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GEJ 1.56

Quelle: Jakob Lorber

Kapitel 56 von 161

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GEJ 1.56.1

Nach einer kurzen Weile sagte der reiche Kaufmann: «Liebe hohe Gäste, nichts ist besser, als dem Mund sorgfältig eine Sperre anzulegen und so wenig wie möglich zu reden. Niemals darf man offen kundgeben, was man im Herzen denkt und fühlt, am allerwenigsten vor hohen Personen. Hohe Menschen haben eine sehr empfindliche Haut, die den scharfen Schlag der Wahrheit nicht verträgt. Besonders in Gegenwart solcher höchsten Herrschaften ist es gefährlich, mit der Wahrheit hervorzutreten. Solche Herrschaften besitzen etwas, das Versuchung heisst, und davor muss man sich mehr hüten als vor Schlangen, Nattern und Basilisken; dafür gibt es höchst merkwürdige Beispiele. Jeder soll denken, was er will, im Handeln aber ein guter Patriot sein, dann wird er mit allen Menschen gut auskommen. Doch er soll so wenig wie möglich reden, sonst könnte er sehr leicht mit den schrecklichen Gerichtsdienern in eine äusserst unangenehme Berührung kommen.

GEJ 1.56.2

Eigentlich habe ich bereits viel zu viel Wahrheit gesprochen. Darum bleibe ich nun fest beim Kaiser und sage noch einmal: Auf der Erde gibt es ausser dem Kaiser Roms nichts Höheres. Caesarem cum Jove unam esse personam. Was ein Cäsar will, vollzieht die Gottheit still.

GEJ 1.56.3

Darum fort von der Erde mit der Wahrheit, falls es überhaupt eine Wahrheit gibt; sie taugt nicht für das Menschengeschlecht. Wie viel Unheil hat sie schon angerichtet! Ihre Lehrer haben ihren Wahrheitsgeist entweder am Kreuzpfahl oder unter dem Schwert ausgehaucht. Wer sich dagegen dem Lügen gewidmet hatte, kam stets mit heiler Haut davon. Höchstens mussten solche Menschen gelegentlich, wenn sie zu dumm gelogen hatten, beschämt zu Boden blicken; sonst geschah ihnen nicht viel. Dagegen sind, mit wenigen Ausnahmen, fast alle grossen Freunde der Wahrheit eines gewaltsamen Todes von der Erde gegangen.

GEJ 1.56.4

Wenn der Wahrheit aber ein solcher «Lohn» folgt, welcher Esel oder Ochse wird dann noch ihr Freund sein wollen? Man sollte sie lieber wie einen Gefangenen in der eigenen Brust eingeschlossen halten und frei unter den Menschen wandeln, statt durch ihre Freilassung selbst an Leib und Seele zum Gefangenen zu werden. Denn wenn der Leib im Kerker schmachtet, kann die Seele nicht für sich allein in einem Lustgarten umhergehen.

GEJ 1.56.5

Ich habe noch nie gehört, dass die Wahrheit etwas Gutes bewirkt hätte. Einige Beispiele sollen euch die Sache in ein helleres Licht rücken:

GEJ 1.56.6

Ein Dieb wurde wegen starken Verdachts verhaftet und steht vor strengen Richtern. Versteht er sich aufs Lügen, wird er aus Mangel an ausreichenden Beweisen freigelassen; sagt der Esel aber die Wahrheit, wird er mit aller Härte bestraft. Dann soll der Beelzebub die Wahrheit holen!

GEJ 1.56.7

Wie so oft wurde jemand bei einem Geschäft von einem Schlaukopf um einen bedeutenden Betrag betrogen. Der Betrogene besitzt ohnehin viele Geschäfte und Vermögen, bemerkt den Betrug nicht und ist guter Dinge. Dann kommt ein Freund der Wahrheit, der den Betrug bemerkt hatte, und eröffnet ihm, um welchen Betrag sein Geschäftsmann ihn betrogen hat. Von diesem Augenblick an wird der Betrogene unglücklich, geht zum Richter und wendet viel Geld auf, um den Betrüger bestrafen zu lassen. Hat ihm diese Wahrheit etwas Gutes gebracht? Nein, sie hat ihm nur Zorn und Rache erweckt und ihn zu noch grösseren Ausgaben verleitet. Dem Betrüger, der zu lügen verstand, schadete die Wahrheit des Verräters nicht, weil ihm die Lüge half. Gerade den Wahrheitsfreund aber brachte sie als angeblich böswilligen Verleumder ins Gefängnis. Welchen Lohn zahlte die Wahrheit hier wiederum ihrem Freund?

GEJ 1.56.8

Darum fort von der Erde mit der Wahrheit! Sie allein ist am ganzen Unglück der Menschen schuld, wie auch Mose im ersten Buch sagt: «Sobald du vom Baum der Erkenntnis als dem Baum der vielfältigen Wahrheit essen wirst, wirst du sterben.» So ist es und so bleibt es bis heute. Mit der Lüge gelangt man auf den Thron und mit der Wahrheit ins Gefängnis. Eine schöne Bescherung für die Freunde der Wahrheit!

GEJ 1.56.9

Sucht daher die Wahrheit, wo ihr wollt; nur mich lasst in Ruhe. Was meine Speisekammern enthalten und in meinen Gärten wächst, steht euch zur Verfügung. Das Heiligtum meines Herzens aber gehört mir allein als Gabe Jehovas. Euch und der ganzen Welt gebe ich, was ich von der Welt habe, und das ist das Heil der Welt. Gottes Heil aber behalte ich allein für mich.»

GEJ 1.56.10

Der Oberpriester sagte: «Ich bekenne dir offen, dass du die weltlichen Verhältnisse der Welt ganz richtig beurteilt hast. Weil du aber von Mose gesprochen hast, wirst du auch wissen, dass Mose von Gott ein Gesetz für sein Volk erhielt, das die Lüge und das falsche Zeugnis verbietet und alle Menschen zur Wahrheit verpflichtet. Wenn alle Menschen dieses Gesetz befolgen würden, wäre das Leben auf der Erde dann nicht herrlich?

GEJ 1.56.11

Ich sage dir, und du musst es einsehen: Nicht die Wahrheit, sondern allein die Lüge bringt alles Unheil unter die Menschen auf der Erde. Dies geschieht, weil die Menschen einander, mit seltenen Ausnahmen, herrschsüchtig und hochmütig begegnen. Jeder will mehr sein als sein Mitmensch. Deshalb greift der blinde Mensch nach allen Mitteln, die ihn befähigen, vor seinem Mitmenschen einen möglichst grossen Vorrang zu zeigen und den Schwächeren glauben zu lassen, er sei weit mehr und viel vorzüglicher als jeder andere Mensch.

GEJ 1.56.12

Diese Gier nach Rang verleitet die Menschen mit der Zeit zu allerlei Lastern, sogar zu Mord und Totschlag, wenn es ihnen auf anderen Wegen der Lüge und des Betrugs nicht gelingt, zu grossem Rang und Ansehen unter den Menschen zu gelangen.

GEJ 1.56.13

Weil nahezu alle Menschen besser und vorzüglicher erscheinen wollen, als sie sind, bleibt ihnen offenbar nichts anderes übrig, als sich gegenseitig auf jede Weise fortwährend so viel wie möglich zu belügen. Inmitten solcher Menschen hat die Wahrheit einen überaus schweren Stand.

GEJ 1.56.14

Würden die Menschen den unendlichen Vorzug der Wahrheit vor der Lüge erkennen, was sehr leicht möglich wäre, wenn sie Gott und Seine heiligen Gesetze durch wahrhaftiges Handeln achteten, dann würden sie die Lüge schlimmer als die Pest meiden, und die wahre Gerechtigkeit Gottes würde einen Lügner mit dem Tod bestrafen. Weil aber alle Menschen hochmütig und herrschsüchtig sind, lieben sie die Lüge und sprechen zu ihren Gunsten.

GEJ 1.56.15

Wie die mehrere Jahrtausende lange Erfahrung zeigt, leben die Menschen nicht ewig auf dieser Erde. Sie müssen alle nach kurzer Zeit dem Leib nach sterben, der am Ende den Würmern zur Nahrung gegeben wird. Die Seele aber wird dann vor Gottes Gericht treten müssen. Da frage ich, wie sie dort mit ihrer hochgepriesenen Lüge vor Gott bestehen wird.

GEJ 1.56.16

Ich bin lebendig davon überzeugt, dass es in dieser Welt besser ist, wegen der Wahrheit ans Kreuz zu kommen, als einst vor Gott zuschanden zu werden und von Ihm für ewig den Ruf zu hören: «Weiche von Mir!»

GEJ 1.56.17

Wenn du mich richtig verstanden und daraus erkannt hast, dass wir wahre Freunde der Wahrheit sind, dann sprich die Wahrheit. Fürchte nicht törichterweise, dass wir dich wegen der Wahrheit bestrafen werden, sondern sage uns offen und wahr, was du von uns und besonders von Dem hältst, der jetzt mit meinen Töchtern spricht.»

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