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GEJ 1.107

Quelle: Jakob Lorber

Kapitel 107 von 161

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GEJ 1.107.1

Ich aber sage zu Simon von Kana: »Hast du nun gesehen, wie gut es ist, zur rechten Zeit schweigen zu können? Wo die anderen für uns reden und handeln, können wir jederzeit gut schweigen. Verstehst du das?«

GEJ 1.107.2

Simon von Kana sagt: »Ja, Herr, das verstehe ich. Nun sehe ich klar ein, dass es viel besser ist zu schweigen als zu reden. Zwar fühlt man sich bei solchen Gelegenheiten manchmal geradezu an den Haaren dazu gezogen, die eigene Zunge in stärkste Bewegung zu versetzen; hier aber hat es sich so wahr und tatsächlich erwiesen, dass das Schweigen zur rechten Zeit um vieles besser ist als die gediegenste Rede. Im Übrigen konnten wir hier auch gut schweigen; denn in dem einen Mann, der sich den Priestern als Römer vorstellte, hatten wir einen überaus mutigen, wortgewandten und sachkundigen Vertreter.

GEJ 1.107.3

Beinahe wäre mir das Lachen angekommen, als die drei Templer sich zurückzuziehen begannen und dadurch in diesem Land nun fast ihr ganzes Ansehen verloren haben. Ihre Gesichter wurden immer länger, und bei der zunehmend kräftigen Rede des Römers aus Kapernaum begannen ihre Füsse merklich unruhig zu werden und trafen sofort die passenden Vorbereitungen zum Davongehen. Als ich diese ganz eigentümliche Unruhe in den Füssen der drei Templer bemerkte, sagte mein Geist zu mir: ›Jetzt werden sie gleich unsichtbar werden!‹ Und tatsächlich: Sie wurden unsichtbar!

GEJ 1.107.4

Wahrlich, Herr, es kann doch keine Sünde sein, wenn solchen grundschlechten und völlig unverbesserlichen Lumpen manchmal — wie jetzt — ein ganz besonders dicker Strich durch die Rechnung gemacht wird und man dabei im Herzen ein beinahe unvermeidliches Wohlbehagen empfindet. Ich für meinen Teil hätte dem Römer jedes Wort vom Mund nehmen können!«

GEJ 1.107.5

Ich sage: »Über jede zur rechten Zeit eingetretene Gegenwirkung, durch die das noch so verborgen gehaltene Böse aufgedeckt und vernichtet wird, darf sich eine ehrliche Brust mit vollem Recht freuen und eine das Gemüt stärkende Heiterkeit empfinden. Doch wohlgemerkt: nur über die gelungene Vereitelung des an sich Bösen, Falschen und Schlechten, niemals aber über den Menschen, der einer solchen Sünde meist in seiner Blindheit als Knecht gedient hatte.

GEJ 1.107.6

Du hast doch die beiden Gadarener gesehen und erkannt, wie böse sie waren. Als Ich aber die Legion Teufel aus ihnen getrieben habe, wurden sie gut und sanft und lobten und priesen Gott dafür, dass Er einem Menschen solche Macht gegeben hatte. Wäre es richtig gewesen, sich dort nur darüber zu freuen, dass den beiden Verruchten, die ein Schrecken der ganzen Gegend waren, ihr böses Handwerk gelegt wurde und dass man obendrein einigen Schweinewucherern ihre Wuchermittel ins Meer gestürzt hatte? Eine solche Freude wäre jedes wahren Menschen sehr unwürdig gewesen. Wenn man sich aber zu Recht darüber freute, dass zwei schwer geplagten Menschen die Plage genommen wurde und dass darauf die bösen Plageteufel durch die Vernichtung ihres eigenen, bei den Gadarenern sorgfältig gepflegten bösen Wuchergeistes schliesslich der guten Sache des Himmels dienen mussten, dann war eine solche Freude und Heiterkeit himmlischer Art und somit vollkommen gut.

GEJ 1.107.7

Ich sage es euch allen aus der volllebendigen Tiefe der Wahrheit: Wer über einen dummen Menschen lacht, zeigt damit, dass er selbst die beste Anlage zur Dummheit hat. Denn der eine handelt aus seiner Dummheit heraus töricht, und die eine Dummheit findet an der anderen so sehr ihr Vergnügen, dass es ihr am Ende gar nicht recht ist, wenn der erste von seiner Dummheit ablässt und vernünftig zu handeln beginnt.

GEJ 1.107.8

Ganz anders ist es jedoch, wenn ihr einen töricht Handelnden brüderlich zurechtweist und dann mit freudigem und heiterem Herzen lacht, sobald der Törichte beginnt, weise zu handeln. Dann entsprechen eure Freude und Heiterkeit der Ordnung der Himmel und sind somit gut, richtig und gerecht.

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Welche Freude und Heiterkeit kann es einem Menschen, weise betrachtet, überhaupt bereiten, wenn ein Blinder auf dem Weg geht und zu einem Sehenden, der denselben Weg geht, sagt: ›Freund, ich habe mich auf dem Weg verirrt und weiss nicht, ob ich vorwärts oder rückwärts gehe. Dort vorne soll mein Haus sein. Nach der Zahl meiner Schritte müsste ich mich bereits ganz in seiner Nähe befinden. Wenn ich mich aber in meiner leicht überkommenen Verirrung als völlig Blinder statt vorwärts rückwärts gewandt habe, wäre ich nun weiter von meinem Haus entfernt als an dem Punkt, von dem aus ich nach Hause gehen wollte. Sei so gut und bringe mich auf dem richtigen Weg zu meinem Haus.‹

GEJ 1.107.10

Wenn nun der Sehende den Blinden auslacht und, obwohl er sich mit ihm ganz in der Nähe des Hauses befindet und nur noch zehn Schritte bis zum Hauseingang hätte, zu ihm sagt: ›Oh, da bist du sehr in die Irre gegangen! Gib mir deine Hand; auf deine Bitte werde ich dich, auch wenn es noch etwas weit ist, in dein Haus führen.‹ Der Blinde freut sich sehr und dankt dem sehenden Führer im Voraus. Dieser führt ihn ständig lachend zwanzigmal um sein Haus herum und sagt schliesslich mit Lachen im Herzen: ›Nun, Freund, sind wir angekommen; da ist dein Haus!‹ Der Blinde dankt ihm über alle Massen, während der Sehende voller Lachen ist, weil ihm der Spass gelungen ist.

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Ich frage nun: Wer ist in diesem Fall blinder — der Blinde selbst oder sein sehender Führer? Ich sage es euch: der herzlose Führer. Denn er ist im Herzen blind, und das ist schlimmer als tausendfache Blindheit im Kopf.

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Ebenso lachen die Menschen über allerlei scharfe Reden, ganz besonders dann, wenn diese viele derbe und unflätige Anspielungen enthalten und manche Schwächen und Sünden ihrer Brüder vor die Augen und Ohren der Welt bringen.

GEJ 1.107.13

Ich sage es euch: Wer über dergleichen lachen kann oder als Zeuge überaus lustig wird, wenn irgendein Spassmacher einen schwachen Menschen ungeheuerlich belügt und ihm etwas Leeres, matt Versilbertes als echte Perle verkauft, in dessen Herz hat der Teufel eine reiche Fülle allerlei bösen Samens gestreut, aus dem niemals eine Frucht des Lebens hervorgehen werde.

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Deshalb ist es besser, sich von all dem abzuwenden und lieber dort zu trauern, wo die blinde Welt zu frechem Lachen angestachelt wird. Denn die Komödie der Welt ist für die wahren Kinder Gottes stets ein Trauerspiel; und nur zu oft weinen die Engel Gottes im Himmel, wenn die Weltmenschen in ihrem bösen Unsinn lachen.

GEJ 1.107.15

Lassen wir daher auch die drei Templer. Sie sind zwar voller Bosheit, aber dennoch Menschen und nur durch den Einfluss Satans sowie aus reiner Welt- und Selbstliebe, die ihnen eigen ist, missratene Kinder desselben Vaters, der auch euer Vater ist. Darum ist nur ihr Böses zu verachten; sie als Menschen und Brüder sind dagegen zu beweinen.

GEJ 1.107.16

Es ist besser, den berauschten Noah zu bedecken, als ihn zu entblössen und dem Gelächter der Welt preiszugeben.

GEJ 1.107.17

Wenn ihr dies nun in euren Herzen begriffen habt, dann lasst uns ebenfalls aus der leer gewordenen Synagoge nach Hause gehen; denn das Mittagsmahl wird zubereitet sein. Und so gehen wir nun!«

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