Hier machte der Oberste grosse Augen, ebenso viele andere anwesende Gäste, und sagte: «Ja, wenn es so ist, dann ist das irdische Leben eine äusserst gefährliche Sache. Wer kann da bestehen?»
Ich sagte: «Jeder, der nach Meiner Lehre lebt. Wer jedoch nach seinem eigenen, meist von Eigenliebe und Hochmut gesättigten Eigendünkel lebt und demjenigen nicht von ganzem Herzen vergeben und ihn zehnfach mehr segnen kann, der ihn auf irgendeine Weise beleidigt hatte, der wird früher oder später die unausweichlichen Folgen der Feindschaft erfahren. Gegen sie hat er von Mir keinerlei Schutz zu erwarten, solange er seine Schuld gegenüber dem Feind nicht bis zum letzten Heller bezahlt hat. Lebt deshalb mit allen Menschen in Frieden und Einigkeit. Es ist besser, Unrecht zu ertragen, als jemandem auch nur ein scheinbares Unrecht zuzufügen. Dadurch zieht ihr euch keine Rächer zu. Die Geister, die sonst eure Feinde geworden wären, werden eure Schutzgeister werden und viel Unheil von euren Häuptern abwenden.
Warum aber ist all dies so und muss so sein?» Ich sagte: «Weil es nach Meinem Willen und Meiner unwandelbaren Ordnung so sein muss.»
Der Oberste sagte: «Ja, Herr, nun erkenne ich Deine unendliche und durch nichts begrenzte Liebe und Weisheit überdeutlich. Wenn einmal möglicherweise alle Menschen von Deiner Lehre durchdrungen sein werden, wird die Erde in ein vollkommenes Himmelreich verwandelt sein. Aber wann wird das geschehen?
Wenn ich an die grosse Erde denke, bei der noch kein Forscher entdeckt hat, wo sie beginnt und wo sie endet, und an die unzähligen Menschen aller Art, die den unermesslich weiten Erdkreis bewohnen, erfasst mich in allen Lebensfasern ein Schwindel. Die ungebildetste und roheste Bosheit scheint bei den vielen Bewohnern der grossen Erde der durchgehende Hauptzug ihres Lebenscharakters zu sein.
Die überwältigende Mehrheit der Menschen ist von tierischer Selbstsucht und furienartigem Hochmut völlig durchsäuert.
Wo immer sich auf der weiten Erde ein friedliebendes Völkchen ansiedelte und durch gemeinsames Wirken zu einem gewissen Wohlstand gelangte, wurde es bald von der feinen Nase der Wolfs- und Tigermenschen aufgespürt und feindlich überfallen. Die Armen wurden besiegt und dadurch tausendmal unglücklicher gemacht, als sie es zuvor in ihrem Naturzustand gewesen waren.
Wenn sich solche friedlichen und gebildeten Völkchen jedoch durch Mut, Weisheitskraft und die Energie ihres Geistes siegreich gegen ihre Feinde behaupteten und diese natürlich mit Waffen in der Hand grösstenteils vernichten mussten, die Geister der getöteten Feinde dann aber erst zu ihren grössten und schädlichsten Feinden werden, frage ich ganz offen: Wie, wann und unter welchen Umständen wird Deine heilsamste Lehre jemals auf der Erde vollständig Wurzeln schlagen und alle Menschen der Erde in ihrem Handeln und Verhalten bestimmen?
Wenn sich nur einzelne Völker glücklich in den milden Strahlen Deiner unübertrefflichen Lehre sonnen, werden sie von Tag zu Tag von immer mehr Feinden belagert. Ergeben sie sich den Feinden völlig gutwillig, werden sie zu Sklaven ihrer Eroberer und müssen jeden noch so unmenschlichen Druck hinnehmen, schliesslich sogar das Verbot, Deine Lehre zu befolgen und auszuüben.
Werden sie aber durch irgendein Machtmittel Herr über ihre Feinde, dann werden die Geister und Seelen der im Kampf getöteten Feinde erst recht in vollem Mass zu ihren unbesiegbarsten Feinden. Mit dem Himmelreich auf Erden wird es dann nach meinem freilich unmassgeblichen Dafürhalten seine bestimmten Wege haben.
Ob man jedem Feind gerade für sein Böses Gutes erweisen soll, und sei es auch um der besten Sache willen, lasse ich deshalb noch sehr dahingestellt. Dass man dadurch aus manchem blinden Feind einen sehenden Freund machen kann, bezweifle ich nicht. Ob eine solche Regel aber auch gegenüber grossen Massen von Feinden der guten Sache segensreich angewandt werden kann, möchte ich, Herr, aus den vorher genannten Gründen ein wenig bezweifeln; vergib meinem schwachen Verstand.
Dabei fällt mir immer die unselige Scylla und Charybdis ein: Weicht man der ersten glücklich aus, wird man umso sicherer von der zweiten verschlungen. Herr, gib mir darüber nur noch ein wenig Licht, und ich will alle meine Feinde brüderlich umarmen und sämtliche Gefangenen aus den Kerkern freilassen, sogar alle Diebe, Räuber und Mörder, wie böse sie auch sein mögen.»