Da tritt ein sehr angesehener Mann aus der Gegend von Kapernaum vor und sagt: »Hochgeehrter Diener Jehovas im Tempel zu Jerusalem! Der Jesus, den ihr uns nun in eurer Frage genannt habt, stammt sozusagen aus dieser Gegend und Stadt. Er hat sich stets ordentlich und zu jeder Zeit überaus gottesfürchtig verhalten. Man sah Ihn sehr oft anhaltend beten; noch nie hatte Ihn jemand lachen sehen, wohl aber häufig an verborgenen, stillen Orten weinen, die Er oft aufzusuchen pflegte.
Schon in der frühesten Zeit Seines Lebens haben sich mit Ihm seltsame Dinge zugetragen. Und nun, da Er als ein wahrer Arzt, der auf der Erde nicht seinesgleichen hat, eine Reise unternommen hat, bewirkt Er allein durch Sein Wort Heilungen, wie nur Jehova selbst sie zu bewirken imstande wäre.
Alle Taten von Mose bis zu unserer Zeit sind dagegen beinahe als nichts anzusehen. Er macht seit Jahren völlig verdorrte Krüppel augenblicklich ganz gesund. Jedes noch so heftige Fieber muss sich vor Seinem Wort beugen. Von Geburt an Stumme, Taube und Blinde reden, hören und sehen so vollkommen wie wir. Den schlimmsten Aussatz vertreibt Er augenblicklich; aus den Besessenen treibt Er durch ein einziges Wort Legionen von Teufeln aus. Er ruft die Toten, und sie stehen auf, essen, trinken und gehen umher, als hätte ihnen niemals etwas gefehlt. Ebenso gebietet Er den Elementen, und sie gehorchen Ihm, als wären sie Seine treuesten und bereitwilligsten Diener.
Seine Lehre lautet, allgemein gesprochen: Man soll Gott über alles und seinen Nächsten wie sich selbst in der Tat lieben.
Da Er solche Taten vollbringt und Seinen Jüngern die reinste Lehre verkündet, halten wir Ihn für einen ganz ausserordentlichen Propheten, den Jehova uns nun, wie einst Elia, in unserer grössten Bedrängnis gleichsam aus den Himmeln gesandt hat. Das ist alles, was ich und noch viele andere von diesem herrlichen Jesus wissen. Wir können Gott nicht genug dafür danken, dass Er wieder einmal an Sein armes, über alle Massen bedrängtes Volk gedacht hat.
Viele halten Ihn für den verheissenen grossen Gesalbten des Herrn. Ich für meinen Teil bin weder dafür noch dagegen; dennoch frage ich, ob Christus, der kommen soll, einst grössere Taten vollbringen wird.«
Der Priester sagt: »Du redest wie ein Blinder, der über Farben urteilt. Wo steht denn geschrieben, dass jemals ein Prophet aus Galiläa erweckt werde? Wir sagen dir: Dieser euer Jesus ist nichts als ein böser Zauberer, der im Feuer vernichtet werden sollte. Seine Lehre ist eine Maske, hinter der Er Sein gotteslästerliches Treiben verbirgt. Nicht mit Gott, sondern mit dem Obersten aller Teufel vollbringt Er Seine Wundertaten — und ihr Blinden haltet Ihn sogar für den grossen Verheissenen! Wahrlich, deshalb seid ihr alle zusammen mit Ihm des Feuertodes schuldig!«
Der Mann aber stellt sich entschlossen hin und sagt: »Ja, von euch aus gesehen würden wir schon lange brennen, wenn wir nicht Galiläer wären, wenn besonders ich nicht ein vollgültiger Römer wäre und wenn noch ihr statt der Römer unsere Herren wäret. Glücklicherweise ist eure Herrschaft für uns Galiläer schon lange beendet. Wir sind vollkommen römische Untertanen und haben daher mit euch nichts zu tun, ausser euch höchstens ganz aus Galiläa hinauszuweisen, falls ihr es wagen solltet, euch auch nur an dem Geringsten von uns Römern zu vergreifen.
In Bezug auf unseren grossen Propheten Jesus sage ich euch nun ausserdem noch dies: Wehe euch, wenn es euch danach gelüsten sollte, in diesem Land eure bösen Hände an Ihn zu legen!
Denn für uns ist Er ein wahrhaftiger Gott. Er vollbrachte vor unseren Augen Dinge, die nur Gott allein möglich sein können.
Ein Gott, der den armen, leidenden Menschen Gutes tut, muss ein wirklicher und wahrer Gott sein. Ein Gott aber wie der eure, der sich nur mit Gold, Silber und allerlei anderen fetten Opfern besänftigen lässt und für lange und überteuer bezahlte Gebete beinahe nichts tut und gibt, ist ebenso wie ihr, die ihr euch Seine Diener nennt, durch und durch böse und verdient wie ihr, aus dem Land hinausgeworfen zu werden.
Ihr habt gesagt, Jesus sei ein reissender Wolf im Schafspelz. Was seid denn ihr? Wahrlich, gerade ihr selbst seid in vollstem Mass das, was ihr von Jesus, diesem lammfrommen Mann, behauptet habt!
Ihr hört unsere Beschwerden mit freundlicher Miene an; in eurer Brust aber brütet ihr die unversöhnlichste Rache gegen uns Beschwerdeführer aus und würdet uns schon jetzt, wenn es euch möglich wäre, mit dem Feuer Sodoms aus den Himmeln vernichten. Aber daraus wird nichts, ihr böses Natterngezücht und Skorpionenbrut! Hier sind wir Römer die Herren, und wir werden euch den Weg von hier bis Jerusalem zu zeigen wissen, wenn ihr euch nicht von selbst sofort auf den Weg macht!«
Diese Rede hatte die drei Schriftgelehrten natürlich in äusserste, glühende Wut versetzt. Vor dem zahlreichen Volk wagten sie nun aber nicht mehr, irgendetwas zu äussern, und suchten deshalb durch ein Hintertürchen das Weite, nämlich den Weg nach Kapernaum. Dort hielten sich die meisten Pharisäer und Schriftgelehrten aus Jerusalem auf und frönten völlig ungehindert allen erdenklichen Lastern der Hurerei und jeder möglichen Art von Betrug.
Als die drei auf diese Weise die Synagoge verlassen hatten, trat ein anderer hervor und übermittelte dem Redner den allgemeinen Dank aller dort anwesenden Abgeordneten und einzelnen Beschwerdeführer. Am Ende fügte er jedoch hinzu: »Wenn wir es den Samaritanern nicht gleichtun, werden wir vor diesen Bestien keine Ruhe haben. Ihre Namen müssen uns verächtlicher werden als die von Gog und Magog, und Jerusalem muss für uns ein Ort zum Anpissen sein; sonst werden wir diese Plage, die schlimmer ist als jede Pest, niemals los.«
Alle gaben ihm recht und sagten: »Wenn unser wundertätiger Jesus irgendwo anzutreffen wäre, müsste Er sofort hierherkommen, und wir würden Ihn zu unserem allein gültigen Lehrer und Oberpriester machen.«
Der Redner sagt: »Das wäre ebenfalls meine Absicht; doch zuvor müssten wir uns beim römischen Landpfleger in Kapernaum erkundigen, ob er damit einverstanden wäre. Denn die Römer haben hier an der Seite unserer Priesterschaft keinen leichten Stand; der Tempel soll nämlich stets in einer ganz geheimen Korrespondenz mit dem König von Rom stehen.«
Mit diesem Vorschlag waren alle einverstanden und verliessen darauf einer nach dem anderen den Saal, in dem sich die Synagoge befand.