Nach dieser Belehrung trat Jairus erneut zu Mir und sagte: »Liebster Meister! Dadurch, dass Du meine Tochter wieder zum Leben erweckt hast, hast Du mir mehr gegeben, als wenn Du mir selbst womöglich ein hundertfaches Leben gegeben hättest. Welchen Dank soll ich Dir dafür erweisen? Wie soll ich Dich dafür belohnen? Was soll ich nun für Dich tun?«
Ich sage: »Nichts weiter, als dass du künftig keinen Anstoss mehr an Mir nehmen sollst, wenn du dieses oder jenes von Mir hören wirst. Bis jetzt warst du gegen Mich; sei daher von nun an für Mich. Denn die ganze Welt kann dir nicht geben und für dich tun, was Ich dir gegeben und für dich getan habe. Einst wirst du erkennen, wie und weshalb Ich dies für dich tun konnte. Gedenke Meiner in deinem Herzen!«
Jairus weinte vor Freude, und seine Frau und seine Tochter schluchzten, als Ich mit Meinen Jüngern den Rückweg nach Nazareth antrat. Sie begleiteten Mich bis zu der Stelle, an der die anderen Jünger und eine grosse Volksmenge auf Mich warteten.
Als wir dort ankamen, gab es eine grosse Menge neugieriger Fragesteller, die nichts Eiligeres zu tun hatten, als überstürzt zu fragen, wie es um die verstorbene Tochter des Schulvorstehers stehe.
Petrus ergriff jedoch das Wort und sagte: »Ihr Blinden! Seht her: Dieses Mädchen ist es, das tot war und nun lebt. Wollt ihr etwa noch mehr?« Da wandten sich viele an den Vorsteher und fragten ihn, ob das wahr sei.
Der Vorsteher sprach mit ziemlich lauter Stimme: »Ja! Ihr blinden und ungläubigen Toren! Vor einer Stunde weinte ich noch über den Verlust dieser meiner liebsten und einzigen Tochter, und nun seht ihr mich über alle Massen froh, weil ich meine Tochter wiederhabe. Genügt euch dieser handgreifliche Beweis noch nicht?«
Nach diesen Worten begannen sich alle sehr zu verwundern. Als Ich Mich mit den Jüngern weiterbewegte, folgte Mir die ganze grosse Volksmenge, beinahe dreitausend Menschen, und begleitete Mich bis nach Nazareth.
Es war schon ziemlich spät in der Nacht, als wir zu Hause ankamen; doch Maria, die Brüder und die Schwestern waren noch auf. Ein gut zubereitetes Abendessen wartete auf uns, was mehreren von uns sehr gelegen kam. Da wir seit dem Morgen nichts gegessen hatten, war unser beträchtlicher Hunger durchaus verständlich und entschuldbar.
Auch Judas war im Haus und schlief bereits auf einem Strohlager. Als unser Reden, Fragen und Antworten ihn weckte, stand er sogleich auf und fragte uns nur danach, wie der Fischfang ausgefallen sei.
Petrus sagte zu ihm: »Geh hinaus und sieh nach!« Judas ging hinaus und sah nichts als die grosse Menschenmenge, die sich um Mein Haus gelagert hatte. Bald darauf kam er wieder ins Zimmer und fragte Petrus erneut, wo denn die Fische seien; er sei um das ganze Haus gegangen und habe nirgends einen Fisch gesehen.
Petrus sagte: »Hast du noch nie gehört, dass die Blinden nichts sehen, die Tauben nichts hören und die Stummen nichts verstehen können ausser dem Bedürfnis ihres Magens? Sieh, du blinder Wucherer: Die Menschen, die sich draussen zu Tausenden gelagert haben, sind die herrlichen und guten Fische, die ich meinte!«
Judas sagte: »Ach so! Für einen bestimmten Zweck ist das freilich kein schlechter Fang. In unserem gewöhnlichen Leben ist mir aber ein hundert Pfund schwerer Wels lieber als all die Menschen dort draussen; denn für einen solchen Fisch bekomme ich überall vier Groschen, für diese Menschen jedoch gibt mir niemand einen Stater.«
Petrus sagte: »Mit deiner Gewinnsucht wirst du es wohl noch so weit bringen, dass du ganz und gar dem Satan angehörst. Bist du denn mehr als ein Mensch, während jeder von uns ebenfalls ein Mensch ist? Wir alle leben ohne Gewinnsucht; du lebst mit uns und isst aus unserer Schüssel, was dich nichts kostet als die geringe Mühe des Essens selbst. Wenn du aber hier ohne dein törichtes Geld lebst, wozu brauchst du es dann?«
Judas sagte: »Habe ich nicht Frau und Kinder? Wer versorgt sie für mich, wenn ich nichts verdienen würde? Glaubst du etwa, sie könnten von einer Art Luft leben?«
Petrus sagte: »Sieh, ich kann vieles gut ertragen, aber keine unverschämte Lüge. In Jerusalem, wo man von dir nur weiss, dass du ein Galiläer bist, magst du dich als fürsorglichen Familienvater rühmen; vor mir gelingt dir das jedoch keinesfalls. Ich und wir alle, die wir deine Nachbarn waren und noch sind, kennen dich und deine häuslichen Verhältnisse zu gut, als dass wir dir auch nur ein Wort glauben könnten. Deine Frau und deine Kinder mussten stets darben und sich durch schwere Lohnarbeit ihr karges tägliches Brot verdienen. Von den Fischen, die du gefangen hast, haben sie nur wenig gegessen; ihre Kleidung haben sie von mir. Und wie lange ist es her, dass wir, als du auf den Märkten umherzogst, aus Erbarmen das fast völlig zusammengefallene Haus deiner Familie nahezu neu errichten liessen? Wie viel hast du uns dafür gegeben? Und das nennst du Sorge für Frau und Kinder? Geh und schäme dich zehn Jahre lang dafür, dass du es wagst, vor uns so dreist zu lügen, obwohl wir dich nur zu gut kennen!«
Judas machte ein völlig verdutztes Gesicht und sagte kein Wort mehr, denn Petrus hatte ihn zu hart getroffen. Er ging hinaus, überdachte die Sache, kam nach einer Weile zurück und bat uns alle um Vergebung. Er versprach, sich von nun an völlig zu ändern und ganz ernsthaft Mein Jünger zu sein; wir sollten ihn nur nicht gewaltsam von uns weisen. Da sagte Nathanael, der gewöhnlich wenig und nur sehr selten sprach: »In dir wohnt der Geist Kains, verstehst du mich? Dieser Geist bessert sich auf dieser Erde nicht; denn der Geist Kains ist die Welt, und von ihr ist keine Besserung zu erwarten.«
Judas sagte: »Ja, ja, ja – was hast du immer mit deinem alten Geist Kains? Wo ist Kain, und wo sind wir? Das Geschlecht Kains ging unter; nur Noah blieb. In seinen Nachkommen befindet sich kein Tropfen von Kains Blut mehr, sondern in unseren Adern fliesst das reine Blut der Kinder Gottes. Wo das Blut rein ist, da ist auch der Geist rein; denn der Geist des Menschen entstammt stets seinem Blut und ist deshalb ebenso rein wie dieses.«
Nathanael sagte: »Das ist dein alter Unsinn, den ich nur zu gut kenne und der bei mir nichts gilt. Geh zu den Sadduzäern; dort kannst du mit deinem Unsinn Aufsehen erregen. Für uns ist das Blut eine verwesliche Materie, der Geist aber ist und bleibt ewig Geist. Was nützt dir dein Blut der Gotteskinder, wenn darin ein höchst unreiner Geist wohnt, wie es bei dir der Fall ist? Verstehst du mich?«
Judas sagte: »Ja, ja, vielleicht hast auch du recht. Ich werde mir alle Mühe geben, zum Grund eurer Lehren vorzudringen. Wenn eure Lehre jedoch auf dem Fundament der Menschlichkeit beruht und jedem Menschen mit aller Geduld und Sanftmut begegnet, dann braucht ihr mich wohl nicht unablässig durch allerlei Streit von euch weisen zu wollen. Denn was ist jede Lehre ohne Jünger? Ein leerer Schall in der Luft, den niemand beachtet. Jede Lehre braucht die Jünger ebenso sehr, wie die Jünger eine gute Lehre brauchen. Daher meine ich, dass jeder Jünger gegenüber einer Lehre einen ebenso bestimmten Wert besitzt wie die reinste und beste Lehre an sich. Deshalb dürfte es von eurer Seite nicht verfehlt sein, mit mir als eurem Mitjünger etwas mehr Geduld zu haben.
Dass ich noch in meinen alten Grundsätzen stecke, werdet ihr als nunmehr selbst Weise hoffentlich einsehen. Gerade deshalb will ich eure Lehre kennenlernen, um durch sie meine alte Lehre loszuwerden, an die ich selbst nicht mehr besonders glaube. Wenn ich manchmal ein wenig gegen eure neue Lehre rede, weil ich noch nicht eingeweiht bin, werdet ihr das sicherlich ganz natürlich finden.
Wenn ich einmal wie ihr in die neue Lehre eures Meisters eingeweiht bin und ihre Grundsätze ebenso wie ihr als unwiderlegbar gut und wahr erkenne, werde ich für diese Lehre gewiss ein zehnmal grösserer Eiferer sein als ihr alle zusammen. Denn ich besitze Mut und kann jedem Menschen entgegentreten, weil ich mich vor niemandem fürchte. Hätte ich irgendwelche Furcht, wäre ich schon lange nicht mehr zu euch gekommen; denn ihr habt mir zusammen mit eurem Meister bereits mehrmals nur zu deutlich zu verstehen gegeben, dass ich eure Gesellschaft meiden solle. Aber ich habe nun einmal keine Furcht, und so komme ich immer wieder. Ihr ärgert euch zwar jedes Mal gehörig darüber, aber das stört mich nicht, und ich bleibe weiterhin bei euch als Jünger dieser neuen Lehre. Was könnt ihr dagegen einwenden?«
Nathanael sagte: »Viel und nichts, wie du willst. Dass du überhaupt keine Furcht in dir hast, ist noch keine besonders lobenswerte Tugend. Denn auch der Satan muss furchtlos sein; sonst würde er Gott dem Herrn nicht eine Ewigkeit nach der anderen ungehorsam bleiben. Wir sehen dies schon bei den Tieren dieser Erde, von denen einige offensichtlich mehr Mut haben als andere. Sieh einen Löwen, einen Tiger, einen Panther, einen Wolf, eine Hyäne oder einen Bären an und stelle ihnen ein Lamm, eine Ziege, ein Reh, einen Hasen und andere furchtsame Tiere gegenüber. Sage: Zu welcher der beiden Tiergruppen wirst du dich stellen?«
Judas sagte: »Es ist doch klar, dass ich mich wie jeder andere den sanften Tieren zuwenden werde und niemals den reissenden wilden Bestien; denn der Mut des Löwen bedeutet für jeden den Tod.«
Nathanael sagte: »Und dennoch rühmst du den Mut und meinst, gerade dadurch ein tüchtiger Jünger zu werden. Ich sage dir: Der Mut im eigentlichen Sinn des Wortes ist ein grosses Laster; denn er ist die Frucht des Hochmuts, der alles verachtet, was nicht das ureigenste Selbst eines Menschen ausmacht. Daher wird in unserer Lehre der furchtlose Mut eines Menschen niemals als Tugend gepriesen, denn er ist genau das Gegenteil dessen, was unsere Lehre vom Menschen verlangt.
Wer führt Krieg? Sieh: lauter sogenannte Helden, die sogar den Tod nicht fürchten. Nehmen wir an, die ganze Erde sei voll von Helden, dann wird ewiger Krieg unaufhörlich über die weiten Gebiete der Erde ziehen. Denn jeder Held will nicht nur ein Mitheld unter Helden, sondern ein eigenständiger Held sein; er wird nicht ruhen, bis er alle anderen Helden unterworfen oder möglicherweise einen nach dem anderen aus der Welt geschafft hat.
Stelle dir dagegen nur sanfte und lammfromme Menschen vor, dann wird die Erde zu einem Paradies.
Wenn der Held einen Furchtsamen vor sich hat, wird er ihn nicht verfolgen, denn der Furchtsame macht ihm seinen Ruhm nicht streitig. Steht jedoch ein Held einem anderen Helden gegenüber, fordern beide einander sogleich zum Kampf heraus, und keiner wird ruhen, bevor der eine oder der andere seinen Gegner zu Boden gestreckt hat. Sieh, das ist der Segen der Mutigen, klar und deutlich dargestellt.
Willst du daher unser Mitjünger sein, dann lege deinen höchst überflüssigen Mut beiseite und sei stattdessen voll Liebe, Geduld und Sanftmut. So wirst du sein, wie es einem rechten Jünger des Herrn geziemt.«
Judas sagte: »Nun ja, ganz unrecht hast du nicht. Ich werde die Sache noch genauer erwägen und euch allen morgen mitteilen, was ich tun werde: ob ich bei euch bleibe oder euch verlasse.«
Mit diesen Worten ging Judas hinaus, suchte unter der grossen Volksmenge mehrere Bekannte und besprach mit ihnen fast die ganze Nacht, was er von Nathanael gehört hatte. Doch alle stimmten Nathanael zu und sagten: »Nathanael ist ein wahrer Weiser, und wir wissen sehr wohl, dass in seiner Seele keine Falschheit wohnt!« Wir im Haus begaben uns zur Ruhe.