Joh. 1,17. Denn das Gesetz ist durch Moses gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Christum geworden. —
So ist das Gesetz, das dem ersten Leben gegeben werden musste, am Anfang schon dem ersten Menschen, und im Verfolge der Dinge durch Moses, der hier in diesem Verse auch als ein Repräsentant des Gesetzes angeführt wird; aus dem Gesetze konnte wohl Niemand je die wahre Lebensfreiheit erlangen, da das Gesetz eine Hemmung, nicht aber eine Förderung des Lebens ist.
Durch ein positives Muss aus der Urmacht unwandelbarem Wollen wurden die ersten Schöpfungsideen in ein isoliertes, scheinbar selbstständiges Sein hinausgestellt; was demnach die Trennung und das Formen – das durch Raum und Zeit beschränkte Sein betrifft, so war dieses durch ein unwandelbares Muss bewerkstelligt.
Nun war das Wesen, der Mensch da – in sich gewissermassen die Gottheit selbst, oder was Eines und Dasselbe ist, das Ursein Gottes selbst, nur getrennt von seinem Urgrunde, sich aber dennoch Dessen bewusst; daneben aber dennoch gebunden in begrenzter Form, und gehalten durch ein unwandelbares Muss. Dieser Zustand wollte dem also gestellten Wesen nicht gefallen; und sein Hoheitsgefühl kam in einen gewaltigen Kampf mit seiner notwendigen Beschränkung und Hinausstellung.
Da in der urersten Wesenreihe der Kampf immer heftiger wurde, so musste das grosse Grundgesetz verschärft werden, und die Wesen in ein zeitweiliges festes Gericht fassen; darin bestand die Darstellung der materiellen festen Weltkörper, und die dadurch bewirkte grössere Teilung der Urwesen.
In der zweiten Reihe der Wesen erscheint dann der Mensch in Fleisch gehüllt, stehend auf dem Boden seines ersten Gerichtes. Trotz der nun dreifachen Trennung von seinem Urgrunde erkannte er in sich doch bald denselben wieder und wurde trotzig, hochmütig und ungehorsam einem leichten und nicht mehr mit Muss, sondern nur mit Sollst gegebenen Gesetze.
Weil er aber dies leichte Sollst sich nicht wollte gefallen lassen, so wurde ihm dafür ein schwereres und gewaltig sanktioniertes gegeben und die Sanction bei Nichtachtung dieses zweiten Sollst pünktlich ausgeführt; (siehe die Sündflut und Weiteres der Art!)
Nach dieser Zucht begab sich das Gottwesen in Melchisedek zur Erde, und führte die Menschen; aber die fingen bald wieder an zu kämpfen, und mussten durch neue Gesetze gebunden und zur Ordnung geführt werden, so – dass ihnen nur eine maschinenartige Bewegung, nahe gegen alle ihre Neigungen stehend, übrig blieb.
Durch das Gesetz war demnach eine weite Kluft gestellt, über die kein Geist und kein Wesen mehr einen Sprung machen konnte, wodurch denn auch die Aussicht und das innere Bewusstsein von einer ewigen Fortdauer des inneren auf diese Weise sehr eingeschränkten Lebens in eine sehr zweifelhafte Frage gestellt wurde.
Angesichts einer solchen Einschränkung erscheint das göttliche Ursein dann in Seiner eigenen Urfülle, und zwar in der Person Christi.
Hier kommt also die Urgnade wieder, nimmt auf Sich alle Schwächen des Lebens der Menschen, und gibt ihnen dafür eine neue Gnade, ein neues Leben voll des wahren Lichtes, und zeigt ihnen in diesem und durch Sich Selbst den rechten Weg und den rechten Zweck ihres Seins.
Joh. 1,18. Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborne Sohn, der in des Vaters Schoss ist, hat es uns verkündiget. —
Erst jetzt erhielten diejenigen, die Ihn erkannten, eine wahre Kenntnis von Gott. Sie konnten Gott, den zuvor kein Wesen in Seiner Fülle schauen konnte, zum ersten Mal neben ihnen und ausserhalb von ihnen betrachten und durch Ihn auch sich selbst und ihre eigene, vollkommen freie Lebensbestimmung.
Und nun ist auch die unübersteigbare Kluft, die durch das Gesetz gestellt wurde, wieder aufgehoben worden, und jeder Mensch konnte und kann nun immer aus dem Joche des Gesetzes treten, so er seinen alten Menschen gegen den neuen aus Christo umtauschet; darum es denn auch heisst, dass man den alten Menschen ausziehen und den neuen anlegen solle, oder wer das alte Leben lieb hat, der wird es verlieren, wer es aber fliehet, der wird es als nämlich ein neues erhalten. Das ist denn die Verkündigung aus dem Schosse des Vaters und das lebendige Evangelium Gottes.
Der Ausdruck «Der im Schoss des Vaters ist» bedeutet: Die Urweisheit Gottes oder das eigentliche innerste Gottwesen ist in der Liebe zu Hause, wie das Licht in der Wärme. Das Licht entsteht und entspringt ursprünglich aus der mächtigen Wärme der Liebe und erzeugt durch sein Dasein wiederum Wärme, die ihrerseits immer wieder Licht hervorbringt. Ebenso entsteht aus der Liebe, die dem Vater gleich und im tiefsten Grund der Vater selbst ist, das Licht der göttlichen Weisheit. Dieses Licht gleicht dem Sohn oder ist der eigentliche Sohn selbst. Er ist jedoch nicht ein zweites Wesen, sondern völlig eins mit Dem, der Vater heisst – so wie Licht und Wärme oder Wärme und Licht eins sind, weil die Wärme fortwährend das Licht und das Licht fortwährend die Wärme erzeugt.