Matthäus der Evangelist und Johannes treten zu Mir, schauen Mich an und sagen zu Mir: »Herr, diese Tat sollte doch wohl aufgezeichnet werden; denn sie ist zu ausserordentlich und zu rein göttlich!«
Ich sage: »Habe Ich in Sichar nicht das Gleiche vollbracht? Habe Ich nicht erst vor wenigen Tagen Mein Haus ebenso versorgt wie das Haus Meines Jüngers Matthäus? Ihr wolltet dies alles ebenfalls aufzeichnen, und Ich liess es nicht zu, weil Ich dafür einen sehr triftigen Grund habe. Warum sollte nun auf einmal diese Tat aufgezeichnet werden, die den früheren ganz gleicht? Lasst es nur gut sein. Was die Welt benötigt, weiss Ich allein am besten; deshalb werde Ich euch schon sagen, was und wann ihr wieder von einer neuen Tat aufzeichnen sollt. Und was dich betrifft, Mein Bruder Johannes, so wird es noch lange nicht an dir sein.«
Nun aber will Ich aus euch, Meinen lieben Jüngern, einige auswählen, die Ich zum Teil schon jetzt in die Städte Israels senden werde, um den Völkern vom Reich Gottes zu predigen. Simon Petrus, du bist der Erste; Andreas, der Bruder Simons, bist der Zweite; Jakobus, der Sohn des Zebedäus, bist der Dritte, und Johannes, sein Bruder, der Vierte; Philippus, du bist der Fünfte; Bartholomäus der Sechste; Thomas der Siebte; und Matthäus, der Zöllner, bist der Achte; Jakobus, der Sohn des Alphäus, bist der Neunte; Lebbäus, der auch Thaddäus heisst, der Zehnte; Simon von Kana bist der Elfte und Judas Ischariot der Zwölfte.
Euch Zwölf gebe Ich die Macht, die unreinen Geister aus den Menschen auszutreiben und allerlei Seuchen und andere Krankheiten zu heilen. Überall sollt ihr das Reich Gottes verkünden; über gewisse besondere Taten aber sollt ihr schweigen.«
Nach dieser Auswahl fragten Mich die zwölf erwählten Jünger, wohin sie sich denn sofort wenden sollten.
(Nach dieser Frage gab Ich ihnen die folgende ausführliche Antwort. Sie gefiel den zwölf Erwählten zwar nicht besonders, und erst nach Meiner Auffahrt machten sie von dieser Aufforderung vollen Gebrauch.
Die Aufforderung wurde auch so gegeben, dass sie sich hauptsächlich auf die Zeit nach Meiner Auffahrt bezog. Denn erst dann geschah den Zwölf oder vielmehr allen, die in jener Zeit Meine Lehre verbreiteten, das, was Ich den Zwölf hier ankündigte.
Bevor Ich aber zu dem ausführlichen Gebot an die Zwölf übergehe, muss Ich zum genaueren Verständnis des Ganzen erwähnen, dass die Evangelien — sowohl das des Matthäus als auch das des Johannes —, wie sie heute in den verschiedenen Sprachen vor euch liegen, nur Auszüge aus dem Urevangelium sind. Deshalb enthalten sie bei Weitem nicht einmal alles, was Matthäus und Johannes niedergeschrieben haben. Hier und da kommt dennoch ein kleiner Zusatz eines späteren Sammlers und Abschreibers hinzu, der offensichtlich erst später eingeführt werden konnte. So steht zum Beispiel hier in Matthäus 10,4 beim zwölften Apostel Judas Ischariot der Nachsatz: »der Ihn danach verriet«. Zur Zeit der Erwählung wusste Matthäus, der sein Evangelium in Meiner Gegenwart schrieb, noch keine Silbe davon und konnte einen solchen Nachsatz daher nicht hinzugefügt haben. Dies hat später ein Abschreiber getan.
Deshalb steht sowohl in den hebräischen als auch in den griechischen Bibeln stets die Bemerkung voran: »Evangelium nach Matthäus, Johannes und so weiter.«
Deshalb soll sich niemand daran stossen, wenn er beim Lesen von Matthäus und Johannes hier und da auf ähnliche Stellen trifft, die der eigentliche Evangelist zu der Zeit, als er das Evangelium schrieb, nicht aufzeichnen konnte, weil das darin bezeichnete Ereignis erst viel später geschah. Hier aber wird alles in strengster Ordnung wiedergegeben. Damit die verstandesmässigen Grübler mit der Zeit keine falschen Bemerkungen darüber machen, habe Ich diesen Umstand hier an der geeignetsten Stelle erwähnt.
Wie früher werden im Verlauf dieser Mitteilung hier und da erläuternde Einschübe erfolgen. Das ist umso notwendiger, weil in den Abschriften manches Wichtige entweder nicht völlig richtig aufgezeichnet und manches, was dem Abschreiber zu wenig authentisch erschien, wohl auch ganz weggelassen wurde. Denn in jener Zeit entstanden zahlreiche Aufzeichnungen, teils von Augenzeugen, teils bloss vom Hörensagen. Deshalb war es für die ganz redlichen Abschreiber eine ausgesprochen schwierige Aufgabe, der vollen Wahrheit überall vollkommen treu zu bleiben.
So sind die beiden Evangelien nach Matthäus und Johannes bis auf einzelne Kleinigkeiten am reinsten geblieben.
Von verstandeskritischer Seite könnte man hier wohl fragen: »Wohin ist denn das eigentliche Original gekommen? Ist es nirgends mehr auf der Erde vorhanden? Und sollte es Gott angesichts der damaligen Menge von Menschen, die vom Heiligen Geist belebt und durchdrungen waren, unmöglich gewesen sein, das Urevangelium wieder völlig wortgetreu ans Tageslicht zu bringen?«
Darauf sei geantwortet: Die Originale wurden aus dem höchst einfachen Grund auf die weiseste Weise beseitigt, damit mit solchen Reliquien nicht schon nach kurzer Zeit Abgötterei getrieben würde. Das geschieht zwar auch heute noch sogar mit falschen und erfundenen Reliquien, obwohl all dies durch Meine wahre und reine Lehre streng verboten ist, verbunden mit der ernsten Warnung vor dem Sauerteig der Pharisäer. Nehmt nun aber erst eine historisch nachweislich echte Reliquie! Ich sage euch: Mit ihr würde bei Weitem mehr Abgötterei getrieben werden als mit dem sogenannten Heiligen Grab in Jerusalem, an dem ausser dem Ort selbst auch kein echtes Sandkörnchen mehr haftet. Darin liegt also der offenkundige Grund, warum alle Originale aus dem Weg geräumt wurden.
Was die zweite Frage betrifft, so ist der Geist, der in den Originalen lag, auch in den Abschriften vollständig erhalten geblieben. Auf den Buchstaben kommt es ohnehin nicht an, sondern nur auf ein und denselben Geist. Oder besteht etwa ein Unterschied im Geist Gottes — das heisst notwendigerweise in Ihm Selbst, da es nur einen Geist Gottes gibt —, wenn Er als ein und derselbe Geist schon hier auf dieser Erde unendlich vielfältig in den untereinander unähnlichsten Formen wirkt und auf einer Sonne noch unendlich vielfältiger? Seht, Er ist und bleibt dennoch stets ein und derselbe Heilige Geist.
Dasselbe gilt auch für die Abschriften Meines Wortes. Mögen sie äusserlich noch so verschieden aussehen, in ihrem Innersten sind sie dennoch von ein und demselben Geist erfüllt, und mehr ist nicht nötig.
Nehmt darüber hinaus noch die Religionen fremder Völker hinzu, zum Beispiel der Türken, Parsen, Geber, Hindus, Chinesen und Japaner. Wie sehr unterscheiden sie sich von der Religion, die Ich allein den Kindern aus den Himmeln aller Himmel gab! Und doch wirkt auch in ihnen derselbe Geist Gottes, wenn auch viel tiefer verborgen.
Dass sich aber auf und in der oft sehr dicken und stark verwitterten Rinde, die leider von vielen für den Baum selbst gehalten wird, allerlei Unrat, Würmer und Insekten finden, die lediglich aus der Rinde hervorgehen, erklärt sich daraus, dass diese Rinde etwas vom Leben des Baumes in sich trägt. So ist verständlich, wie in ihr und aus ihr so viele Würmer und allerlei Insekten eine freilich nur ganz äusserliche und vergängliche Lebensnahrung finden.
Kriege, Verfolgungen und Verwüstungen finden nur auf der mageren und lebensarmen Rinde statt, während das Holz des lebendigen Baumes frisch und gesund bleibt. Deshalb soll sich kein lebendiges Holz um das kümmern, was in der letztlich doch nur toten Rinde vor sich geht; denn die Rinde wird weggeworfen, sobald das Holz gesammelt wird.
Diese Zwischenerklärung war notwendig, damit das Folgende leichter und gründlicher verstanden werden könnte. Da darüber vorerst kein Zweifel bestehen kann, können wir nun wieder ganz zuversichtlich zur Hauptsache zurückkehren.)