Hier wandte sich der Oberpriester an Nathanael und sagte zu ihm: «Nach der Anweisung eures Meisters wende ich mich zufällig an dich. Erkläre mir daher wenigstens den härtesten Punkt der Lehre eures Meisters. Ich bitte dich aber um klare, reine Worte, denn mit Dunst über Dunst wird kein Raum erleuchtet. So sprich nun!»
Nathanael sagte: «Seid ihr denn wirklich so verschlagenen Gemüts, dass ihr eine so klar gegebene Lehre nicht in ihrem wahren Sinn erfassen könnt? Haben nicht nahezu alle Propheten von Christus vorhergesagt, dass Er Seinen Mund nur in Gleichnissen öffnen und nicht ohne Gleichnisse zu den Menschen sprechen werde?»
— [Entfällt, da diese Einheit im Text von 1871 fehlt.] —
Nathanael fuhr fort: «Wenn du dies als Schriftkundiger weisst, warum nennst du den Herrn dann einen Narren, wenn Er nach der Schrift Seinen Mund in Gleichnissen öffnet? Du kannst den Herrn um Licht für ihr Verständnis bitten; du darfst Ihn aber nicht einen Narren nennen, weil dir Seine gleichnishafte Rede unverständlich ist, während du selbst in solchen Dingen Gottes voller Unverstand bist.
Sieh, die Dinge der Natur haben ihre Ordnung und können nur in dieser ihnen eigenen Ordnung bestehen. Ebenso haben auch die Dinge des Geistes ihre ganz eigene Ordnung und können ausserhalb dieser Ordnung weder bestehen noch gedacht oder ausgesprochen werden. Zwischen den Dingen der Natur und den geistigen Dingen besteht jedoch eine genaue Entsprechung, weil die natürlichen aus den geistigen hervorgegangen sind. Diese Entsprechung kennt freilich allein der Herr am allerbesten.
Wenn der Herr uns, die wir uns noch alle in der starren Ordnung der Naturmässigkeit befinden, rein Geistiges verkündet, kann Er dies nur auf dem Weg gleichnishafter Entsprechungsbilder geschehen lassen. Um diese richtig zu verstehen, müssen wir danach streben, unseren Geist durch die Befolgung der Gebote Gottes zu erwecken. Erst in diesem erweckten Zustand wird uns klar werden, was der Herr durch ein solches entsprechendes Gleichnisbild alles gesagt und offenbart hat. Gerade darin wird sich Sein göttliches Wort ewig von unserem menschlichen unterscheiden.
Nun aber gib gut acht! Was bei den natürlichen Menschen das Auge ist, das ist beim Geist das Schauvermögen für göttliche und himmlische Dinge. Nur diese entsprechen dem Wesen des Geistes für seine glückseligste ewige Existenz.
Nach der notwendigen göttlichen Ordnung muss der Geist jedoch für eine bestimmte Zeit in die Materie des Fleisches dieser Welt versenkt werden, damit er in seiner Freiheit und in einer nahezu völligen Unabhängigkeit von Gott gefestigt wird. Ohne diese könnte er Gott niemals schauen und noch weniger in, neben und bei Gott bestehen. Während der Geist in der Materie reift und sich in seiner Freiheit und Unabhängigkeit von Gott festigt, steht er jedoch in der unvermeidlichen Gefahr, von der Materie selbst verschlungen und mitgetötet zu werden. Aus diesem Tod zum Leben in Gott erweckt zu werden, ist und muss höchst schwer und leidvoll sein. Deshalb sagte der Herr — wohlverstanden nicht zum Fleischmenschen, sondern zum Geistmenschen: «Wenn dein Auge dich zum Ärgernis verleitet, reiss es aus und wirf es von dir; denn es ist besser, mit einem Auge in die Himmel einzugehen als mit beiden in die Hölle.» Das bedeutet: Wenn dich das Licht der Welt zu sehr verlockt, dann tu dir Gewalt an und wende dich von diesem Licht ab, das dich in den Tod der Materie ziehen würde. Entziehe dir also als Geist den leeren Genuss der Weltbetrachtung und richte dich mit deiner Seele auf die rein himmlischen Dinge. Denn es ist besser für dich, ohne jede Weltkunde in das Reich des ewigen Lebens einzugehen, als jenseits, weil du zu weltkundig bist, vom Tod der Materie verschlungen zu werden.
Als der Herr hier von zwei Augen, Händen und Füssen sprach, bezeichnete Er damit nicht die beiden Augen, Hände und Füsse des Leibes, sondern das offenkundig doppelte Seh-, Tätigkeits- und Fortschrittsvermögen des Geistes. Er warnt nicht das Fleisch, das kein Leben hat, sondern den Geist davor, sich mit der Welt zu befassen, wenn er merkt, dass sie ihn zu stark anzieht. Denn in diesem Fall sei es besser, ohne jede Unkenntnis der Welt in das ewige Leben einzugehen, als am Ende durch zu viel Weltkenntnis vom notwendigen Gericht der Welt verschlungen zu werden.
Der Geist soll die Welt durchaus auch anschauen und weltkundig werden, aber er soll an ihr kein Wohlgefallen finden. Beginnt er zu spüren, dass die Welt ihn anreizt, soll er sich sogleich von ihr abwenden, weil ihm bereits Gefahr droht. Dieses notwendige Abwenden drückt das entsprechende Bild des Augenausreissens aus. Wer uns ein so treffendes Bild geben kann, muss gewiss mit allen geistigen und materiellen Verhältnissen des Menschen wohlvertraut sein. Nach meiner Überzeugung kann dies nur Dem möglich sein, durch Dessen Kraft, Liebe und Weisheit alle geistigen und materiellen Dinge geschaffen worden sind. Ich meine, du wirst mich nun verstanden haben und einsehen, wie schwer du dich an Dem versündigt hast, Der dein Leben wie das Leben von uns allen in Seiner allmächtigen Hand trägt.»