Unterwegs sagte Simon Petrus einmal: «Bei all diesen Wundern über Wunder wird mir allmählich richtig schwindlig. Wer jetzt noch nicht erkennt, dass dieser Jesus aus Nazareth der leibhaftige Sohn Jehovas ist, muss entweder mit zehnfacher pharaonischer Blindheit geschlagen oder völlig tot sein. Kranke werden allein durch das Wort vollständig geheilt, Blinde werden sehend, Taubstumme hörend und Lahme gehend; Menschen mit dem unheilbarsten Aussatz werden so rein, als hätten sie nie gesündigt.
Dazu öffnen sich die Himmel, und Scharen der herrlichsten Engel schweben eilig herab. Sie dienen uns und handeln mit uns, als hätten sie die Erde seit der Entstehung des ersten Menschen nie verlassen. Sie sind so schön, dass man bei ihrem Anblick vor Wonne vergehen könnte. Wenn Er mit einer nie zuvor gehörten Weisheit spricht, sind diese schönsten Diener Jehovas von innigster, reumütiger Aufmerksamkeit und heiliger Andacht erfüllt und dennoch so munter wie Schwalben an den schönsten Sommertagen. Wer behaupten kann, dieser Jesus sei nur ein Magier und sonst nichts, sollte wie ein Ochse geschlachtet werden. Ein solcher kann kein Mensch sein, sondern nur ein sprechfähiges Tier, und sollte nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Haustier sterben.»
Während Simon Petrus so vor sich hinredete und nicht bemerkte, was um ihn geschah, klopfte ihm ein ungläubiger Bürger der Stadt kräftig auf die Schulter und sagte: «Dann muss ich dir als ehrlicher Mensch pflichtgemäss prophezeien, dass du als vollkommener Ochse sterben wirst. Wenn du in deinem Leben noch nicht erkannt hast, wozu ein wirklicher Magier fähig ist, solltest du an einem Ort, an dem erfahrene und kenntnisreiche Menschen wohnen, dein Maul nicht öffnen.»
Petrus sagte: «Sag mir, du grober, finsterer Geist: Können deine Magier alle Kranken plötzlich durch das Wort heilen und die hohen Himmel öffnen, wohin weder die Hand noch der Verstand eines Magiers reicht?»
Der Bürger sagte: «Du dummer, blinder Galiläer! Weisst du nicht, dass ein wirklicher Magier aus jedem Holzstab einen Fisch oder eine Schlange machen kann? Vor Kurzem war einer aus Ägypten hier. Er warf Stäbe ins Wasser, und sofort wurden Fische daraus; warf er sie aufs Land, wurden Schlangen und Nattern daraus. Er hauchte in die Luft, und sie füllte sich mit Heuschrecken und anderem fliegenden Ungeziefer. Er warf weisse Steine in die Luft, und daraus wurden Tauben. Dann schleuderte er eine Handvoll Strassenstaub gegen den Wind, und sofort war die Luft so voller Mücken, dass man kaum die Sonne sah. Als er in sie blies, entstand ein starker Wind und trieb sie wie eine Wolke fort. Danach führte er uns zu einem Teich am Bach, wo er zuvor Fische aus Stäben hervorgebracht hatte. Dort berührte er das Wasser mit seinem Stab, und es wurde zu Blut; bei der nächsten Berührung wurde es wieder zu Wasser. Abends rief er zu den Sternen, sie flogen wie zahme Tauben in seine Hände und auf seinen Befehl wieder an das hohe Firmament zurück. All dies kann ich dir durch hundert Zeugen bestätigen lassen. Was sagst du nun zu deinem Gottessohn aus Nazareth, von dem ich genau weiss, wessen Sohn er ist und wo er alles gelernt hat?»
Petrus sagte: «Wenn du nicht wie ein Krokodil mit seinem Kindergewimmer gelogen und dir für einige Groschen hundert Zeugen gekauft hast, müssen doch auch diese vielen Menschen, die in Jesus von Nazareth Christus erkannt haben, etwas von dem Magier wissen, dessen Wundertaten du mir geschildert hast. Ich werde sofort Jonael fragen. Wehe dir, wenn du mich belogen hast.»
Der Bürger sagte: «Sie können dir darüber keine Auskunft geben, weil sie solchen Vorführungen aus lauter Furcht fernblieben. Sie glaubten, der Magier vollbringe alles mit Hilfe des Teufels, der ihnen etwas Böses zufügen könnte. Nur wir wenigen Mutigen gingen hinaus. Wir glauben an keinen Teufel, kennen die Kräfte der Natur etwas genauer und überzeugten uns voller Staunen davon, was einem Menschen möglich ist.»
Petrus sagte: «Du bist mir wirklich eine feine Bekanntschaft. Ich sage dir aber: Von nun an wirst du mir nicht mehr entkommen und deiner Züchtigung nicht entgehen. Komm mit zum Oberpriester dieser Stadt; vor ihm werden wir unsere Angelegenheit klären.»
Der Bürger sagte: «Was geht mich dieser Oberpriester an? Ich bin Galiläer und mehr Grieche als Jude. Der Oberpriester ist ein dummer Eiferer, während seine vier älteren Töchter nachts mit dem Einverständnis ihrer Mutter, wie man sagt, schändliche Geschäfte treiben und sich der Unzucht hingeben. Was soll ich mit einem solchen Dummkopf? Kunst und Wissenschaft stehen für mich über allem. Ich ehre alle echten Gelehrten und Künstler, doch sie dürfen nicht mehr aus sich machen, als sie sind.
Wenn euer in vielerlei Kunst und Wissenschaft wirklich sehr geschickter und gelehrter Meister bei dem bliebe, was Er ist, wäre Er einer der angesehensten Menschen unter Juden, Griechen und Römern. Doch Er macht Sich selbst zu einem Gott; das ist sehr dumm und gehört in die alten, finsteren Zeiten.
Ihr seid zwar auf eure Art ehrliche und rechtschaffene Menschen, scheint aber über den Fischfang hinaus keine grossen Kenntnisse oder Erfahrungen zu besitzen. Lassen wir deshalb unseren weiteren Streit beiseite. Ihr könnt glauben, was ihr wollt; uns werdet ihr kaum etwas vormachen, denn wir verfügen über Kenntnisse und verschiedene Wissenschaften, sind in der Magie nicht unerfahren und wissen daher, was wir von eurem Meister zu halten haben.»
Petrus sagte: «Freund, du bemühst dich vergeblich, das Schwarze in dir weisszuwaschen. Es geht nicht darum, für wen du meinen Meister hältst oder ob du mich durch eine vernünftig klingende Rede vergessen lassen willst, dass du mich vorhin gründlich belogen hast. Der Oberpriester mag für dich ein Eiferer sein; als öffentliche Person dieser kleinen Stadt muss er wissen, ob sich hier vor Kurzem ein solcher Magier gezeigt hat, wie du ihn beschrieben hast. Daran liegt mir alles, denn daraus will ich entnehmen, was ich von meinem Meister halten soll.
Sieh, ich und viele von uns haben alles, sogar Frau und Kinder, verlassen und sind Ihm bedingungslos gefolgt, weil wir Ihn Taten vollbringen sahen, die keinem Menschen möglich sein dürften, und Ihn so weise reden hörten, wie vor Ihm noch kein Mensch gesprochen hatte und nach Ihm kaum je einer sprechen wird.
Du hast meinem Meister in deiner Rede einen anderen gegenübergestellt, der Ihn zwar nicht übertraf, Ihm aber doch gleichkam und Taten vollbrachte, vor denen jeder Mensch tiefsten Respekt haben muss. Es geht allein darum, ob mir gültig und sichtbar bewiesen werden kann, dass ein solcher Magier die von dir geschilderten Taten tatsächlich vollbracht hat.
Ist deine Aussage wahr, gebe ich dir mein heiligstes Wort, dass ich meinen Meister, Dem ich die vollkommen reine göttliche Kraft zuschreibe, augenblicklich verlasse und zu meiner Familie zurückkehre. Einem unbestimmten Magier folge ich keinen Schritt weiter, denn ich bin noch ein echter Jude und glaube Mose mehr als Hunderttausenden der alten, bewährtesten Magier. Hast du aber, wie ich zweifellos vermute, gelogen, um mir meinen ehrwürdigsten Meister aus rein bösem Willen verdächtig zu machen, dann wehe dir. Du wirst erfahren, dass auch ich durch die Gnade meines göttlichen Meisters schon manches bewirken kann, ohne mich deshalb jemals als Wundertäter vorzuführen.
Komm deshalb freiwillig mit mir zum Oberpriester, der gerade mit eurem Zöllner Matthäus etwas bespricht. Auch er wird von deinem Magier wissen, denn er war ständig hier in der Stadt. Komm freiwillig mit, sonst werde ich Gewalt anwenden.»
Der Bürger sagte: «Warum Gewalt, wenn ich nicht mitkommen will? Sieh, hinter mir stehen einige Hundert Menschen. Wenn du es wagst, mich anzurühren, wird es dir wahrlich schlecht ergehen.»
Petrus sagte: «Ich werde dich nicht anfassen, wie du mich vorhin recht unsanft angefasst hast; dennoch wirst du hingezogen werden. Scharen von Engeln Gottes gehen mit uns, die du offenbar nicht siehst. Ein einziger Wink genügt, und sie bringen dich dorthin, wo ich dich haben will und muss.»
Der Bürger sagte: «Sollen etwa diese weiss gekleideten Jungen, die euch begleiten, eure Engel sein? Ha, ha, ha! Wenn sie eure Schutztruppe sind, brauchen wir höchstens ein paar Dutzend Nasenstüber zu verteilen, und schon liegt ihr mit euren weissen Beschützern vor den Stadtmauern.»
Diese Äusserung versetzte Petrus in Zorn, und er rief sofort einen Jüngling, damit dieser den Bürger züchtige. Der Jüngling sagte: «Ich würde es tun, wenn es der Wille des Herrn wäre. Der Herr hat mir aber noch kein Zeichen gegeben; deshalb kann ich deiner Forderung noch nicht folgen. Geh zuerst zum Herrn und sag es Ihm. Wenn Er es will, werde ich handeln.»
Petrus ging sofort ein Stück zu Mir vor und erzählte Mir seine Not. Ich blieb gerade vor Jonaels Haus stehen und sagte: «Geh und bring Mir den Menschen her.»
Petrus fiel sofort ein Stein vom Herzen. Er eilte zurück und sagte zum Jüngling: «Es ist Sein Wille.»
Der Jüngling sah den Bürger an. Dieser begann zu zittern und folgte, vom Jüngling getrieben, ohne Widerrede hinter Petrus zu Mir. Ich sah ihn an, und der Bürger gestand, gelogen und niemals einen solchen Magier gesehen zu haben. Er habe nur von einem solchen Magier reden gehört und diesen Jünger prüfen wollen, ob er fest in seinem Glauben sei; eine böse Absicht habe er nicht gehabt.
Ich sagte: «Du willst dir wegen der ersten Lüge mit einer zweiten helfen und gehörst daher dem Teufel. Geh zu ihm, damit er dir deinen Lohn gibt, weil du ihm ein so treuer Knecht bist.»
Sofort trat ein böser Geist zu dem Bürger und begann, ihn erbärmlich zu quälen. Der Bürger schrie laut: «Herr, hilf mir! Ich bekenne doch offen, dass ich gesündigt habe.»
Ich sagte: «Von wem hast du gehört, dass Jonaels vier älteste Töchter Huren seien? Bekenne es laut, sonst lasse Ich dich bis ans Ende der Welt quälen.»
Der Bürger sagte: «O Herr, ich habe es von niemandem gehört. Ich begegnete den vier Töchtern nachts, als sie Wasser vom Jakobsbrunnen trugen, und sprach sie an, weil ich mit ihnen etwas Schlechtes tun wollte. Sie wiesen mein Vorhaben so entschieden zurück, dass ich sie stehen liess. Ich schwor ihnen jedoch Rache, erfand aus meinem bösen Herzen diese Schändlichkeit und verbreitete das Gerücht überall. Die Töchter sind vollkommen unberührte Jungfrauen. O Herr, ich allein bin schlecht; alle anderen sind gut und rein.»
Hier gebot Ich dem bösen Geist, von dem Bürger zu weichen; dafür musste dieser Jonael Genugtuung leisten. Da er Kaufmann war, ging er zurück, brachte den Töchtern zehnmal so viel, wie Ich ihm vorgeschrieben hatte, und bat Jonael und die Töchter um Vergebung.
Ich sagte zu ihm: «Die Gabe allein genügt nicht, um ein solches Unrecht zu sühnen. Geh und widerrufe alles Böse, das du irgendwo über sie gesagt hast; erst danach sollen dir deine Sünden vergeben sein. So sei und geschehe es.»
Der Bürger versprach, alles sofort zu tun. Er meinte nur, wenn irgendein Fremder davon erfahren habe, den er nicht kenne und dessen Wohnort er nicht wisse, solle Ich es ihm nachsehen, wenn er diesem Menschen gegenüber seine Worte nicht widerrufen könne.
Ich sagte: «Tu, was dir möglich ist; alles andere werde Ich tun, und dann bleibt dir keine Sünde mehr.»
Damit war der Bürger zufrieden und ging fort, um alles Böse wiedergutzumachen, das er angerichtet hatte.