Simon von Kana sagt: »Herr, ich habe noch eine Frage, die zumindest mir äusserst wichtig erscheint. Ich möchte, dass Du sie uns noch beantwortest, bevor wir hinausgehen, damit wir daraus Belehrung und Ruhe für unser Gemüt gewinnen. Ich bitte Dich, mich anzuhören.«
Ich sage: »In deinem Herzen lese Ich deine Frage zwar genauer, als du sie formulieren können wirst. Das soll dich jedoch nicht daran hindern, sie um der Brüder willen laut auszusprechen. Die Frage ist wahrlich von grosser Bedeutung und eines echten, unverdorbenen Juden würdig. Lege daher ganz offen dar, was dein Herz bedrückt.«
Simon von Kana sagt: »Nun gut, wenn es auch Dein Wille ist, dass ich rede, dann hört mich alle aufmerksam an. Dies ist meine Frage:
Wir werden nun zu denen gehen, die uns brauchen, und predigen, was Du auf dem Berg gelehrt hast. Diese Deine Berglehre ist rein göttlich und daher über alle Massen wahr und himmlisch gut. Doch sie steht der alten mosaischen Lehre zum grössten Teil geradewegs entgegen.
Ich kenne beinahe alle Orte am weit ausgedehnten Galiläischen Meer und vielfach auch ihre Einwohner. Unter ihnen gibt es viele, die wegen Pythagoras Mose und alle Propheten schon lange über Bord geworfen haben; diese wären für Deine neue Lehre nicht so gefährlich. Es gibt dort aber auch viele Familien, die sozusagen für Mose und eigentlich noch mehr für den Tempel leben und sterben. Im Allgemeinen gilt dies gewöhnlich für die Eltern mehr als für die Kinder. Daher werden die Kinder solcher strenggläubigen Juden Deine in vielen Punkten gegen den Tempel gerichtete Lehre wohl annehmen, ihre Eltern aber höchstwahrscheinlich nicht. Was wird daraus entstehen?
Die Eltern werden die Kinder nach Mose des Ungehorsams beschuldigen und sie verfluchen — eine Erscheinung, die bei solchen fanatischen, strenggläubigen Juden keineswegs selten ist.
Wenn sich dies zweifellos vor unseren Augen ereignen wird, was sollen wir dann tun? Es ist ohne jeden Zweifel vorauszusetzen, dass solche Eltern uns verfolgen und grenzenlos verfluchen werden.
Im umgekehrten Fall dürfte es freilich leichter sein, weil Kinder aufgrund der staatlichen Gesetze niemals Herren über ihre Eltern sein können. Auf diese Weise werden wir nun neben dem Segen vielfach auch Zwietracht, Streit, Zorn, Hass und Rachsucht aussäen. Wer wird den tausendfachen Fluch von unseren Lenden nehmen?«
Ich sage: »Darum kümmert euch wenig. Seht, vom Himmel kommt nicht nur der milde, die ganze Natur neu belebende Strahl der Frühlingssonne herab, sondern auch Sturm, Hagel, Blitz und Donner.
Den Sonnenstrahl lobt wohl jeder; Hagel, Sturm, Blitz und Donner dagegen will niemand loben. Der Winter kommt jedem stets zu früh, und doch ist er für jeden heilsamer als der Frühling. Sturm, Hagel, Blitz und Donner sind ebenso notwendig wie der milde Strahl der Abendröte.
Ich sage euch: So wird es kommen, und so muss es kommen, dass um Meines Namens willen ein Bruder den anderen dem Tod überantworten wird und ebenso der Vater den Sohn. Die Kinder werden sich gegen ihre Eltern erheben und zu deren Tod beitragen. Ihr selbst aber müsst um Meines Namens willen von jedem Angehörigen der eigentlichen Welt, wie sie jetzt beschaffen ist, gehasst werden.
Wer von euch jedoch keinen Anstoss daran nimmt, sondern bis ans Ende ausharrt, wird selig werden; denn Satan gibt seine Beute nicht leicht aus seiner Tatze frei. Habt ihr Mich verstanden?«
Judas sagt: »Es wird immer besser! Wenn uns diese Aussendung den Hass aller Menschen zuziehen muss, dann sei eine solche Unternehmung Gott anbefohlen. Viel Glück bei einem kriegerischen Wetter! Diejenigen, die uns hassen werden, werden sich unserer gewiss so annehmen und uns ebenso festhalten wie der heisse Sommer den Schnee. Herr, wenn dies Dein voller Ernst ist, dann sage ich Dir als ein ganz einfacher, aber doch mit einigen Erfahrungen ausgestatteter Mensch: Bleibe mit uns ganz ruhig zu Hause; denn dieser Same wird nicht aufgehen und keine Frucht bringen. Höre! Wenn wir es also in einer Stadt mit unserer Predigt und unseren Taten so weit gebracht haben, dass wir dort von allen Menschen wie der Tod gehasst werden, was sollen wir dann tun? Sollen wir uns auch noch ganz ruhig töten lassen? Und wenn auch das geschehen soll — wer wird dann Deine Lehre weiter verbreiten? Bedenke doch, was Du verlangst! Siehst Du um des hellsten Himmels willen nicht ein, dass Du Dich dadurch völlig unmöglich machst und Dein eigener grösster Feind und Verfolger bist? Wo gibt es in der ganzen Welt jemanden, der mich mehr als den Tod hasste und dabei dennoch auf meine Predigt hörte, die sein Haus mit aller Zwietracht, allem Hass, Zorn und tödlicher Rache erfüllt? Sage, was ist in einem solchen unvermeidlichen Fall zu tun?«
Ich sage: »Du redest stets so, wie du es verstehst; Wir aber reden so, wie Wir es verstehen. Du verstehst alles auf grob weltliche Weise, während hier aus den Himmeln geistig gesprochen wird.
Wenn du und jemand anders aber schon eine so grosse Furcht vor den Menschen habt, dann flieht aus einer Stadt, in der man euch verfolgen wird, in eine andere. Wahrlich, Ich sage euch: Ihr werdet noch lange nicht in allen Städten Israels gepredigt haben, wenn Ich als der Menschensohn wieder zu euch kommen werde — als Einer, der in jedem das Gericht, ein verderbendes Feuer in seinem Herzen, entzünden und den bösen Wurm in der Brust des Frevlers erregen wird. Das Feuer wird niemals erlöschen und der Wurm nicht sterben; ihr aber werdet darin gerechtfertigt werden. Denn wehe einst allen, die euch verfolgt und ihre Hände an euch gelegt haben!«
Judas sagt erneut: »Ja, wenn wir schon erschlagen worden sind, wirst Du wohl hinterherkommen! Wenn Du uns nun bereits die Macht über die bösen Geister und die Kraft gegeben hast, alle Krankheiten zu heilen, warum gibst Du uns nicht zugleich auch Macht über die bösen Menschen? Nicht selten ist einer von ihnen schlimmer als alle bösen Geister, die jemals als Schmarotzer in den Leibern der Menschen Wohnung genommen haben. Gib uns die Macht, unter den Füssen unserer Verfolger Feuer aus der Erde hervorzurufen, und wir werden Dir in kurzer Zeit die ganze Welt bekehren!«
Ich sage: »Willst du denn mehr sein als dein Meister und Herr? Ich sage es euch allen: Der Jünger steht nicht über seinem Meister und der Knecht nicht über seinem Herrn. Es genügt dem Jünger, wenn er wie sein Meister ist, und ebenso dem Knecht, wenn er wie sein Herr ist.
Wenn euer Meister und Herr keine ausserordentlichen Gewaltmittel anwendet, um die Menschen in Seine Lehre hineinzuzwingen, warum sollten Seine Jünger und Knechte dies wollen? Wenn die Weltmenschen Mich, den Herrn und Hausvater von Ewigkeit, Beelzebub genannt haben, um wie viel mehr werden sie euch, Meine Hausgenossen, so nennen!
Darum sollt ihr euch vor ihnen nicht fürchten, da ihr sie kennt. Meint ihr, Mir werde verborgen bleiben, was man euch antun wird? Ich sage euch: Nichts ist so verborgen, dass es vor Mir nicht offenbar werden könnte, und nichts ist so geheim, dass Ich nicht davon wüsste.
Da Mir nicht verborgen bleiben kann, was man euch zumuten und antun wird, könnt ihr jederzeit mit Meiner Hilfe rechnen. Die Löwin verlässt ihre Jungen nicht und setzt in der Gefahr ihr Leben für jedes Junge ein, das man ihr entreissen wollte. So werde doch wohl auch Ich es verstehen, euch zur Zeit der Gefahr mit Meinem Leben zu schützen.
Habt also keine Scheu vor den Weltmenschen. Was Ich euch in der Nacht gelehrt habe, das sagt ihnen am Tag; und was Ich dem einen oder anderen von euch heimlich in das Ohr eures Herzens gesagt habe, das verkündet nun von den Dächern. Fürchtet euch daher nicht vor all denen, die zwar den Leib des Menschen wie ein Raubtier töten können, aber die Seele, die allein lebt und Leben besitzt, nicht töten und ihr keinerlei Schaden zufügen können.
Wenn ihr aber schon Furcht habt, dann fürchtet vielmehr Den, Der auch Herr über eure Seelen ist und sie dem Gericht der Hölle übergeben kann, wann Er will. Diesen kennt ihr bereits, denn Er ist es, Der euch dies nun sagt.
Seht dort vor uns eine Scheune, die noch ein Dach hat. Seht, wie sich die Sperlinge darauf vergnügen: Bald fliegen sie hinauf, bald fallen sie förmlich wieder vom Dach herab. Auf dem Markt kauft man zwei für einen Pfennig; wie gering ist doch ihr Wert. Und dennoch fällt keiner vom Dach zur Erde ohne den Willen des Vaters im Himmel.
Ich sage euch aber: Eure Haare sind gezählt, und keines fällt ohne Wissen und Willen des Vaters von eurem Haupt. Wenn der Vater für Dinge sorgt, die euch so überaus geringfügig erscheinen, wird Er dann euch unversorgt lassen, die ihr Sein Wort und Seine Gnade hinaustragt?
Darum ist eure Furcht nichtig, und ihr sollt euch niemals fürchten; denn ihr seid doch mehr wert als sehr viele Sperlinge.
Darum geht ohne weitere Furcht hinaus und bekennt Mich vor den Menschen. Wahrlich: Wer Mich vor den Menschen bekennen wird, den werde auch Ich vor dem Vater im Himmel bekennen; wer Mich aber aus eitler Furcht vor den Menschen verleugnen wird, den werde auch Ich einst vor dem Vater im Himmel verleugnen.«
Judas ergreift wieder das Wort und sagt: »Das ist alles sehr weise und schön gesagt und gewiss in dieser Weise wahr. Aber was nützt das alles? Die Lehre ist zwar wunderbar herrlich, rein und wahr — darüber brauchen wir kein Wort mehr zu verlieren. Auch Deine Taten bezeugen zumindest für uns, die wir hier versammelt sind, mehr als zur Genüge, Wer im tiefsten Grund Derjenige ist, Der sie vollbringt. Unter den gegebenen Verhaltensregeln werden die Lehre mitsamt den Taten jedoch kaum jemals allgemeine Aufnahme und Annahme finden. Da sie in jedem Haus, in das sie gebracht werden, eigentlich Unfrieden hervorrufen, werden sie entweder aufs Strengste verfolgt oder vom Staat verboten, und wir werden zur Unmöglichkeit. Was dann? Wenn wir als die irdischen Überbringer Deiner Lehre und Taten sicher schon sehr bald entweder unter Steinen oder unter dem Schwert, im Feuer, vielleicht sogar am Kreuz oder in einer Löwengrube den Tod gefunden haben, wer wird dann an unsere Stelle treten und unseren Dienst verrichten?«