Der Oberpriester erhob sich und bat Mich: «Herr, da Du uns noch die grosse Gnade erweist, auch diesen Tag bei uns zu bleiben, wie wäre es, wenn Du mit Deinen Jüngern und allen anderen, die an Dich glauben, an meiner Seite die nahe gelegenen Ortschaften besuchen würdest, von denen wir nur drei zählen? Vielleicht fänden sich dort auch Menschen, die an Dich glauben würden, wenn sie Dich sähen und hörten.»
Ich sagte: «Ihretwegen nicht, aber deinetwegen ja. Es bereitet dir Freude, und Ich will dir diese Freude gern machen. Du hast aber auch eine Frau und Kinder. Willst du sie Mir nicht ebenfalls vorstellen? Wo sind sie, und wie viele sind es?»
Der Oberpriester sagte etwas verlegen: «Herr, ich habe eine liebe Frau, die wie ich schon etwas älter ist, und sieben Kinder, aber leider ausschliesslich Mädchen im Alter von zwölf bis einundzwanzig Jahren. Du weisst, dass es einem Israeliten nicht gerade zur Ehre gereicht, keine männlichen Nachkommen zu haben. Deshalb — o Herr, habe Geduld mit meiner Schwäche — wagte ich nicht, mit meiner ausschliesslich aus Frauen bestehenden Familie zu erscheinen.
Wenn es Dir dennoch recht wäre, o Herr, möchte ich Dich bitten, bei dieser Gelegenheit an meinem Haus vorbeizugehen. Dort würde ich Dir meine Familie vorstellen. Sie hierherkommen zu lassen, wäre kaum angemessen. Ich habe zwar von allem etwas und kann mit meiner Familie bescheiden leben, doch unsere Kleidung ist etwas ärmlich. Für das Haus und die dortigen Arbeiten sind sie ausreichend gekleidet; um aber in einer Gesellschaft wie dieser zu erscheinen, wären sie als Familie eines Oberpriesters viel zu ärmlich. Deshalb meine ich, es sei in jeder Hinsicht besser, wenn sie zu Hause bleiben. Dort sind sie weder dem Spott der Welt noch der Nahrung ihrer angeborenen Eitelkeit ausgesetzt. Es ist auch gut für sie, so wenig wie möglich mit der Welt in Berührung zu kommen, denn die Welt ist und bleibt allezeit schlecht.»
Ich sagte: «Ich will es so tun, wie du es wünschst; dann lass sie aber alle mit uns ziehen. Für eine etwas bessere Bekleidung ihres Körpers wird gesorgt sein, sodass sie sich in unserem Kreis gut ausnehmen werden. Dass du sie so weit wie möglich von der Welt fernhältst, ist sehr gut und weise von dir. Für unsere gewiss nicht weltliche Gesellschaft wären sie jedoch auch vollkommen geeignet gewesen.
Sieh Maria an, die Mutter Meines Fleisches. Sie trägt saubere weisse Wäsche und darüber eine ganz gewöhnliche blaue Schürze; damit ist sie gut genug gekleidet. Auf dem Kopf trägt sie gewöhnlich einen viereckigen Sonnenschutz, ebenso wie alle anderen Frauen, die Mir aus Galiläa und Judäa gefolgt sind. Gerade dadurch eignen sie sich am besten für unsere Gesellschaft. Doch das spielt jetzt keine Rolle. Deine Frau und deine sieben Töchter sollen sich heute ebenfalls in unserer Gesellschaft befinden.»
Einer der Samaritaner sagte: «Es wäre alles gut und recht. Ich selbst habe keinen Beweis dafür; ich sage nur, was ich von verschiedenen Menschen dieser Gegend gehört habe. Ihr könnt dennoch tun, was ihr wollt. Es wird erzählt, dass die vier älteren Töchter nachts auf der Strasse gesehen würden, sobald der Oberpriester nicht zu Hause sei. Weil sie sehr schön seien, nähmen sie Geld von lüsternen Knechten und liessen diese mit sich schlafen. So lautet das heimliche Gerede. Ich selbst habe keinen Beweis dafür. Ich meine nur: Wenn diese neue Lehre bei den vielen Ungläubigen hier allgemein angenommen werden soll, wäre es wegen des unvernünftigen Pöbels ratsamer, zumindest die vier älteren Töchter nicht in die Gesellschaft aufzunehmen. Denn du, Bruder Jonael, weisst, wie gehässig in seinen Reden, unvernünftig und hartnäckig im Glauben unser Volk ist. Wenn ihm etwas Derartiges zu Gesicht und zu Ohren kommt, kann selbst Jehova bei einem solchen Volk nichts mehr ausrichten. Dies ist nur mein unmassgeblicher Rat angesichts der offenkundigen Bosheit unseres Volkes, damit die gute Sache keinen Schaden nimmt.»
Darauf wurde der Oberpriester sehr traurig und sagte: «Herr, wenn ich bei der Erziehung meiner Töchter auch nur etwas nachlässiger gewesen wäre, würde es mich kaum traurig machen, so etwas anhören zu müssen. Aber ich weiss, dass bei meinen Töchtern nichts versäumt wurde, was zur Bildung ihres Verstandes und Herzens nötig ist. Ich wage den heiligsten Eid abzulegen, dass jede meiner Töchter noch so rein ist wie eine Blume auf dem Berg Jehovas. Woher kommt dann eine so schändliche Verleumdung?»
Ich sagte: «Mein lieber Bruder Jonael, mach dir nichts daraus. Wenn deine Töchter vor Mir rein sind, soll dir das vollkommen genügen. Die Welt gehört nun einmal völlig dem Teufel und ist deshalb durch und durch schlecht. Hast du jemals gehört, dass man von Dornen Trauben oder von Disteln Feigen erntet? Ich wusste dies schon lange und habe es deshalb auch auf dem Berg durch das Bild vom Splitter im Auge des Nächsten deutlich gemacht. Dieses Bild trieb viele vom Berg fort, denn sie merkten, dass Ich sie im Auge hatte.
Ich sage dir aber: Gerade jetzt werden deine Töchter ganz bestimmt mit uns gehen, und Ich werde in ihrer Mitte gehen. Was einmal dem Teufel gehört, soll auch dem Teufel bleiben, wenn es sich niemals bekehren lassen will. Nun brechen wir sofort auf. Ich habe deiner Frau und deinen Töchtern bereits alles mitgeteilt; sie werden uns erwarten.»