Nach dieser Bemerkung von Mir erreichten wir mit gemächlichen Schritten den grossen Schlosshof. Die gesamte Dienerschaft kam dem Kaufmann überaus erstaunt und verlegen entgegen. Der Oberdiener, der als Vogt den übrigen Dienern vorstand, ergriff das Wort: «Herr, Herr, das ist nun eine schöne Wirtschaft! Unsere Köche und Köchinnen bringen keine einzige Speise zustande; alles misslingt. Wir wollten die Tische wenigstens mit Obst, Wein und einer ordentlichen Menge Brot besetzen. Doch alle Räume sind so fest verschlossen, dass wir keine einzige Tür mit aller Kraft öffnen konnten. Was sollen wir nun tun?»
Der Kaufmann war teils selbst überaus erstaunt und teils sehr verärgert. Er sagte: «So geht es immer, sobald ich nur den Fuss über die Schwelle setze: Unordnung über Unordnung! Was machen denn die Köche und Köchinnen? Bei mir wurden doch schon oft zehntausend Gäste bewirtet, und alles verlief ordentlich. Nun sind es insgesamt kaum tausend, und überall herrscht die grösste Unordnung. Doch was sehe ich? Aus allen Fenstern blicken junge Männer heraus. Mein Schloss ist also voller Menschen, während du und die dir unterstellten Knechte behauptet, alle Türen meines Schlosses seien verschlossen. Wie ist das möglich? Lügt ihr und wollt eure Trägheit vor mir beschönigen? Oder, wenn die Räume tatsächlich verschlossen sind: Wer hat sie verschlossen?»
Der Vogt wusste nicht, was er seinem Herrn darauf antworten sollte. Wegen dessen sichtbaren Ärgers geriet die gesamte zahlreiche Dienerschaft des Schlossherrn in grosse Verlegenheit, Bestürzung und Sorge. Niemand wusste sich Rat oder Hilfe.
Ich sagte zum Kaufmann: «Lieber Freund, lass es gut sein, wie es jetzt ist. Als deine Diener und Wächter vorhin, von dir geschickt, zu Mir in den Hain kamen, um Mich zu fragen, wer Ich sei und was Ich hier mit einer so grossen Gesellschaft wolle, verlangte Ich wie ein Herr von dir, dass du uns allen ein gutes Mittagsmahl geben solltest. Du warst schnell dazu bereit, obwohl du nicht wusstest, wer Derjenige war, der sich das Recht nahm, von dir ein Mittagsmahl für so viele Gäste zu verlangen.
Deine Diener und auch du hielten Mich zunächst für einen Fürsten Roms. Deshalb warst du umso eifriger bemüht, Meinem Verlangen nachzukommen. Im Verlauf unseres vielseitigen und lehrreichen Gesprächs gelangtest du jedoch zu der Erkenntnis, dass Ich der Messias sei. Da warst du in deinem Herzen glücklich und dachtest umso mehr daran, Mich und die ganze Gesellschaft bestens zu bewirten, damit es Mir gefallen sollte, bei dir zu bleiben. Inzwischen wolltest du dein vermeintliches Heer gegen die Römer aus Vorder- und Hinterasien zusammenbringen, um unter Meiner Führung alle Feinde aus dem Land Gottes zu vertreiben, die reine Heiden sind und nicht an den lebendigen Gott glauben.
Als du dies in deinem Inneren beschlossen hattest, fasste auch Ich im Verborgenen einen Entschluss: Obwohl wir uns in deinem Haus befinden, sollst nun du Mein Gast sein und nicht Ich der deine. Deshalb befahl Ich Meinen tüchtigen Dienern, alles vorzubereiten. Nun ist bereits alles bestens bereit, und heute sollst du an Meiner Seite mit echter Himmelskost gespeist werden.
Die Früchte deiner Gärten und alles, was deine Küche zubereitet hat, sollst du jenen schmähsüchtigen Grossmäulern aus Sichar vorsetzen. Sie treiben sich noch dort im Hain herum und wissen sich vor Ärger nicht zu helfen, weil sie nicht ebenfalls zu den Eingeladenen gehören. Ich meine, das wird dir keinen Kummer bereiten. Denn sobald Ich bei jemandem einen guten Willen sehe, rechne Ich ihm diesen Willen bereits als vollbrachtes Werk an. Bei dir habe Ich einen guten Willen erkannt und dich deshalb von dem für dich kostspieligen Werk befreit. Denn Ich bin reicher als du und will nicht von dir gesättigt werden, sondern Ich will, dass du von Mir gesättigt wirst.»
Der Kaufmann machte grosse Augen und sagte nach einer Weile tiefen Nachdenkens: «Herr, für einen armen, sündigen Menschen ist das zu viel auf einmal. Ich kann das Wunder in seiner ganzen Grösse und Tiefe nicht erfassen. Wenn Du nur ein Mensch wärst, so wie ich bloss ein Mensch bin, wäre Dir dies unmöglich. Denn ich sah in Deiner Gesellschaft niemanden, der Lebensmittel trug. Woher solltest Du nun auf natürlichem Weg auf solch höchst sonderbare Weise Speisen genommen haben? Vorhin habe ich einige dieser wunderschönen Diener — oder vielleicht auch Dienerinnen — unter oder in Deiner Gesellschaft bemerkt, und ich sehe noch immer dieselben. Woher sind sie gekommen? Mein Schloss hat viele und meist sehr geräumige Zimmer; zehntausend Menschen finden darin leicht Platz. Nun sehe ich aber diese wunderschönen Diener aus allen Fenstern zu uns herabblicken. Deshalb frage ich erneut: Woher und von wo sind sie gekommen?»
Ich sagte: «Freund, wenn du dein Haus verlässt und in ein anderes Land ziehst, um dort zu kaufen oder zu verkaufen, nimmst du je nach Bedarf Diener mit und lässt dich von ihnen bedienen. Genauso tue es auch Ich. Ich habe überaus viele Diener; ihre Zahl könntest du kaum jemals erfassen. Wenn Ich nun ausziehe, warum sollten Meine Diener und Knechte bei einer solchen Gelegenheit zu Hause bleiben?»
Der Kaufmann sagte: «Herr, das ist alles vollkommen in Ordnung. Ich möchte nur wissen, von wo Du und all diese herrlichen Diener gekommen seid. Gerade das drängt mich zu erfahren.»
Ich sagte: «Lass uns zuerst das Mittagsmahl einnehmen. Danach wird sich noch eine Gelegenheit finden, bei der du darüber näher belehrt wirst. Für jetzt haben wir genug gesprochen, und es ist höchste Zeit, Ruhe und Stärkung zu finden. Gehen wir also in den grossen Saal, der in diesem Schloss auf der Morgenseite liegt und von hier aus nicht sichtbar ist. Wir befinden uns nämlich gerade an der Abendseite des Schlosses, von der aus man den grossen Flügel nicht sehen kann.»
Vor lauter Bewunderung fiel der Kaufmann beinahe in Ohnmacht. Nach einer Weile sagte er im höchsten Erstaunen: «Herr, nun wird mir die Sache wirklich fast schon allzu gewaltig wunderbar. Früher gab es wohl einen Ostflügel dieses Esau-Schlosses. Doch seit dieser Flügel bestand, dürften bereits zwei Jahrhunderte unwiederbringlich in die Vergangenheit hinabgerollt sein. Meine Vorfahren und ich wissen kaum noch etwas davon. Wie kannst Du dann von dem grossen Saal im Ostflügel dieses Schlosses sprechen?»
Ich sagte: «Erst wenn du in deinem Schloss keinen Ostflügel findest, kannst du so reden. Wenn du aber einen findest, dann denke darüber nach und begreife in deinem Inneren, dass bei Gott alle Dinge möglich sind. Schweige jedoch darüber und erzähle Meiner Gesellschaft nichts davon, denn für solche Taten ist Meine Umgebung noch nicht reif.»
Der Kaufmann sagte: «Wahrlich, nun brenne ich ernsthaft vor Verlangen, den Ostflügel meines Schlosses zu sehen, von dem schon meine frühesten Vorfahren kaum etwas erzählen hörten. Die Grundmauern sind noch hier und da sichtbar. Doch das ist alles, was mir von diesem Flügel des Schlosses überliefert wurde, der einst so prachtvoll gewesen sein soll.» Nun ging der Kaufmann rasch voraus, und wir folgten ihm.