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GEJ 1.78

Quelle: Jakob Lorber

Kapitel 78 von 161

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GEJ 1.78.1

Der Oberste sagte: «Lieber, weiser Freund! Du hast richtig und gut gesprochen. Doch was soll ich als Fremder zu dieser Sache sagen? Ich glaube nun und bin in meinem Innersten überzeugt, dass dieser Jesus aus Nazareth niemand anders ist als der wahrhaftigste Gott in menschlicher Gestalt. Das sagen mir weniger die grossen Zeichen, die Er vollbrachte, als vielmehr Seine unbegrenzte Weisheit. Denn wer eine Welt erschaffen will, muss so weise sein, wie Er es in jedem Seiner Worte ist.

GEJ 1.78.2

Diese Schurken hier nennen sich jedoch auf frevelhafteste Weise Kinder Gottes, zu denen Gott in allen Zeiten mittelbar oder unmittelbar gesprochen hatte. Nun kommt Er Selbst leibhaftig zu ihnen, und sie verschmähen Ihn wie einen Gassenstrolch und schaffen Ihn obendrein aus der Stadt. Freund, ich bin Römer, meiner Religion nach ein verkrüppelter Pantheist, also ein blinder Heide. Dennoch glaube ich und stehe für diesen meinen neuen Glauben mit meinem Leben ein.

GEJ 1.78.3

Wenn hier Heiden wären, hätte ich Nachsicht mit ihnen. Da sie sich aber Kinder Gottes nennen und Gott, der ihr ewiger Vater sei, so sehr schmähen, kann ich als Fremder keine Nachsicht mit ihnen haben.

GEJ 1.78.4

Sie wollten Gott den Herrn ausweisen; nun sollen sie selbst ausgewiesen werden. Das Geschmeiss und Unkraut muss hinaus, damit auf diesem Acker, den der Herr Selbst bestellt hat, reine Frucht gedeiht. Bleibt das Unkraut hier, verdirbt es in kurzer Zeit alles, was der Herr Selbst hier so herrlich gesät hat. Sage mir ganz aufrichtig: Habe ich recht oder nicht? Wer muss mir mehr bedeuten: der Herr oder dieses elende Strassengesindel?»

GEJ 1.78.5

Jonael sagte: «Dass du mit diesen Ansichten völlig recht hast, kann und wird dir wohl niemand absprechen. Ob dies aber sofort notwendig ist, ist eine ganz andere Frage. Es kann sein, dass diese Frevler, die nun über alle Massen erschrocken sind, in sich gehen, ihren Frevel bereuen und sich völlig bessern. Dann wäre es nicht in Ordnung, sie alle auszuweisen. Eine Sünde bleibt für einen Menschen nur so lange strafbar, wie er in ihr verharrt. Legt er die Sünde vollständig ab und begibt sich in die von Gott gesetzte Ordnung, haben die Sünde und ihre Strafe mit ihm nichts mehr zu tun.

GEJ 1.78.6

Einen völlig gebesserten Menschen zu bestrafen, weil er früher in seiner blinden Torheit und Schwäche ein- oder mehrmals gesündigt hatte, wäre die Krönung des Unsinns, eines wahren Menschen völlig unwürdig und gegen jede göttliche Ordnung. Eine solche Strafe gliche genau dem Handeln eines dummen Arztes, der zu seinen genesenen Kranken ginge und sagte: «Ihr seid nun zwar völlig gesund; doch ihr erkennt, dass euer Fleisch, besonders dieses oder jenes Glied, gesündigt hat. Entsprechend dem Mass, in dem es euch geplagt hat, muss es nun bestraft werden.» Wenn die Genesenen ihr kaum wieder gesundes Fleisch mit allerlei Martern züchtigen lassen oder gewaltsam gemartert werden, was wird aus ihrer Genesung? Sie werden danach zehnmal kränker als zuvor. Wozu wäre also eine solche unzeitige Züchtigung des Fleisches gut? Ist die Heilung selbst nicht bereits eine ausreichende Züchtigung des Fleisches? Wozu eine nachträgliche Züchtigung, die das gesunde Fleisch erneut krank macht? Wenn ein solches Vorgehen schon im Materiellen überaus töricht ist, um wie viel mehr ist es das, wenn es am geistigen Menschen ohne jede Schonung ausgeübt wird?

GEJ 1.78.7

Es ist unsere Pflicht, Menschen, die gesündigt und sich danach vollständig gebessert haben, brüderlich auf die grossen Gefahren der Sünde aufmerksam zu machen. Zugleich sollen wir sie in ihrem gebesserten Zustand mit allem stärken und kräftigen, was uns zur Verfügung steht, damit sie niemals wieder in die Knechtschaft der Sünde zurückfallen. Sie aber als bereits Gebesserte zur Verantwortung zu ziehen und zu bestrafen, würde nichts anderes bedeuten, als die gebesserten Sünder in zehnfach grössere und schlimmere Sünden zurückzuziehen.

GEJ 1.78.8

Dabei stellt sich die Frage, ob ein solches Vorgehen vor Gott nicht hundertfach strafbarer wäre als alle früheren Sünden der Bestraften. Glaube mir: Die Strafe, die jede Sünde bereits mit sich führt, ist eine Arznei gegen das Seelenübel, das Sünde heisst. Ist dieses Übel aber durch die in es gesetzte Arznei beseitigt, wozu braucht es eine weitere Arznei, wenn kein Übel mehr vorhanden ist?» Der Oberste sagte: «Als Vorbeugung gegen einen möglichen erneuten Ausbruch des Übels!»

GEJ 1.78.9

Jonael sagte: «Ja, Vorbeugungsmittel sind gut und notwendig. Wie ich bereits erwähnt habe, müssen sie jedoch stärkender und kräftigender Art sein, nicht schwächender oder gar tötender Art. Zorn besänftigt man niemals durch Zorn, sondern allein durch Liebe, Sanftmut und Geduld.

GEJ 1.78.10

Wer brennt, über den muss man Wasser giessen, nicht siedendes Pech oder gar glühend fliessendes Erz. Wer sich ein Bein gebrochen hat, den soll man tragen, ihm das gebrochene Bein einrichten und verbinden und ihn in ein geeignetes Bett legen, damit der Beinbruch heilt. Man soll ihn nicht mit Knüppeln schlagen, weil er so ungeschickt ging, dass er fiel und sich das Bein brach.

GEJ 1.78.11

Vor nicht sehr langer Zeit liess ich mir von einem Mann erzählen, der aus Skythien zurückgekehrt war. Er war ausgezogen, um diesen Menschen den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zu verkünden. Diese wilden, ständig umherziehenden Völker bestrafen demnach einen Menschen, wenn er gestorben ist, weil er gestorben ist. Sie ziehen ihn vollständig aus, binden ihn nackt an einen Pfahl und geisseln ihn einen ganzen Tag lang. Das tun sie auch dann mit dem Toten, wenn er von einem anderen getötet wurde, denn allein er trage die Schuld, weil er sich habe überwältigen und schliesslich sogar töten lassen. Der Totschläger dagegen werde dafür gelobt, dass er den anderen besiegt und sein eigenes Leben bewahrt habe.

GEJ 1.78.12

So töricht diese Sache auch klingt, gleicht sie doch völlig unserem eigenen Handeln, wenn wir jemanden, der durch die Sünde – eine wirkliche Krankheit der Seele – ohnehin schon geistig tot ist, noch toter machen wollen, als er bereits ist.

GEJ 1.78.13

Ein Kranker braucht den Arzt und die richtige Arznei. Ihn aber dafür zu bestrafen, dass er das Unglück hatte, krank zu werden, gehörte, lieber Freund, ins tiefste Skythien. Ich meine, du wirst nun einsehen, dass es besser ist, dem Herrn des Lebens in allem nachzufolgen, als Ihm mit groben und ungeschickten Händen in irgendetwas vorzugreifen und dadurch die grosse göttliche Pflanzschule entweder gleich den Teufeln mutwillig oder doch gewiss aus reiner Dummheit zu verderben.»

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