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GEJ 1.125

Quelle: Jakob Lorber

Kapitel 125 von 161

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GEJ 1.125.1

Die Jünger des Johannes sagten: »Tun wir denn Unrecht, wenn wir nach der Lehre des Johannes leben? Johannes war gewiss ein strenger Prediger, aber eine solche Lehre hat er uns nicht gegeben.

GEJ 1.125.2

Sieh, auch der uns bekannte Orden der Essäer ist streng, und Wahrhaftigkeit ist bei ihnen das erste Gesetz. Doch was nützt ihnen all ihre Wahrhaftigkeit, und was nützen ihre sonstigen strengen Regeln? Wer achtet sie? Weder bei den Griechen noch bei uns Juden gelten sie etwas; nur unter den Römern sollen sie einige wenige Anhänger haben. Ihre Lehre mag an sich noch so gut und rein sein: Für einige wenige Menschen, die sich von der ganzen Welt zurückgezogen haben, ist sie gewiss vortrefflich, für die gesamte Menschheit aber völlig untauglich.

GEJ 1.125.3

Was nützen uns alle noch so schönen und kraftvollen Worte zugunsten eines allgemeinen Sinnes für Brüderlichkeit?

GEJ 1.125.4

Sieh, dieses Haus ist gross, gastfreundlich und sucht in der schönen Sache der Brüderlichkeit seinesgleichen. Kannst du ihm aber vernünftigerweise zumuten, stets bereit zu sein, alle Menschen, die doch gewiss unsere Brüder sind, aufzunehmen und zu versorgen? Selbst wenn es dazu die beste Gesinnung und den besten Willen hätte, fehlten ihm doch die nötigen Mittel: Raum, Lebensmittel und vieles andere.

GEJ 1.125.5

Wenn sich ferner zwei arme Menschen in grösster Not irgendeine Hütte gebaut und für den Winter einen sehr knappen Lebensmittelvorrat gesammelt haben, mit dem sie selbst nur gerade so lange auskommen, bis die Erde wieder Früchte trägt, und nun zehn Menschen zu diesen beiden kommen, die in ihrer Hütte selbst kaum genügend Platz haben, und Einlass, Unterkunft und Verpflegung verlangen — sage: Kann irgendeine Lehre den beiden gebieten oder auch nur raten, der Forderung der zehn Ankömmlinge nachzugeben und sich dadurch selbst bis zum letzten Lebenstropfen zugrunde zu richten?«

GEJ 1.125.6

Ich sagte: »Jeder Vogel singt und zwitschert so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist; und ihr redet nach eurem Weltverstand und könnt nicht anders sprechen, weil ihr es nicht anders versteht. Das ist auch schon alles, was Ich euch darauf antworten kann. Würde Ich euch etwas Höheres und völlig Wahres aus den Himmeln sagen, würdet ihr Mich dennoch nicht verstehen; denn euren harten Herzen fehlt der Verstand dazu.

GEJ 1.125.7

Ihr Toren! Wer lässt die Früchte auf der Erde wachsen und reif werden? Wer erhält die Erde selbst und gibt ihr fortwährend die Kraft dazu? Glaubt ihr, Gott könne oder wolle dem nichts vergelten, der sich selbst verleugnet und für seine bedürftigen Brüder opfert? Oder meint ihr, Gott sei ungerecht und verlange von den Menschen das Unmögliche?

GEJ 1.125.8

Ich meine aber, dass ein wahrhaft redlicher, guter Wille und der sehnsüchtige Wunsch, dem armen Bruder nach Möglichkeit Gutes zu tun, jedem Menschen durchaus möglich sind.

GEJ 1.125.9

Wäre jeder davon ganz und gar beseelt, gäbe es auf der Erde keine so armselige Hütte mehr, die nur von zwei Menschen bewohnt werden könnte.

GEJ 1.125.10

»Seht, das Haus Meines Freundes Matthäus hat heute viele Menschen gesättigt und seinen ganzen Vorrat aus wahrhaft gutem Herzen hergegeben. Wenn ihr es nicht glaubt, geht hinaus in die Speisekammer und auf den Kornboden; ihr werdet keinen Vorrat finden. Hier steht aber der Hausherr. Fragt ihn, ob Ich die Unwahrheit sage!«

GEJ 1.125.11

Matthäus bestätigte Meine Aussage vollständig und sagte: »Herr, heute ist es leider so, und ich weiss nicht, woher ich morgen die Gäste versorgen soll. Aber es ging mir schon oft so, und ich vertraute auf Gott. Und sieh: Es kam wieder in Fülle, sodass ich die Gäste gut versorgen konnte.«

GEJ 1.125.12

Darauf sagte Ich: »Seht, so denkt und handelt ein rechtschaffener Mensch auf dieser Welt und beklagt sich nicht, Gott habe ihn je verlassen. So ist es zu allen Zeiten gewesen und wird es ewig sein.

GEJ 1.125.13

Wer auf Gott vertraut, dem vertraut auch Gott; Er verlässt ihn nicht und lässt ihn nicht zuschanden werden. Jenen aber, die wie ihr zwar glauben, dass Gott Einer ist, Ihm jedoch nicht völlig vertrauen, weil ihr eigenes Herz ihnen sagt, dass sie der Hilfe Gottes unwürdig sind, hilft Gott ebenfalls nicht. Denn sie vertrauen nicht auf Gott, sondern allein auf ihre eigenen Kräfte und Mittel, die sie für geradezu heilig und unantastbar halten, und sagen: ›Mensch, willst du Hilfe, dann hilf dir selbst! Jeder Mensch ist sich selbst der Nächste und sorgt zuerst für sich.‹ Und bis er für sich gesorgt hat, geht der Hilfsbedürftige zugrunde.

GEJ 1.125.14

Ich aber sage: »Wenn ihr zuerst für euch selbst sorgt, seid ihr von Gott verlassen und ohne Seinen Segen und Seine sonst über alles sichere Hilfe. Denn Gott hat die Menschen nicht aus Selbstsucht, sondern aus reiner Liebe erschaffen; deshalb sollen die Menschen der Liebe, die ihnen das Dasein gab, in allem völlig entsprechen.

GEJ 1.125.15

Wenn ihr aber ohne Liebe und Vertrauen auf Gott lebt und handelt, verwandelt ihr das Himmlische in euch freiwillig in Höllisches, wendet euch von Gott ab und werdet zu Dienern der Hölle. Diese wird euch am Ende den verdienten Lohn nicht vorenthalten, der Tod im Zorn Gottes heisst.

GEJ 1.125.16

Ihr habt auch gesagt, dass die Essäer, die nach der Schule des Pythagoras leben, wegen ihrer reinen Menschenliebe von niemandem gut aufgenommen werden, ausser von einigen wenigen Römern.

GEJ 1.125.17

Auch Ich achte sie nicht, weil sie die Unsterblichkeit der Seele nicht anerkennen; dennoch ist der Schlechteste unter ihnen besser als der Beste unter euch.

GEJ 1.125.18

Ich sage euch offen: Unter allen, die seit Beginn der Welt von Frauen geboren wurden, ist nie ein Grösserer hervorgegangen als Johannes. Doch wer von nun an der Kleinste unter Meinen Jüngern im wahren Gottesreich sein wird, wird um vieles grösser sein als er, den ihr euren Meister nennt, obwohl ihr ihn noch nie verstanden habt. Denn er zeigte euch den Weg zu Mir und ebnete den Weg vor Mir und zu Mir. Die Welt in euch aber hat eure Herzen verblendet; darum vermögt ihr Mich nicht zu erkennen, obwohl ihr euch bereits bei Mir befindet.

GEJ 1.125.19

Geht also hin und sorgt für eure Welt, für eure Frauen und Kinder, damit sie ja nicht nackt umhergehen müssen und Hunger und Durst niemals ihren Bauch bedrängen. Doch es wird sich bald zeigen, welchen Nutzen ihr ihnen dadurch verschafft habt. Ich sage euch: Gott wird nicht für sie sorgen. Und Ich kann euch dies mit vollem Recht und in tiefster Wahrheit sagen:

GEJ 1.125.20

Wer Vermögen, Besitz und ein Gewerbe hat, das ihm grossen Gewinn verschaffen kann, den Gewinn aber für sich und seine Kinder spart und mit bitteren Augen und verbittertem Herzen auf die armen Brüder herabschaut, sich vor den armen Kindern scheut, die aus Mangel an allen irdischen Gütern Hunger, Durst und Kälte leiden, und sie abweist, wenn sie zu ihm kommen und um ein Almosen bitten; und wer zu einem Bruder sagt: ›Komm in einigen Tagen oder Wochen zu mir, dann werde ich dies oder jenes für dich tun‹, wenn aber der hoffende und darauf vertrauende Bruder kommt und den Versprechenden daran erinnert, dass er nun wie bestellt da sei, und dieser sich entschuldigt, auch jetzt noch nicht helfen zu können, obwohl er insgeheim die Mittel dazu besitzt — wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Der ist ein Feind Gottes! Denn wie will er Gott lieben, Den er nicht sieht, wenn er seinen Bruder nicht liebt, den er vor sich sieht und dessen Not kennt?

GEJ 1.125.21

Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Wer seinen Bruder in der Not verlässt, verlässt damit zugleich Gott und Himmel. Und Gott wird ihn verlassen, ehe er sich versieht.

GEJ 1.125.22

Wer aber seine armen Brüder nicht verlässt, selbst dann nicht, wenn Gott ihn in eine Prüfung führte, der soll auch gesegnet werden, ehe er sich versieht — zeitlich und ewig noch reichlicher, als nun die Speise- und Kornkammern unseres Gastfreundes gesegnet worden sind.«

GEJ 1.125.23

Die Jünger des Johannes sagten: »Das glauben wir sehr gern; denn diese sind vollständig leer!«

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