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GEJ 1.41

Quelle: Jakob Lorber

Kapitel 41 von 161

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GEJ 1.41.1

Der Oberpriester sagte: «Ja, ja, auch darin sollst Du recht haben. Vorläufig will und kann ich nicht bestreiten, ob, wie und welche geistigen Wahrheiten sich in den von Dir aufgestellten Lehrbildern verbergen. Eines musst Du mir aber doch zugestehen: Wenn ich zum Beispiel jemandem eine Lehre gäbe und wünschte, dass er sie als mein Jünger versteht und ausübt, dann müsste ich die Lehre so darstellen, dass mein Jünger sie ihrem wahren Geist nach versteht. Wenn ich weiss, dass mein Jünger meine Lehre dem Geist der inneren Wahrheit nach vollständig erfasst hat, kann ich mit vollem Recht von ihm fordern, dass er zum Täter meiner Lehre wird.

GEJ 1.41.2

Wenn ich aber jemandem eine Lehre in Bildern gebe, die an sich unmöglich zu befolgen sind, und der Jünger mich dann fragt: «Was bedeutet das? Wie soll ich mir das Leben nehmen, um das Leben zu gewinnen? Wie soll ich mich töten und dann als Toter aus dem Tod ein neues, ja ein ewiges Leben empfangen?», dann werde ich zu ihm sagen: «Sieh, Freund, du musst dies so und so verstehen und auffassen. Denn zwischen dem dir gegebenen Lehrbild und der darin enthaltenen Wahrheit besteht eine bestimmte geistige Entsprechung. Nach dieser Entsprechung, nicht nach dem äusseren Bild, musst du dein Leben einrichten.»

GEJ 1.41.3

Sieh, Meister, dann wird der Jünger es verstehen, und ich kann, wie schon zuvor bemerkt, mit vollem Recht von ihm verlangen, dass er nach dem Geist der Wahrheit meiner Lehre handelt. Kann ich aber, ohne ein Narr zu sein, von ihm verlangen, dass er mein hartes Lehrbild wörtlich in die Tat umsetzt? Würde ich dies ernsthaft von meinem Jünger fordern, müsste ich allen denkenden Menschen wie jemand erscheinen, der Wasser in einem fest verschlossenen Krug trägt. Ein Durstiger käme zu ihm, damit er ihm zu trinken gäbe. Der Wasserträger würde ihm den verschlossenen Krug reichen und sagen: «Da hast du den Krug, trink!» Der Durstige versuchte zu trinken, fände aber keine Öffnung und fragte den Träger: «Wie kann ich daraus trinken? Der Krug ist doch von allen Seiten verschlossen!» Der Träger aber sagte zu ihm: «Wenn du blind bist und die Öffnung nicht finden kannst, dann verschlinge den ganzen Krug; so wirst du auch das Wasser mitverschlingen!»

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Sage mir, Du sonst lieber und weiser Meister: Was müsste der Durstige wohl zu einem solchen Wasserträger sagen? Ich meine, der Durstige hätte hier das volle Recht, einen solchen Wasserträger einen Narren zu nennen.

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Ich will Dich deshalb keineswegs geradeheraus einen Narren nennen. Wenn Du aber sagst, dass wir den Geist Deiner Lehre wegen unserer geistigen Blindheit und Taubheit nicht sehen und erfassen können, dann gleicht Deine Lehre dennoch dem Wasser im verschlossenen Krug, den der Durstige zusammen mit dem Wasser verschlingen soll. Eine solche Forderung könnte nur ein Prophet stellen, der aus einem Irrenhaus entflohen ist. Nimm die Sache nun, wie Du willst: Solange Du Deiner Lehre, die in manchen Einzelaussagen viel Gutes und Wahres enthält, keine ausreichende Erklärung beifügst, bleibe ich mit vielen klarer Denkenden bei diesem Urteil. Denn Du wirst niemals erleben, dass wir wegen Deiner Lehre nun sogleich anfangen, Hände und Füsse abzuhauen und die Augen auszureissen. Wir werden auch weiterhin arbeiten und im Schweiss unseres Angesichts unser Brot verdienen; und wer sich arglistig an uns vergreift, wird der gerechten Bestrafung nicht entgehen.

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Ebenso werden wir dem Dieb, der uns einen Rock stiehlt, den Mantel nicht kostenlos dazugeben. Wir werden ihn ergreifen und ins Gefängnis werfen, wo ihm genügend Zeit bleiben soll, seine schlechte Tat zu bereuen und sein Leben zu bessern. Wenn Du ein wahrhaft aus Gott hervorgegangener Weiser bist, musst Du auch von der heiligen Notwendigkeit erfüllt sein, das mosaische Gesetz aufrechtzuerhalten, das Gott Selbst unter Blitz und Donner den Israeliten in der Wüste verkündet hat. Willst Du aber mit Deiner Lehre das Gesetz brechen, dann musst Du zusehen, wie Du dabei mit Jehova zurechtkommst.»

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Ich sagte: «Ich bin aber der Meinung, dass es dem Gesetzgeber freisteht, das Gesetz bestehen zu lassen und es selbst dem Geist und der Wahrheit nach zu erfüllen oder es unter bestimmten Bedingungen auch ganz aufzuheben.»

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Der Oberpriester sagte: «Das klingt nun sehr sonderbar aus Deinem Mund. Heute Morgen hätte ich ein solches Wort aus Deinem Mund geehrt, denn damals schien es mir wirklich sehr wahrscheinlich, dass Du im Ernst der Verheissene seist. Nach dieser Lehre aber, die Du nun an uns gerichtet hast, bist Du in meinen Augen zu einem Irrsinnigen geworden, dem es gefällt, uns seine fixen Ideen als Weisheit des verheissenen Messias aufzutischen. Darum erkläre nun lieber Deine harte Lehre, die ohne ausreichende Erläuterung wohl kein Mensch jemals verstehen und befolgen kann.»

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Ich sagte: «Dann sprich aus, was dich an Meiner Lehre so sehr verwirrt, und Ich werde es dir erklären.»

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Der Oberpriester sagte: «Ich habe es Dir zwar schon einige Male gesagt. Damit Du aber siehst, dass ich wirklich gerecht und gemässigt bin, sage ich Dir nun: Alle anderen Punkte Deiner Lehre nehme ich als gute und weise Anweisungen zum Handeln an. Das Ausreissen der Augen und das Abhauen von Händen und Füssen kann ich jedoch unmöglich annehmen. Bedenke selbst, ob es überhaupt möglich ist, sich ein Auge auszureissen. Wird jemand, der sich selbst eine Hand oder einen Fuss abhaut, nicht sogleich verbluten und sterben? Und wenn er tot ist, welche Früchte der Besserung kann er dann noch hervorbringen?

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Sieh, das ist der unpraktische Punkt Deiner Lehre, der unmöglich jemals auf vernünftige Weise befolgt werden kann. Selbst wenn sich tatsächlich irgendwelche Narren fänden, die eine solche Lehre an sich vollzögen, würden sie dadurch sicher nicht besser. Wenn jemand dabei mit dem Leben davonkäme, würde er Gott wegen des Elends nicht loben, in das ihn eine solche angeblich von Gott stammende Lehre gestürzt hätte. Stirbt er aber — was am ehesten anzunehmen ist —, dann frage ich mit David: «Herr, wer wird Dich im Tod loben, und wer wird Dich im Grab preisen?» Erkläre uns daher wenigstens diesen Punkt deutlicher. Alles andere wollen wir als eine freilich bis zum Äussersten getriebene Lehre der Menschlichkeit annehmen.»

GEJ 1.41.12

Ich sagte: «Nun gut, dein Begehren ist gerecht. Ich sage dir: Unter allen Priestern seit Samuel bist du der weiseste, weil du ein gutes Herz hast und Meine Lehre im Grunde nicht verwirfst, sondern sie nur erläutert haben willst. Darum will Ich dir auch Licht geben. Doch das Licht soll dir nicht aus Meinem Mund, sondern aus dem Mund eines Meiner Jünger kommen. Wende dich daher an einen Meiner Jünger, damit dir klar wird, dass Meine Lehre den Menschen schon jetzt auch ohne Meine Erklärung verständlich geworden ist.»

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