Als wir so weit entfernt waren, dass das Volk uns nicht mehr sehen konnte, liess Ich wieder ans Land fahren; denn es war bereits nahe an der Mittagszeit, und wir hatten beim Schiff nichts zu essen. Nachdem wir gut zwei Wegstunden vom früheren Haus entfernt an Land gegangen waren, mussten wir ein beträchtliches Stück zu einem kleinen Dorf zurückgehen, in dem wir zu Mittag essen wollten.
Vor dem Dorf stand jedoch ein Hauptzollhaus. Und siehe: An der Schranke beim Zolltisch sass gerade jener junge Mann — erst fünfunddreissig Jahre alt, was bei den Juden noch als jung galt —, der im früheren Haus als einer der acht Brüder, die den Gelähmten hingebracht hatten, so weise gesprochen hatte.
Als die Pharisäer und Schriftgelehrten ihn erblickten, sagten sie: »Nun sieht es schlecht für uns aus! Jetzt ist dieser Mann ein römischer Zöllner; er wird uns einen ganz schrecklichen Zoll abnehmen. Was sollen wir tun?«
Ich sagte: »Lasst eure Sorge, denn sie nützt hier nichts. Ich werde hier das Beste veranlassen.«
Mit diesen Worten trat Ich zum Zöllner und sagte zu ihm: »Matthäus — so hiess er —, übergib diesen Tisch jemand anderem und folge Mir!« Sofort stand er auf, übergab den Tisch und folgte Mir ohne jeden Einwand. Als die Jünger, Pharisäer und Schriftgelehrten, die vor der Schranke standen, fragten, was sie bezahlen müssten —
da sagte Matthäus: »Diesmal hat der Herr die Abgabe für euch alle entrichtet. Er hat meinen Onkel gesund gemacht; wie sollte ich nun von Ihm, dem göttlichen Meister, einen Zoll verlangen?«
Darauf wurde die Schranke geöffnet, und sie gingen alle unentgeltlich hindurch.
Als wir ins Dorf kamen, führte Matthäus uns in sein Haus. Dort hielten alle Zöllner, die bei diesem Hauptzollamt angestellt waren, sowie viele Aufseher und andere »Sünder« nach dem Massstab und Urteil der Juden, Pharisäer und Schriftgelehrten ihre Mittagsmahlzeit. Das Haus des Matthäus war gross und zugleich ein Gasthaus, in dem die Juden nur gegen Bezahlung Speise und Trank erhielten; die Zöllner, Aufseher und »Sünder« dagegen wurden unentgeltlich bewirtet, denn sie alle waren Bedienstete dieses Hauses, das den Zoll von den Römern gepachtet hatte.
Alle Zöllner luden Mich sofort zu Tisch ein, und Meine Jünger waren darüber in bester Stimmung. Anders erging es den Pharisäern und Schriftgelehrten, die bei ihnen waren; sie ärgerten sich sehr darüber, dass sie nicht ebenfalls zu Tisch eingeladen wurden.
Während Ich bereits mit vielen Zöllnern und Sündern am Tisch sass, kamen noch zahlreiche Zöllner und Sünder aus anderen Orten ins Haus. Das Haus des Matthäus war weithin als sehr wohlhabend und gastfreundlich bekannt, und besonders an den Sabbaten fanden dort grosse Zusammenkünfte statt. Sie alle begrüssten Mich äusserst freundlich und sagten, diesem Haus könne keine grössere Ehre widerfahren, als Mich als Gast in ihrer Mitte zu haben. Dann vergrösserten sie den Tisch und nahmen alle an Meinem Tisch Platz.
Die Pharisäer und Schriftgelehrten drängten sich an das offene grosse Tor des Hauses, um zu beobachten, was Ich tat und sprach. Als sie sahen, dass Ich mit den Zöllnern und Sündern äusserst freundlich umging, gerieten sie insgeheim in grossen Ärger und fragten Meine Jünger, die draussen bei ihnen waren: »Warum isst euer Meister mit Zöllnern und den offenkundigsten Sündern? Gehört Er vielleicht heimlich selbst zu ihresgleichen?«
Als Ich diese Frage hörte, wandte Ich Mich vom Tisch aus zu ihnen nach draussen und sagte kurz und heiter: »Die Starken und Gesunden brauchen keinen Arzt, sondern nur die Kranken. Geht hin und lernt, was dies bedeutet:
Ich habe Wohlgefallen an der Barmherzigkeit und nicht am Opfer!
Ich bin gekommen, die Sünder zur Busse zu rufen, nicht die Frommen, die keine Busse nötig haben!«
Die Pharisäer und Schriftgelehrten verstanden diese Worte zu ihren Gunsten und sagten darauf nichts weiter, denn sie fühlten sich dadurch geschmeichelt.
Danach unterhielt Ich die Gesellschaft mit allerlei Gleichnissen, durch die das menschliche Leben in seinen Schwächen und in der daraus nur zu oft entstehenden Verworfenheit sehr anschaulich dargestellt wurde. Ich gab ihnen auch kraftvolle Grundzüge der wahren Kindererziehung und zeigte, wie eine schlechte Erziehung mit der Zeit alle nur denkbaren Übel in geistiger und körperlicher Hinsicht zur Folge haben muss.
So lehrte Ich die Gesellschaft, warum der Mensch von Gott geschaffen wurde und wie er als freies Wesen aus eigener freier Tätigkeit der Absicht Gottes Genüge leisten soll, um dadurch zu einem vollkommenen, unaustilgbaren geistigen Wesen zu werden.