Darauf kam die Küchenmagd völlig ausser Atem zu Matthäus und sagte: »Herr, Herr, komm und sieh! Soeben kamen viele junge Männer und brachten Vorräte in solcher Menge, dass wir sie in einem Jahr kaum verbrauchen werden. Alles sieht so frisch und gut aus. Auch die Kornkammern sind von oben bis unten gefüllt, und die Schläuche im Keller sind voll vom besten Wein. Herr, woher kam heute, am Sabbat der Juden, dies alles?«
Matthäus und alle im Zimmer waren über diese Nachricht völlig ausser sich. Die Jünger des Johannes, von denen sich einige zuvor überzeugt hatten, dass die Speisekammern leer waren, fragten Matthäus sofort, ob er etwa solche Lebensmittel bestellt habe.
Matthäus sagte: »Ich nicht; denn dann müsste ich selbstverständlich als Erster etwas davon wissen. Meine Frau ebenfalls nicht, denn sie liess mir gerade zuvor durch diese Magd ausrichten, dass unser geringer Vorrat so gut wie völlig aufgebraucht ist. Ausser einem Garten und einigen gepachteten Äckern besitze ich auch keinen Boden, auf dem ich Früchte in grosser Menge anbauen könnte, und hätte dafür nur wenig Zeit: Erstens habe ich mit dem Zoll viel zu tun, und zweitens muss ich hier in meinem Gasthaus für die Bewirtung der Gäste sorgen. Deshalb habe ich mein Gasthaus gewöhnlich von Woche zu Woche mit Lebensmitteln versorgt und liess sie mir meist gegen Bezahlung aus Kapernaum bringen. Mit Fischen habt meistens ihr mich versorgt; Wein und Getreide kaufte ich gewöhnlich von meinen bisherigen Glaubensgenossen, den Griechen. So habe ich mein Haus bisher mit dem Nötigen versehen; aber von dieser Bestellung wissen weder ich noch mein Haus auch nur eine Silbe.
Es sei denn, ein unbekannter, grosser Freund hätte dies getan. Sonst ist und bleibt es ein offenkundiges Wunder. Wo aber dieser Freund ist und wer er ist, weiss ich ebenso wenig wie ihr. Ich will nun alle meine Leute hereinrufen und sie vor euch fragen, ob sie vielleicht einen der Träger gekannt haben.«
Nun wurden die Frau sowie alle Mägde und Knechte gerufen und befragt. Alle bezeugten einstimmig, dass sie keinen der Männer auch nur von ferne gekannt hatten: »Die Männer sahen wie zart gebaute Jünglinge aus; bei keinem Einzigen war irgendein Bart zu erkennen. Alle hatten jedoch schönes, gelocktes, langes Haar, und ihre Kleidung glich eher der römischen als der jüdischen. Viele von ihnen waren gleichzeitig in den Speisekammern, auf dem Schüttboden und im Keller. Sie legten das Mitgebrachte schnell nieder und sagten: ›Dies ist eine Gabe für den Zöllner Matthäus, den heute der grosse Meister berief.‹ Dann entfernten sie sich eilig, und wir sahen nicht, in welche Richtung sie sich vom Haus aus wandten.«
Ein Pharisäer sagte dazu: »Die Sache klingt höchst ungewöhnlich und seltsam und ist doch wahr. Wir wären sehr dafür, dieser Begebenheit auf den Grund zu gehen.«
Derselbe Pharisäer wandte sich an Matthäus und sagte weiter: »Wirt, lass uns eine Probe von den Weinen bringen, und wir werden dir sagen, woher sie kommen. Denn an Geschmack und Farbe erkennen wir, wo der Wein gewachsen ist.«
Man ging sofort in den Keller und brachte alle Trinkgefässe gefüllt zurück. Als die Pharisäer und Schriftgelehrten die Weine gekostet hatten, sagten sie voller Staunen: »Nein, einen solchen Wein haben wir noch nie probiert. Er ist von unbeschreiblicher Güte und Lieblichkeit. Wir haben doch alle Weine getrunken, die irgendwo auf der uns bekannten Erde wachsen; darunter waren einige sehr gute und wohlschmeckende. Gegen diesen Wein aber könnte man sie kaum mehr als lauwarmes Wasser bezeichnen. Das ist und bleibt ein Rätsel.
Da du nun einen grossen Vorrat von diesen unübertrefflich herrlichen Weinen hast, könntest du uns nicht gegen Geld und gute Worte einige Schläuche überlassen? Es würde sich wahrlich lohnen, dem Hohenpriester in Jerusalem eine Sendung zu machen.«
Matthäus sagte: »Umsonst habe ich es empfangen, und ebenso gebe ich es weiter. Dem Hohenpriester in Jerusalem aber gebe ich keinen Tropfen. Käme er zufällig als Gast hierher, würde er wie jeder andere bedient — wohlgemerkt nur als Mensch, allen anderen Menschen gleich, niemals aber als jüdischer Oberpriester. Als solcher ist er für mich ein Gräuel aller Verwüstung und ein Mörder des Geistes der Menschen, die seinen Glauben teilen.«
Ein Schriftgelehrter sagte: »Freund, da beurteilst du den Oberpriester von Jerusalem völlig falsch und kennst weder sein Wesen noch sein Amt.«
Matthäus sagte: »Lassen wir die Sache ruhen, denn sie versetzt mich am schnellsten in einen höchst wahren und gerechten Zorn. Ihr seid seine Augen und seht deshalb am wenigsten, was euch am nächsten ist: die eigene Nase, die Stirn und das ganze Gesicht. Wir, die euch gegenüberstehen, sehen das alles nur zu gut und genau. Aber nun nichts Weiteres davon, sonst geriete ich in Hitze und könnte euch als meine nun gleichermassen geachteten Gäste beleidigen.«
Ein etwas gemütlicherer Pharisäer sagte: »Nun, nun, lassen wir diese Sache ruhen und sprechen lieber mit dem Meister Jesus darüber. Er wird uns über dieses Ereignis vielleicht am besten Aufschluss geben können, denn Er überragt uns alle weit an Wissen und Weisheit.« Dann wandte er sich an Mich: »Was sagst Du zu dieser Geschichte? Du scheinst etwas davon zu wissen, denn Dein vorheriges Gespräch mit den Jüngern des Johannes scheint beinahe darauf hinzuweisen. Fast im selben Augenblick, als Du ihnen sagtest, wie Gott für jene sorgt, die Ihn wahrhaft lieben und Ihm ganz lebendig vertrauen, und als Du die Hässlichkeit und Verwerflichkeit dieses Egoismus so gründlich züchtigtest, geschah es. Deshalb kommt es mir insgeheim so vor, als hättest Du irgendwoher davon erfahren oder wärest sogar Selbst im Verborgenen der Urheber gewesen.«
Ich sagte: »Gut. Wenn ihr das von Mir vermutet, dann richtet eure Vermutung auch auf das, was Ich den Jüngern des Johannes gesagt habe, und bekennt in euren Herzen, dass Ich die volle Wahrheit gesprochen habe.
Wer von euch aus dem Grund seines Herzens so handeln wird, der wird von Gott jederzeit das erfahren, was nun unser Freund und Bruder Matthäus erfahren hat.
Denn glaubt Mir: Gott bleibt Sich in Seinem Herzen stets gleich. Wie Er war, als am Firmament noch lange keine Sonne, kein Mond und keine Sterne leuchteten, so ist Er noch in diesem Augenblick und wird ewig so bleiben.
Wer Ihn auf dem rechten Weg sucht, wird Ihn auch finden und in alle Ewigkeiten der Ewigkeiten gesegnet sein.«
Diese Worte gingen allen tief zu Herzen. Die Jünger des Johannes begannen, ernsthaft in sich zu gehen, und sagten: »Er muss doch ein weit grösserer Prophet sein als unser Johannes. Wir waren zehn volle Jahre bei Johannes, aber etwas Derartiges haben wir an seiner Seite nicht erlebt. Der Pharisäer hat recht, wenn er behauptet, dieser Jesus wisse davon. Ich möchte sogar beinahe behaupten, dass dies alles von Ihm und durch Ihn auf einem uns unbekannten Weg herrührt. Das Ganze ist ein handgreiflicher Beweis gegen unsere nun erkennbare Blindheit, einschliesslich unseres grossen Meisters Johannes.«