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GEJ 1.55

Quelle: Jakob Lorber

Kapitel 55 von 161

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GEJ 1.55.1

Wir setzten unseren Weg fort und kamen nach einer Stunde in einen reinen, schattigen Hain, der einem reichen Kaufmann aus Sichar gehörte. Der Hain war mit kleinen Gärten, Bächen, Teichen, Fischen und Vögeln geschmückt. An seinem hinteren Ende stand ein ausgedehntes altes Schloss mit starken Schutzmauern. Esau hatte es erbaut und dort gelebt, als Jakob in der Fremde war. Die Stürme der Zeit hatten ihm stark zugesetzt, doch der Kaufmann hatte grosse Summen verwendet, es wieder bewohnbar gemacht und hielt sich häufig mit den Seinen dort auf. Auch diesmal wohnte er dort. Er war wohltätig und besass viele andere Güter, hing aber besonders an diesem Besitz und sah es ungern, wenn zu viele Menschen den aufwendig gepflegten Hain betraten.

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Als er vom Schloss aus sah, wie sich eine grosse Volksmenge durch den Hain auf die Schlossmauern zubewegte, schickte er rasch seine vielen Diener und Knechte. Sie sollten uns aus dem Hain entfernen und fragen, was wir dort wollten.

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Ich sagte zu den Knechten: «Geht zu eurem Herrn und sagt ihm: Sein und euer Herr lässt ihm ausrichten, dass Er mit allen Seinen Begleitern bei ihm einkehren und zu Mittag essen wird.»

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Die Knechte und Diener kehrten sofort um und meldeten es ihrem Herrn. Er fragte, ob sie nicht wüssten, wer Ich sei, der dies von ihm verlange. Sie antworteten: «Wir haben dir doch bereits gesagt, wie Er zu uns gesprochen hat: Er sei dein und unser Herr. Warum fragst du uns noch einmal? Sieben königlich geschmückte Töchter gehen unmittelbar bei Ihm, und hinter ihnen folgt eine unübersehbar grosse Schar. Vielleicht ist Er ein Fürst aus Rom. Dann wäre es sehr ratsam, Ihm entgegenzueilen und Ihn am grossen Mauertor mit allen Ehren zu empfangen.»

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Als der Kaufmann dies hörte, sagte er: «Bringt sofort meine teuersten Festkleider, und das ganze Haus soll sich aufs Festlichste schmücken. Ein solcher Fürst muss mit dem grössten Glanz empfangen werden.»

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Sofort lief im ganzen Schloss alles durcheinander. Die Köche und Köchinnen eilten in die Speisekammern und brachten grosse Mengen verschiedener Speisen in die Küchen, während die Gärtner in die grossen Gärten liefen, um allerlei köstliches Obst zu sammeln.

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Nach einer Weile kam der Schlossherr, umgeben von hundert seiner vornehmsten Diener in glänzendster Kleidung. Als er bei Mir ankam, verneigte er sich dreimal fast bis zur Erde, hiess Mich und alle Meine Begleiter willkommen und dankte für die ihm erwiesene allerhöchste Gnade; denn er hielt Mich tatsächlich für einen Fürsten aus Rom.

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Ich sah ihn an und fragte: «Freund, was hältst du für das höchste Amt, das ein Mensch auf der Erde bekleiden kann?»

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Der reiche Kaufmann sagte: «Herr, vergib deinem gehorsamsten Sklaven. Ich war so dumm, deine überaus erhabene und weise Frage nicht zu verstehen. Steige daher von der unermesslichen Höhe Deiner Weisheit herab und stelle die Frage gnädigst so, dass meine unbegrenzte Dummheit sie begreifen kann.» Er hatte die Frage jedoch sehr wohl verstanden; damals bestand aber die alberne Höflichkeitssitte, selbst die leichteste Frage einer hohen Person nicht sofort zu verstehen, um deren Weisheit dadurch noch höher erscheinen zu lassen.

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Ich sagte zu ihm: «Freund, du hast Mich sehr wohl verstanden und tust nur wegen der alten, inzwischen völlig aus der Mode gekommenen Höflichkeit so, als hättest du Mich nicht verstanden. Lass diese alte Albernheit beiseite und beantworte Meine Frage.»

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Der Kaufmann sagte: «Wenn ich es wagen darf, hoher Herr, sofort zu antworten, glaube ich mit Deiner hohen Erlaubnis, die erhabene Frage verstanden zu haben. Meine Antwort lautet: Ich halte den Kaiser für die höchste Person und sein Amt für das höchste, das ein Mensch auf dieser Erde bekleiden kann.»

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Ich sagte: «Aber Freund, warum widersprichst du in deinem Herzen so sehr deinem eigenen Wahlspruch: Die Wahrheit ist das Höchste und Heiligste auf dieser Erde, und ein Beamter, der treu das Amt der Wahrheit und des Rechts ausübt, bekleidet das höchste und erhabenste Amt auf Erden. Das ist dein Wahlspruch. Wie kannst du entgegen deiner inneren Überzeugung das Amt eines Kaisers für das höchste erklären, obwohl er als oberster Befehlshaber nur das Amt der rohen Gewalt ausübt, das sich gewiss nicht immer auf Wahrheit und Recht stützt?»

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Der reiche Kaufmann machte grosse Augen und sagte nach einer Weile: «Hoher Herr, wer hat dir meinen Wahlspruch verraten? Ich habe ihn noch nie laut ausgesprochen, wenn auch Tausende und Abertausende Male gedacht. Denn wir wissen nur zu gut, dass man mit der unverhüllten Wahrheit nicht immer am besten davonkommt. Aus allerlei politischen Gründen muss man sie sorgsam zu Hause behalten, wenn man unter den Menschen mit heiler Haut davonkommen will.

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Wie ich jetzt erkenne, scheinst Du, hoher Fürstensohn, selbst ein grosser Freund der Wahrheit und des Rechts zu sein; deshalb dürfte es vor Dir sicher sein, mit der lieben Wahrheit hervorzutreten. Denn wirklich grosse Herren wollen die Wahrheit niemals hören. Sie ehren die Schmeichelei, die allein sie begehren, während ihnen jedes Menschenrecht schlecht erscheint. Was sie wollen, holen sie sich bald mit Gewalt. Ob die Armen heute wie einst über das Unrecht klagen, ist den hochgeehrten grossen Herren gleichgültig. Darum muss man sehr politisch sein und fein mit ihnen reden, sonst drohen Kerker und Galeeren, welche die Qual und Pein der Menschen vermehren.»

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Ich sagte: «Du hast gut und wahr gesprochen. Darin bin Ich ganz deiner Ansicht. Nun aber sage Mir, für wen du Mich eigentlich hältst.»

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Der Kaufmann sagte: «Herr, das ist eine sehr heikle Frage. Sage ich zu viel, werde ich offensichtlich ausgelacht; sage ich zu wenig, komme ich ins Gefängnis. Daher ist es besser, die Antwort wohlweislich schuldig zu bleiben, als später wegen meiner Antwort die Zeit unter Qual und Pein im Kerker verbringen zu müssen.»

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Ich sagte: «Wenn Ich dir aber versichere, dass du weder das eine noch das andere zu befürchten hast, wirst du Mir wohl antworten können. Sage daher geradeheraus, für wen du Mich hältst.»

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Der Kaufmann sagte: «Für einen Fürsten aus Rom, wenn ich schon reden muss.»

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Hinter Mir sagte Jonael: «Das dürfte viel zu wenig sein. Du wirst etwas höher raten müssen; mit dem Fürsten wird es nicht getan sein.»

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Der Kaufmann erschrak und sagte: «Ist Er am Ende gar der Kaiser selbst?»

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Jonael sagte: «Noch immer viel zu wenig; rate daher höher.»

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Der Kaufmann sagte: «Das werde ich lieber bleiben lassen; denn über einem römischen Kaiser gibt es nichts Höheres mehr.»

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Jonael sagte: «Und doch gibt es noch sehr viel Höheres. Denke nach und sprich es offen aus. Ich sehe in dein Herz, das dem Kaiser von Rom bei dir den niedrigsten Platz zuweist. Warum sprichst du anders, als du in deinem Herzen denkst und fühlst? Sage die Wahrheit.»

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