Während Ich noch mit den Jüngern über diese Frau sprach, kamen uns einige Angehörige des Gesindes des Vorstehers beinahe ausser Atem entgegengelaufen. Sie überbrachten ihm die traurige Nachricht, dass die Tochter bereits gestorben ist.
Der Vorsteher wurde sehr traurig und sagte zu Mir: »Lieber Meister, da es nun zu meinem unermesslichen Schmerz zu spät ist, meiner lieben Tochter zu helfen, die mein Ein und Alles war, bemühe Dich nicht weiter.«
Nach diesen Worten begann er laut zu weinen. Er liebte seine zwölfjährige Tochter sehr. Sie war wohlgestaltet und gebildet, besass eine Statur, die es mit der eines zwanzigjährigen Mädchens aufnehmen konnte, und war zugleich sein einziges Kind.
Als Ich dies von seinem Gesinde und danach von ihm selbst vernahm und der überaus traurig gewordene Vorsteher Mich von ganzem Herzen dauerte, sagte Ich zu ihm: »Freund, fürchte dich nicht, sondern glaube! Deine Tochter ist nicht gestorben, sondern nur eingeschlafen, und Ich werde sie erwecken.«
Als der Vorsteher dies von Mir hörte, begann er leichter zu atmen.
Als wir noch ungefähr tausend Schritte vom Haus des Vorstehers entfernt waren, sagte Ich zum Volk und zu den Jüngern, deren Glaube noch schwächer war, sie sollten alle dort bleiben. Nur Petrus, Jakobus, dessen Bruder und Johannes durften mitgehen; denn auf ihren Glauben konnte man bereits Häuser bauen.
Als Ich darauf mit dem Schulvorsteher ins Haus kam, herrschte dort grosses Getümmel. Nach jüdischer Sitte wurde geweint und geheult, und man sang Klagelieder.
Als Ich das Zimmer betrat, in dem die Verstorbene auf einem geschmückten Bett lag, wandte Ich Mich an die vielen lärmenden Trauernden und sagte: »Warum lärmt und weint ihr hier so heftig? Das Töchterchen ist nicht gestorben; es schläft nur.«
Da verlachten sie Mich und sagten: »Ja, so sehen also Schlafende aus! Wenn seit zweieinhalb Stunden weder Atem noch Puls vorhanden sind, der ganze Körper kalt und farblos geworden und das Auge erloschen ist, dann schläft man nach Deiner Auffassung? Ja, ja, auch das ist wohl ein Schlaf; aber aus diesem Schlaf erwacht kein Mensch mehr, ausser am Jüngsten Tag.«
Ich sagte zum Vorsteher: »Schaffe sie alle hinaus, denn ihren Unglauben kann Ich hier nicht gebrauchen.« Der Vorsteher tat es; doch die lärmende Menge gehorchte ihm nicht, und er bat Mich um Hilfe. Da trieb Ich sie alle mit Gewalt hinaus; sie liefen davon und zerstreuten sich.
Danach ging Ich mit dem Vorsteher, der traurigen Mutter und den vier Jüngern wieder in das Gemach, in dem das verstorbene Töchterchen lag. Ich trat sogleich an ihr Bett, ergriff sie bei der linken Hand und sprach zu ihr: »Talitha kumi! Das heisst übersetzt: Mädchen, Ich sage dir: Steh auf!«
Sogleich stand das Mädchen auf, sprang fröhlich und munter vom geschmückten Bett und ging in seiner früheren Lebhaftigkeit im Zimmer umher. Es liebkoste seine vom Weinen gezeichnete Mutter und seinen Vater. Zugleich bemerkte das fröhliche Mädchen, dass sein Magen leer war, dass es also Hunger hatte und etwas essen wollte.
Da wandten sich die überaus froh gewordenen Eltern an Mich und fragten unter vielen Freuden- und Dankestränen, ob und was sie ihrer Tochter zu essen geben sollten. Ich sagte: »Gebt ihr ruhig zu essen, was sie mag und was schnell zur Hand ist.«
Auf einer Schüssel lagen Feigen und Datteln. Das Töchterchen fragte, ob es diese Früchte essen dürfe. Ich sagte: »Iss nur, was dir schmeckt; du bist jetzt völlig gesund und wirst künftig nicht mehr krank werden.«
Da sprang das Mädchen schnell zur Schüssel und leerte sie beinahe vollständig. Die Eltern befürchteten jedoch, es könnte ihr schaden.
Ich beruhigte sie und sagte: »Sorgt euch nicht. Wenn Ich euch sage, dass es ihr niemals schaden kann, dann wird es ihr auch niemals schaden.« Die Eltern glaubten fest.
Nachdem das Mädchen sich gesättigt und seinen Lobgesang gesprochen hatte, ging es zu den Eltern und fragte sie leise, wer Ich sei. Denn als es auf dem Bett schlief, hatte es die Himmel offen und eine grosse Menge leuchtender Engel gesehen. Es selbst erzählte: »In der Mitte der Engel stand ein sehr freundlicher Mann. Er sah mich an, kam auf mich zu, ergriff mich bei der Hand und sprach: Talitha kumi! Auf diesen Ruf hin erwachte ich sogleich. Seht, dieser Mann dort sieht genauso aus wie der Mann, den ich zuvor im Traum unter so vielen Engeln gesehen habe! Ach, das muss ein überaus lieber Mann sein!«
Der Vorsteher verstand die Frage der Tochter nur zu gut. Da Ich ihm jedoch ein Zeichen gegeben hatte, sagte er ihr lediglich, sie habe einen schönen und wahren Traum gehabt, den er ihr bald vollständig erklären werde. Das Töchterchen gab sich damit vollkommen zufrieden.
Ich sagte zum Vorsteher, er solle nun mit der Tochter, der Mutter und Mir ins Freie gehen, damit die draussen Wartenden wegen ihres Unglaubens beschämt würden. Wir gingen hinaus. Als die Ungläubigen die Tochter sahen, wie sie gesund aussehend und völlig munter auf sie zuging und zu fragen begann, warum sie so verblüfft und erschrocken dastünden, entsetzten sie sich noch mehr und sagten: »Das ist ein Wunder über alle Wunder! Das Mädchen war wirklich tot und lebt nun wieder!« Sie wollten dies sogleich in der ganzen Gegend bekannt machen.
Ich drohte ihnen allen und gebot ihnen bei ihrem leiblichen und geistigen Heil, diese Sache unbedingt für sich zu behalten. Sie schwiegen und entfernten sich.