Am nächsten Morgen wurde es vor dem Haus sehr lebendig. Schon vor Tagesanbruch kamen von allen Seiten erneut viele Menschen herbei; auch an Brot- und Milchverkäufern fehlte es nicht. Dadurch entstand vor dem Haus ein grosser Tumult, sodass allen im Haus bange wurde.
Ich aber sagte: »Lasst uns das Frühstück einnehmen und uns danach sofort in ein Mir wohlbekanntes Haus begeben, das einige Feldwege hinter Kapernaum liegt, damit die Angelegenheit hier in Nazareth kein solches Aufsehen erregt.«
Während Ich dies den Jüngern ankündigte, kam Judas herein und sagte: »Brüder, von nun an bleibe ich bei euch. Meine Geschäfte sind beendet; euretwegen habe ich sie schon heute statt morgen abgeschlossen. Doch nun ganz kurz zu etwas anderem: Das Volk, das hier zu mehreren Tausenden versammelt ist, will nichts anderes, als den guten Meister Jesus zum König auszurufen. Angesichts der zahlreichen römischen Soldaten wäre dies meines Erachtens im höchsten Grad unklug. Bei einer solchen Gelegenheit dürfte selbst den sonst sehr menschlichen Römern keineswegs zu trauen sein, ebenso wenig den hohen Priestern, den Pharisäern und den Schriftgelehrten unseres Volkes.«
Ich sagte: »Nun, dann bringt schnell das Frühstück herbei. Heute ist ausserdem Sabbat, und es könnte noch mehr Volk kommen; deshalb werden wir uns rasch von hier entfernen.«
An Mein Haus grenzte auf beiden Seiten ein gut eingezäunter Garten, den man nur durch eine kleine Hintertür des Hauses erreichen konnte. Wir benutzten diese Tür und entkamen so den neugierigen Blicken mehrerer Tausend Menschen. Über drei Viertel von ihnen waren lediglich von der lästigen Neugier getrieben, dort wunderbare Ereignisse anzustaunen.
Wir waren insgesamt beinahe hundert Personen und entkamen unbemerkt von der grossen Menge. Diese wartete noch immer vor dem Haus darauf, dass Ich mit den Jüngern herauskäme und dort vielleicht wieder ein Wunder wirkte oder eine Rede hielte. Danach wollten Mich viele aus der Menge, wie sie es geplant hatten, zum König der Juden ausrufen. Da trat eine Magd aus Meinem Haus vor die Menge und fragte einen Mann, der ihr besonders vertrauenswürdig erschien, was die grosse Volksmenge hier wolle. Der Mann antwortete: »Wir sind hier, um Jesus, den Mächtigsten der Mächtigen und Weisesten der Weisen, zu unserem König zu machen. Wir waren Zeugen, wie Meer und Winde Ihm gehorchten und die schlimmsten Teufel aus Menschen und Geistern vor Ihm fliehen mussten. Er ist unfehlbar der verheissene Gesalbte Gottes, der das Volk Gottes vom harten Joch der römischen Tyrannei erlösen soll. Daher ist es an der Zeit, Ihn zum von allen Juden anerkannten und angebeteten König des Volkes Gottes zu erheben. Darum sind wir hier. Was tut Er so lange im Haus, dass Er nicht einmal zu uns herauskommt?«
Die Magd sagte: »Dann wartet ihr hier vergeblich. Er ist schon früh mit allen Seinen Jüngern in die Gegend von Kapernaum gegangen, vielleicht zu einem Kranken. Deshalb wartet ihr hier, wie gesagt, umsonst auf Ihn.«
Nach dieser Nachricht fragte der Mann sie, ob sie wisse, in welches Haus Er gegangen sei. Die Magd versicherte jedoch, dass sie es nicht wisse und auch sonst niemand im ganzen Haus; denn Ich hatte niemandem anvertraut, in was für ein Haus Ich gegangen war.
Nach dieser Antwort ging der Mann ins Haus, um die Aussage der Magd zu überprüfen. Dort fand er ausser den wenigen Personen, die Maria beim Reinigen des Koch- und Tischgeschirrs halfen, niemanden. Daher ging er wieder hinaus und verkündete allen, Ich sei, ohne dass das genaue Ziel bekannt wäre, in ein Haus bei Kapernaum gegangen, um dort einen Kranken zu heilen.
Als die Menge dies erfuhr, brachen alle auf einmal auf und riefen: »Also auf nach Kapernaum! Dort werden wir uns schon nach Ihm erkundigen und das Haus finden, in das Er gegangen ist.«
Darauf schlugen alle bis auf einige wenige Nazarener den Weg nach Kapernaum ein, und Mein Haus war von dem grossen Volkslager befreit.
Dafür staunten schon nach kurzer Zeit die Einwohner Kapernaums, als sie die grosse Volksmenge in die Stadt einziehen sahen. Der römische Oberst schickte sogleich mehrere seiner Soldaten unter sie und liess fragen, was sie in solcher Zahl in Kapernaum wollten. Es sei Sabbat, und in dieser Stadt finde weder ein Markt noch sonst etwas statt, erst recht nicht an einem Sabbat, dessen Heiligung der Oberst aufrechterhalten müsse.
Die Befragten antworteten: »Wir suchen Jesus von Nazareth, denn wir haben gehört, dass Er hier sei.«
Der Oberst liess ihnen ausrichten, dass Jesus Sich nicht in Kapernaum, sondern in der Nähe von Bethabara befinde, wohin Er schon vor einigen Stunden gegangen sei.
Als die Menge dies vernahm, begab sie sich schnell nach Bethabara. Unterwegs zwischen den beiden Orten entdeckten ihre Anführer am Galiläischen Meer um ein Haus herum ebenfalls eine grosse Volksmenge. Sie gingen dorthin und fragten, was es dort gebe. Man sagte ihnen, Ich sei in dem Haus.
Nach dieser Nachricht wurde das Haus sofort von allen Seiten umlagert. Das Volk beriet sich und traf Vorbereitungen, wie es Mich zum König machen könnte. Da erwies Mir der Oberst einen guten Dienst und entsandte aus Kapernaum eine ganze Legion Soldaten, die den grossen Haufen lediglich überwachen sollten. Darauf hielt die Menge mit ihrem Vorhaben inne.
Durch diese Vorgänge wurden auch mehrere Pharisäer und Schriftgelehrte angezogen. Einige stammten aus Jerusalem, hielten sich damals jedoch in Kapernaum auf; sie kamen zusammen mit den Priestern und Schriftgelehrten von Kapernaum. Andere kamen aus Nazareth und der Umgebung Meinetwegen in dieses Haus. Denn sie hatten von Jairus erfahren, wie Ich sein Töchterchen aus dem härtesten Tod erweckt hatte. Das Volk machte ihnen Platz, damit sie zu Mir ins Haus gelangen konnten.
Als sie Mich im Haus fanden, richteten sie sogleich zahlreiche Fragen an Mich. Ich verwies sie jedoch alle an Meine Jünger und sagte: »Diese hier sind Meine Zeugen; sie wissen über alles Bescheid, fragt sie!«
Nun bestürmten die Pharisäer und Schriftgelehrten die Jünger, und diese gaben ihnen sehr gut bemessene Antworten.