(Matthäus 8,21.) Vor dem Besteigen des Schiffes kam auch einer Meiner Jünger zu Mir und bat Mich, ihm vor der Abfahrt zu gestatten, seinen Vater zu begraben, der in der vergangenen Nacht plötzlich gestorben sei. Ich sagte jedoch zu ihm: »Folge du nur Mir und lass die Toten ihre Toten begraben.« Der Jünger gab seine Bitte sofort auf und folgte Mir auf das Schiff; denn er begriff, dass es besser sei, für das Leben als für den Tod zu sorgen. Die Sorge um den Tod ist eitel und passt wahrlich am besten zu den Toten. Denn alle, die auf prunkvolle Begräbnisse Wert legen, sind mehr oder weniger tot: Sie erweisen dem Tod Ehre und messen selbst der Ehre des Todes grosse Bedeutung bei.
Der wahre Tod des Menschen ist die Selbstsucht, und deren Geist ist der Hochmut, der vor allem nach Ehre giert. So ist ein prunkvolles Begräbnis eines Verstorbenen nichts anderes als der letzte Hochmutszug eines Menschen, der geistig schon lange tot ist.
Nachdem der Jünger in sich die ganze Tiefe der Wahrheit dessen erkannt hatte, was Ich zu ihm gesagt hatte, folgte er Mir, wie bereits erwähnt, ohne jedes weitere Bedenken auf das Schiff. Bei gutem Wind fuhren wir schnell ab (Matthäus 8,23) und entgingen so dem ständig wachsenden Andrang des Volkes.
Einige bestiegen zwar die kleinen Fahrzeuge und folgten uns eine kurze Strecke. Als der Wind jedoch immer kräftiger zu wehen begann, kehrten sie schnell um und hatten Mühe, vor dem Ausbruch des Sturmes wieder das sichere Ufer zu erreichen.
Wir befanden uns bereits auf hoher See, als sich der zuvor günstige Wind in einen mächtigen Sturm verwandelt hatte. Ich war schon beim Besteigen des Schiffes körperlich etwas müde, weil Ich die ganze Nacht gewacht hatte, und sagte daher zu Petrus auf dem Schiff: »Bereite Mir ein Lager; denn Ich werde Mich während der Fahrt ein wenig ausruhen, da Ich, wie du weisst, die ganze Nacht keine Ruhe hatte.«
Petrus brachte Mir sofort mehrere Matten, bereitete daraus ein gutes Lager und legte Mir darauf noch ein Kissen unter den Kopf. Daraufhin schlief Ich körperlich wirklich ein, obwohl Ich sehr wohl wusste, dass der Wind bald in einen äusserst heftigen Sturm umschlagen und die hohen Wogen das Schiff bedrohen würden.
Als wir ungefähr einige Stunden vom Ufer entfernt waren, hatte der Sturm den Höhepunkt seiner Wut erreicht (Matthäus 8,24), und die Wogen begannen über das Deck des Schiffes zu schlagen. Nun wurde selbst Meinen bewährtesten Jüngern bange; denn sie sahen, dass das Schiff durch die immer stärkeren Wellen, die über die Bordwand schlugen, Wasser aufzunehmen begann. Besonders betroffen war der mittlere und nach der damaligen Bauart der Schiffe niedrigste Teil. Da der Sturm nicht enden wollte, sondern das Meer mit immer grösserer Macht in hochwogende Bewegung versetzte, treten die Jünger zu Mir, das heisst zu der höchsten Stelle des Schiffes, wo Petrus Mir zuvor ein Lager bereitet hatte und wohin die Wogen noch nicht vorgedrungen waren. Sie beginnen Mich zu rütteln (Matthäus 8,25), bis Ich erwache, und schreien voller Angst: »Herr, hilf uns, sonst gehen wir alle zugrunde!«
Da erhob Ich Mich vom Lager und sagte: »O ihr Kleingläubigen! (Matthäus 8,26.) Wie könnt ihr euch fürchten, da Ich bei euch bin? Was ist grösser: der Sturm oder Der, der auch Herr über alle Stürme ist?«
Da die Jünger und mehrere andere Menschen im Schiff vor Angst beinahe völlig sprachlos geworden sind und selbst Petrus nur noch zu stammeln vermochte, bedrohte Ich schnell den Sturm und das Meer. Siehe, da wurde alles auf einmal still: Der Sturm war wie abgeschnitten, und das Meer wurde augenblicklich glatt wie ein Spiegel. Nur dort, wo die Ruderer es aus dem Gleichgewicht brachten, bemerkte man eine winzige Bewegung des Wassers. Die recht zahlreichen Menschen, die Mich noch nicht näher kannten, weil sie erst an diesem Morgen hinzugekommen sind und die Fahrt mehr wegen ihrer Geschäfte als Meinetwegen mitmachten, begannen sich über alle Massen zu wundern. Sie sagten zu den Jüngern und fragten sie: (Matthäus 8,27.) »Was ist das — um Jehovas willen — für ein Mensch, dass ihm die Winde und das Meer gehorchen?«
Ich gab den Jüngern ein Zeichen, Mich nicht zu verraten. Petrus aber sagte: »Fragt nicht viel, sondern macht euch alle schnell daran, das reichlich ins Schiff eingedrungene Wasser auszuschöpfen. Sonst sind wir verloren, falls noch ein Nachsturm kommt, wie es häufig geschieht, wenn ein Sturm so schnell abbricht wie jetzt.« Da fragten die Fremden nicht weiter, sondern griffen zu den Wassereimern und schöpften das Wasser flink aus dem Schiff. Damit hatten sie vollauf zu tun, bis wir das langgestreckte jenseitige Ufer erreichten.