ist, kann gewiss nur Gott allein wissen und sonst kein Mensch auf der ganzen Erde.«