Nun assen und tranken alle. Selbst Jairuth begann, ganz in Gedanken versunken, zu essen und dabei kräftig zu trinken. Als der glühendste Liebeswein aus den Himmeln ihn selbst ganz in Liebe verwandelt hatte, sagte er zu Mir: «Herr, mir ist gerade ein herrlicher Gedanke gekommen. Wenn es möglich ist, möchte ich Reben besitzen, aus deren Trauben ich einen solchen Wein keltern könnte. Hätte ich diesen Wein in meinen Kellern, würde ich die ganze Welt mit nichts anderem als Liebe über Liebe erfüllen. Ich habe seine Wirkung an mir selbst erfahren. Gewiss bin ich auch sonst ein Mensch mit einer gewissen Vorliebe für alles Gute, Rechte und Schöne. Doch ich könnte wahrlich nicht behaupten, jemals eine besondere Liebe zu den Menschen in mir empfunden zu haben.
Alles, was ich bisher tat, geschah aus einem gewissen Zwang des Rechts, den ich mir aufgrund meiner Gesetzeskenntnis selbst auferlegte. Es war mir ziemlich gleichgültig, ob ein Gesetz gut oder schlecht war; auf solche Überlegungen liess ich mich nie ein. Mein Leitspruch lautete: Gesetz bleibt Gesetz, ob es von Gott oder vom Kaiser stammt. Wenn seine Übertretung Strafe nach sich zieht, muss man es aus Eigenliebe befolgen, damit man sich durch seine Missachtung keine bösen Folgen zuzieht. Hat ein Gesetz dagegen keine Strafbestimmung, ist es auch kein Gesetz, sondern nur ein guter Rat, dem man folgen kann, ohne rechtlich dazu verpflichtet zu sein.
Auch aus der Nichtbefolgung eines guten Rates kann ein Schaden entstehen, der fast ebenso traurig aussieht wie eine gesetzliche Strafe. Dennoch ist die Missachtung eines guten Rates keine Sünde, an der mehrere beteiligt sein könnten; sie betrifft hauptsächlich nur denjenigen, der dem Rat nicht folgte. Ist ein Rat jedoch schlecht, begehe ich offensichtlich eine schwere Sünde, wenn ich ihn befolge.
Bei einem Gesetz verhält es sich anders. Ob es gut oder völlig schlecht ist, muss ich es befolgen, weil es ein Gesetz ist. Befolge ich es nicht, weil ich es als schlecht erkenne, sündige ich entweder gegen Gott oder gegen den Landesherrn und werde deshalb von beiden bestraft. Daraus geht klar hervor, dass ich das gesetzlich Gute niemals aus Liebe beachtete, sondern nur aufgrund des gesetzlichen Zwangs, der mir innerlich stets widerwärtig war. Seit ich jedoch diesen herrlichen Rebensaft aus den Himmeln getrunken habe, sehe ich überall Liebe, und ich möchte die ganze Erde umarmen und küssen.
Ausserdem sehe ich dieselbe Wirkung bei allen, die von diesem wahrhaft himmlischen Wein getrunken haben. Deshalb möchte ich einen grossen Garten voller solcher Reben anlegen und dann allen Menschen von diesem Wein zu trinken geben. Sie würden dadurch sicher in kürzester Zeit ganz in Liebe verwandelt werden, so wie ich jetzt. Wenn es möglich wäre, mir solche Reben zu beschaffen, wäre ich der glücklichste Mensch auf Gottes lieber und schöner Erde.»
Ich sagte: «Reben, die dir einen ähnlichen Saft liefern, kann Ich dir wohl verschaffen. Doch die von dir erwartete Wirkung auf die Menschen wirst du damit nicht erzielen. Dieser Wein belebt die Liebe, wenn sie bereits im Menschen vorhanden ist. Hat ein Mensch jedoch keine Liebe, sondern nur Böses im Herzen, wird dieses Böse in ihm ebenso belebt, wie nun die Liebe in dir. Dann wird er erst zu einem vollkommenen Teufel und setzt mit grosser Begeisterung das Böse ebenso in die Tat um, wie du jetzt alles Gute verwirklichen möchtest.
Deshalb muss man bei diesem Saft genau bedenken, wem man ihn zu trinken gibt. Ich will dir dennoch einen Weinberg voller solcher Reben zukommen lassen. Achte aber gut darauf, wem du diesen Saft gibst. Die belebte Liebe kann viel Gutes bewirken; besser ist es jedoch, wenn Gottes Wort sie belebt, denn dann bleibt sie bestehen. Beim Genuss dieses Saftes hält sie nur eine Zeit lang an und verflüchtigt sich danach wieder wie der Saft selbst. Beachte das gut, sonst wirst du Böses statt Gutes bewirken.»
Darauf sagte der Kaufmann Jairuth: «Herr, dann wäre es wohl nicht gut, einen solchen Wein anzubauen. Man kann nicht wissen, ob ein Mensch, dem man diesen Saft zu trinken gibt, Liebe oder Böses im Herzen trägt. Wenn man mit der besten Absicht nur seine Liebe beleben wollte, stattdessen aber sein Böses belebte, geriete man dadurch in eine schwierige Lage und obendrein in Gefahr. Nein, dann würde ich den Anbau eines solchen Weines lieber unterlassen.»
Ich sagte: «Mir ist es gleich; Ich tue für dich, was du willst. Doch Ich sage dir: Mehr oder weniger besitzt jede Weinsorte, die auf der Erde erzeugt wird, dieselbe Eigenschaft. Lass verschiedene Menschen von deinen eigenen Weinen ungefähr so viel trinken, wie du nun von Meinen rein himmlischen Weinen getrunken hast. Dann wirst du sehen, dass einige ganz in die Liebe übergehen, während andere zu wüten und zu toben beginnen werden, sodass du sie mit Stricken binden lassen musst. Wenn schon irdische Weine solche Wirkungen hervorbringen, wie viel mehr dann himmlische.»