“Lebst du – oder bist du eine Marionette
deiner blinden Gedanken?”
Da dem Menschen die Reflexionen aus dem Herzensgeist abhanden gekommen sind, erblindete sein göttlicher Verstand. Dadurch ging ihm jeglicher wahrhaftige Lebensinhalt verloren. Um sich dennoch Sinn und Bedeutung zu verleihen und ein scheinbares Gefühl von Lebendigkeit zu erzeugen, spricht er ständig mit sich und gibt sich Selbstwert durch aufgeblasene Nichtigkeiten; er braucht unablässig Input, denn der Verstand benötigt Nahrung, um seine egozentrischen Bedürfnisse zu befriedigen.
Beobachtet man der Gedanken Vorgehen, durchschaut man ihr Treiben. Man sieht, wie sie Aufmerksamkeit einfordern, penetrant und lärmend auf sich aufmerksam machen wie quengelnde Kinder. Ähnliche Gedanken ziehen sich an und bilden Gemeinschaften, die sich als Energiefelder in der Seele einnisten.
Deren gibt es positive und negative, die ihrer Verfassung gemäße Nahrung benötigen. Zuerst handeln sie nur instinktiv, mit der Zeit lernen sie jedoch, sich aktiv der Intelligenz des Menschen zu bedienen. Je intelligenter jemand ist, umso raffinierter agieren seine ihn und die Umwelt bestimmenden Gedankenkräfte. Im Rahmen des ihnen zur Verfügung stehenden Intellekts führen sie ihren Wirt in Lebenssituationen, die ihnen ihrer Ausrichtung entsprechende Energiezufuhr ermöglichen.
Wenn sich nun jemand im Laufe seiner Kindheit, Jugend und weiterem Erwachsenendasein vorwiegend destruktiven Gedanken hingibt, bilden sich entsprechende energisch-energetische Kräfte, die aus dem Unterbewusstsein heraus das tägliche Leben weitestgehend bestimmen. Solche Energiefelder werden immer wieder Anlässe schaffen, in denen der Mensch in seine dunklen Seelenräume abgleitet. Ärger, Neid, Ungeduld, Gier, unersättliche Neugierde oder andere belastende Eigenschaften und Abhängigkeiten sind dann seine beständige und vorwiegende Nahrung, die ihm mit der Zeit zur Normalität wird. Nicht selten mündet so ein Zustand in Launenhaftigkeit, Lieblosigkeit und schließlich Lebensverachtung.
Im Gegensatz dazu erwirkt positives Gedankengut Lebensbejahung. Eine zufriedene und freudvolle Person wird immer wieder Gleichgesinnten begegnen, um ihre Frohsinns- und Glücksenergiefelder zu nähren. Positive Kraftfelder erzeugen vorwiegend erfreuliche Lebenssituationen. Der Mensch hat Freude am Leben, seine Vorhaben und Wünsche erfüllen sich zumeist ohne große Widerstände.
Da beide Zustände der Polarität unterliegen, bedingen sie sich gegenseitig, sind in der unvollkommenen Welt jedoch ungleichmäßig wechselwirksam. Eine vorwiegend positiv getragene Person erfährt auf der Waage der Polarität also auch den Gegenpol. Das geschieht zum Beispiel durch das Zusammenleben mit einem schwierigen Ehepartner oder anderem Familienmitglied, andauernden Problematiken im beruflichen Umfeld, durch Krankheit, dem Tod eines geliebten Menschen oder einem anderen belastenden Schicksalsweg. Diese Nöte bieten ihr die Möglichkeit, die angeborene oder anerzogene fröhliche Grundstimmung von der seelischen Oberflächlichkeit abzuziehen und in Bereiche des Bewusstseins zu lenken, die einen tieferen Lebenssinn offenbaren können.
Auch negativ besetzte Personen erleben den gegenpoligen Aspekt, können diesen aber aufgrund ihrer psychischen Belastung zumeist nicht oder nur kurzzeitig wahrnehmen. Ihre destruktive Konditionierung lässt keine anhaltende Freude zu; sie finden immer und überall etwas Negatives, das sie wieder auf ihr gewohntes zerstörerisches Fundament stellt. So jemand wird vielleicht durch einen Unfall oder einer schweren Krankheit aus seiner Dunkelwelt gerissen, bevor er darin zu ertrinken droht. Demütigendes Leid hat schon so manche Veränderung bewirkt. Ergreift die Person diese Möglichkeit des Neuanfangs nicht, wird sie in der Regel zeitnah ins Jenseits abberufen.
Gelegentlich kommt es vor, dass sich jemand in einem traumatischen Leiden von seiner konditionierten Persönlichkeit trennt – die ohne Energiezufuhr entweder in kürzester Zeit quasi abstirbt oder augenblicklich in sich zusammenfällt – und dadurch eine teilweise oder gar umfassende Befreiung erfährt. Gemäß ihres grundlegenden Charakters sowie ihrer kulturellen und religiösen Prägung wird diese Person dann ihr neugewonnenes Leben offenbaren. So mancher spirituelle Lehrer ist aus einer solchen Erfahrung hervorgegangen.
Sucht ein Mensch beständig Gottes Gegenwart, tritt er schrittweise aus der seelischen Ungleichmäßigkeit. Die ihn bestimmenden Energiefelder werden vom göttlichen Geist durchdrungen und lösen sich darin auf wie der Morgennebel in den wärmenden Strahlen der Sonne. Die Polarität positiv – negativ bleibt zwar bestehen, da diese Leben erst ermöglicht, doch nun sind die Pole Plus und Minus in der Liebe zu Gott synchronisiert und ergänzen sich äquivalent. Diese Einheit ermöglicht vollendete Lebensart in körperlicher Existenz und gewährleistet darüber hinaus die vollkommene Ergänzung von Schöpfer und Geschöpf in der ewigen Heimat.
Die Seele ist das agierende und interagierende Bindeglied zwischen Materie und Geist. Sie ist Aufnahmegefäß sowohl der sie umgebenden Meinungswelt als auch des in ihrem Herzen wohnenden Gottesgeistes. Durch die in dieser Welt vorherrschende egoistisch-materielle Bewusstseinsausrichtung verkümmert sie jedoch in ihrer menschlichen Kindheit und Jugend so sehr, dass ihre Begehrlichkeiten sich nur noch nach außen richten und dort erfüllen können. Ihr Instrument Gehirn degeneriert und ist nicht mehr in der Lage, göttliches Gedankengut zu erfassen.
Im Laufe seines Lebens prägen sich die unaufhörlichen materiellen Gedankenkräfte so sehr in die Gehirnzellen ein, dass der Mensch in den entsprechenden Lebensbereichen bloß noch in vorgefassten Formen denken kann: Er wird starr im Denken und Handeln und setzt sich darin selbst in Gefangenschaft. Oft eröffnen erst eine Krankheit oder ein anderer Schicksalsschlag einen Ausweg, denn Schmerz und Leid haben die Macht, gedankliche Prägungen und Strukturen aufzubrechen, zu verändern oder außer Kraft zu setzen.
So sind viele Faktoren ausschlaggebend, wie jemand durchs Leben geht. Grundsätzliche Einfachheit und fehlende Verbildung machen es leichter, an den gottlosen Verstand gebundene Mechanismen loszulassen. Unkomplizierte Menschen sind nicht so sehr gefangen vom Intellekt, sie können sich eher der göttlichen Liebe zuwenden, können diese freier fassen und begreifen.
Verstandeskraft und Intelligenz sind zwar zweckdienliche Werkzeuge, deren Verwendung geht jedoch zumeist mit (verstecktem) Hochmut und Standesdünkel einher, wenn man nicht bewusst Herzensliebe über seine Gescheitheit stellt. Einfältigkeit – im Glaubensleben ist sie unentbehrlich, in Egoismus und Lieblosigkeit wird sie zu Sturheit und Besserwisserei.
Will jemand den Glaubensweg ernstlich und wahrhaftig beschreiten, spielen Intellekt und Bildung keine Rolle. In der Hingabe an den göttlichen Willen bewirkt der Herzensgeist, dass Seele und Gehirn gemeinsam gesunden. Herz und Verstand ergänzen sich sodann perfekt und dienen gemeinsam der Liebe. Der Mensch steht sich nicht mehr im Weg, die Gedanken aus dem Geist können ungehindert fließen und offenbaren sich als lichte Worte und Taten in der Welt des Scheines und des Todes.
Das Gehirn ist kein unabhängiges Denkorgan, es ist dazu da, um die Gedanken der Seele aufzunehmen, zu ordnen und zu speichern. Es ist ein für das Erdenleben notwendiges Instrument, das, gemäß gegebener und/oder geschulter Funktionalität, zu einem guten oder schlechten Gedächtnis sowie leichter oder schwerer Auffassungsgabe befähigt. Dieser Umstand hat zu der irrigen Meinung geführt, Intelligenz sei allein auf die Denk- und Lernfähigkeit des Gehirns zurück zu führen, was so jedoch nicht stimmt.
Die Seele denkt mit ihrem Belebungsgeist. Ihre Gedanken werden in ihrem Herzen geboren, steigen empor und durchwandern das individuelle Bewusstseinsland, das einerseits in dieser geistesgegenwärtigen Erfahrung seine Prägung erhält, wodurch die Gedanken zum persönlichen Eigentum werden, andererseits wirkt die Seele wiederum selbst färbend auf die sie formenden Geistesideen ein. Erst dann erreichen diese das Gehirn, wo sie für den Menschen sichtbar werden. Gedanken sind also zum einen stofflich gebunden im Gehirnapparat gespeichert (verstandesrechtliches Denk- und Erinnerungsvermögen), zum anderen in ihrer geistigen Existenz in der Seele (emotionales Denk- und Erinnerungsvermögen). Je nach Bewusstseinsausrichtung hat das eine oder das andere mehr Gewicht.
Misst man die Hirnströme, liest man also nicht des Gehirns eigene Denkaktivität aus, sondern die Verarbeitung und Übersetzung seelisch-geistiger Bewusstseinsimpulse in formale Aussagekraft.
Im Erdenleben kann man Gedanken dem Gehirn entnehmen, während diese in der geistigen Welt nur seelisch gespeichert zur Verfügung stehen – das Gehirn bleibt ja dem Körper angehörig. Hat man im irdischen Dasein sein Herzenslicht in der Liebe zu Gott nicht entzündet, gibt es im Jenseits keine Möglichkeit, die Gedanken der Seele zu lesen. Man ist mehr oder weniger blind-traumatisch in seiner Sphäre gefangen und erlebt seine jenseitige Existenz als Projektion autarker Mechanismen und Prägungen.
Hat ein Mensch bereits diesseits das Feuer seines Herzens entfacht, wird er Schritt für Schritt und immer beständiger `intuitiv´ Entscheidungen und Unterscheidungen treffen. Im Geiste erwacht, nimmt er schließlich seine Gedanken bereits in der Seele wahr. Er denkt, spricht und handelt nicht mehr mechanisch unter dem Kommando des egozentrischen Verstandes, sondern benützt seinen Verstand freiheitlich im Licht der Liebe. Diese Lebensart führt ihn zunehmend tiefer ins seelische Bewusstsein und schafft die nötigen Voraussetzungen für ein wahrhaftiges Dasein sowohl im Diesseits als auch im Jenseits.
Ist ein Mensch im Geiste wiedergeboren, vernimmt er seine Gedanken nicht länger als von Gott getrennte Bewusstseinselemente. Als Bürger der himmlischen Welt lebt er im alles durchdringenden und allumfassenden göttlichen Selbstbewusstsein.
Der Gottesgeist im Menschen ist zwar in der Ausübung seiner Eigenschaften vorerst noch gebunden, in seiner Ausstrahlung schenkt er ihm jedoch Intelligenz und selbstverantwortliche Willenskraft, die ihm gänzliche Unabhängigkeit in allen Bereichen des Daseins ermöglichen. Im Gegensatz zum Tier, dem lediglich seelisch verordnete Fähigkeiten zur Verfügung stehen und das dadurch nur in ihm von Gott zugedachten Verhaltensweisen existieren kann, ist der Mensch vollkommen frei im Denken und Handeln. Sein Geist befähigt ihn zur Beurteilung und Ordnung allen möglichen Gedankengutes. Wir bezeichnen das als Verstand und Vernunft.
Diese sollten der Menschheit eigentlich als Werkzeug für rechte Lebensführung und zur Wahrheitsfindung dienen, sie hat sie in ihrer Selbstsucht jedoch zweckentfremdet und zum Instrument irdischer Wohlstandsbefriedigung degradiert. Verstand und Vernunft dienen allein noch materiellen Bedürfnissen – eine gottgeistige Lebensweise (Verstand: “Was ist das?”) wird nicht mehr in Betracht gezogen. Diese atheistische Lebensart wird gemeinhin als Zeitalter der Aufklärung und des Fortschritts definiert.
Mithilfe dieser egozentrischen Intelligenz wurden und werden todbringende Waffen erfunden, werden Völker ausgebeutet, versklavt und ermordet. Mit ihr wurde eine Welt voller Würdelosigkeit und Grausamkeit erschaffen, ein gewalttätiger Planet, beherrscht von Kriegen, Hungersnöten und menschenverachtenden wirtschaftlichen und politischen Systemen. Ein Planet, dessen geisteskranke Bewohner von Besitz- und Geldgier, Machtbesessenheit und unablässiger Lustbefriedigung getrieben sind und die ihre unersättlichen Bedürfnisse mit rücksichtslosen Mitteln durchzusetzen suchen.
Nun kann man sagen: “So schlecht ist der Mensch auch wieder nicht! Er hat soziale Hilfswerke, humanitäre Organisationen sowie praktische Hilfsmittel für alle Lebenslagen hervorgebracht. Er hat Schiff, Flugzeug und Auto, Fernsehen und Computer erfunden; er erzeugt Energie und nutzt sie für sein Wohlergehen. Er ist tief eingedrungen in das Wesen der Materie und hat physikalische und chemische Vorgänge und Zustände erforscht, die ihm eine fortschrittliche und visionäre Lebensweise ermöglichen.”
Ja, das ist richtig. Aufgrund des Verlustes ihrer geistigen Identität erschuf die Menschheit eine ihren Bedürfnissen angepasste Welt. In einem angemessenen Rahmen wäre das recht und gerecht, doch sie hat sich mit Haut und Haar der Materie verschrieben. Anstatt die schöpferischen Kräfte zu nutzen und zu benutzen, um geistige Einsicht zu gewinnen und dadurch wieder zur Gotteskindschaft zu finden, verlor sie sich in äußerer Befriedigungssucht und ging ihrer eigentlichen Herkunft und Bestimmung verlustig.
All die zweckdienlichen Erfindungen und wissenschaftlichen Erkenntnisse heutiger Zeit verdrängten zwar den von der Kirche erschaffenen Aberglauben, doch gebar das Zeitalter der Aufklärung und des Fortschritts eine Welt gewissenloser Machtbesessenheit und moderner Sklaverei. Sieht man heute hinter die Kulissen großer Konzerne, steht da zumeist eine Industrie voller Profitgier und Herrschsucht. Die die Weltwirtschaft bestimmenden Unternehmen kennen nur eine Maxime: Ihre Gewinne unter allen Umständen ins Unermessliche zu steigern. Zahlreiche ursprünglich im Gutwillen ins Leben gerufene (Hilfs-)Organisationen sind infiltriert und verseucht von ihren Geldgebern, welche diese am Gängelband eigener Interessen führen. Jede dem Menschen dienliche Erfindung findet ihre finale Anwendung als Instrument skrupelloser Bereicherung und Machtausübung.
Folglich kann man feststellen, dass der Missbrauch göttlichen Potentials stets Leid erzeugt, wenn nicht in Achtsamkeit und Weisheit damit umgegangen wird. Wobei die im verkehrten Handeln heraufbeschworene Not wiederum die Tür ins Licht öffnet, denn letztendlich bewirkt die allem zugrunde liegende Vollkommenheit immer Gutes.
Verstand und Vernunft ermöglichen ein geordnetes Dasein in der Welt zeitgebundener Erkenntnis, sie sind ein notwendiges Licht in der Nacht der Seele. Dienen diese Instrumente allein irdischen Bedürfnissen, verhindern sie ein lebendiges Glaubensleben, denn in ihren rationalen Berechnungen lassen sie nur logisch Erklärbares gelten. Der gottlose Verstand bindet den Menschen an egoistische Gedankengänge und widersinnige Weltanschauungen. Die Ratio der Vernunft leugnet ein Jenseits – und einem Schöpfer, der nicht beweisbar ist, wird ein hoher Grad an Unwahrscheinlichkeit verliehen.
So hat das Zeitalter der Aufklärung zwar den Aberglauben früherer Tage beseitigt, aber zugleich eine neue Blindheit geboren, indem atheistische Wissenschaft zum existenziellen Erkenntniswerkzeug erklärt wurde. Verstand und Vernunft degenerierten zu Schergen des geistigen Todes und führten die Menschheit geradewegs in den Wahnsinn.
Völlig anders lebt der Mensch, benützt er seinen Verstand unter der Schirmherrschaft des göttlichen Liebelichts, wobei beide Geisteskräfte eine gesegnete Ehe miteinander eingehen. Dies erleuchtete Denken erlaubt eine sinnvolle und wahrhaftige Lebensweise, darin man sich als selbstbewusstes Gotteskind wiederfindet. Der Baum der Erkenntnis spendet lebendige Frucht.
Die Interpretation von Erleuchtung orientiert sich an Zuständen, die universelle Liebe, Glückseligkeit, Geborgenheit und ewigen Frieden beinhalten respektive offenbaren. Im materiell ausgerichteten Verstand hat spirituelle Erfahrung jedoch keinen Platz, da die weltliche Prägung die seelisch-geistige Dimension nur bis zu einem niederen Grad begreifen, geschweige denn erleben kann. Das gottlose Denken kann den Weg zu unvergänglicher Glückseligkeit niemals finden. Der Pfad in den Himmel liegt abseits der breiten Gedankenstraßen.
Amt und Bürde des ordnungsgemäß benutzten Verstandes bestehen darin, dem Menschen einerseits Unterscheidungsvermögen im Labyrinth widergöttlicher Denkweisen zu schenken, andererseits dient er als Instrument zur Abgrenzung der Seele von ihrem Gottesgeist, denn er erschafft ein egozentrisches Bewusstseinsfeld als Voraussetzung für die freie Liebe zu Gott. Im rechten Gebrauch liegt also Segen auf dem Baum der Erkenntnis.
Diese seine notwendigen Pflichten enden in seinem Eingehen in die Liebe des Herzens. Hat die Seele zur wahren Gotteserkenntnis gefunden und diese tätig in ihr Dasein integriert, wird der Verstand vom Herzensgeist erfasst, erfüllt und erleuchtet. Das ichhafte Denken tritt zurück, um dem umfassenden göttlichen Bewusstsein Platz zu machen. Jetzt kann der Verstand seine wahrhaftige Funktion als Organ göttlicher Weisheit ausführen. Nun gestalten sich die Abläufe des alltäglichen Lebens in ihrer Wertigkeit und Notwendigkeit im Dienst der selbstlosen Liebe.
Sie schafft den Raum, den das Christus-Bewusstsein zur weiteren Entfaltung benötigt. Denn noch ist der Mensch nicht in seinen Herzensgeist eingeboren; erst in unbedingter Hingabe an den Liebewillen des Vaters kann ihn dieser ganz durchdringen und zum Bewohner der himmlischen Welt machen. Jetzt sind Glückseligkeit, Geborgenheit, Friede und Liebe ewiges und göttlich-lebendiges Eigentum der Seele.
Der Mensch möchte die Wahrheit seinem Weltverstand angleichen und unterordnen, und nicht seinen Weltverstand der Wahrheit anheimgeben. Das verstandesrechtliche Denken verteidigt sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Waffen der Argumentation und der Aggression, denn es will `überleben´. Es meint, wenn es in Gottes Willen eingeht, wird es seine Selbstständigkeit verlieren.
Die demütige Beachtung und Befolgung notwendiger Weisungen und Verhaltensregeln werden als Einschränkung freigeistigen Lebens betrachtet: “Ein liebender Gott kann doch die Eigenständigkeit und Unabhängigkeit seiner Geschöpfe nicht begrenzen, indem er ihnen Vorschriften macht!” Doch schon irdische Erziehung und Schulung zeigen, dass eine feine charakterliche Entwicklung und zweckmäßiges Lernen nur in der gehorsamen Befolgung vorgegebener Richtlinien und fürsorglicher Unterweisungen erfolgen können.
Infolge dieser `egozentrisch-freiheitlichen´ Denkweise wurde und wird geoffenbarte Wahrheit zumeist bereits im Keim erstickt. Das hat dazu geführt, dass unzählige spirituelle und religiöse Standpunkte entstanden sind. Eine grundlegende Wahrheit, die sämtliche Schein-Wahrheiten dieser Welt quasi vernichtet, wird nicht nur nicht mehr akzeptiert, sondern mit den Attributen anmaßend, größenwahnsinnig, unflexibel usw. belegt, und mit den Aussagen: “Alle Wege führen zu Gott”, “Die Wahrheit hat doch viele Gesichter” oder “Warum soll es gerade die sein!?” tolerant bestätigt.
Einige dieser Ansichten sind in gewisser Weise richtig, denn mit einem aufrichtigen Herzen kann man in jeder Religion zu einem liebevollen Menschen werden. Doch leider werden in der allgemeinen geistigen Blindheit alle Religionen auf eine Stufe gestellt. Im allgemeinen Toleranzwahn ist der sogenannte Christ nicht mehr in der Lage, sich final zu einer einzig gültigen Wahrheit in Jesus Christus zu bekennen. So werden falsch verstandene Aufgeschlossenheit und Liberalität zum Deckmantel geistiger Orientierungslosigkeit und schließlich zum Grabstein des geistigen Todes.
Es gibt nur einen Gott und somit nur eine grundlegende Wahrheit und einen darin sich gründenden Willen. Liebe, Leben, Wahrheit und göttlicher Wille sind untrennbar eines. Allein in der Liebe zu unserem himmlischen Vater findet der Mensch zur Wahrheit allen Lebens – und darin zu einer Freiheit, die ihm der Weltverstand niemals geben kann.
“Dein Wille geschehe!”
Im Gebet sprechen wir diese Worte zumeist mehr oder weniger gedankenlos dahin und sind uns ihrer Tragweite in keinster Weise bewusst. Mit diesen drei Worten geben wir unser Leben konsequent in Gottes Hand. Wir geben unserem himmlischen Vater das Einverständnis, dass er uns führen soll in allen Belangen -ob Freude oder Leid, wir werden unser Schicksal vertrauensvoll annehmen. Wir erklären uns bereit, nicht mehr selbstgerecht zu handeln, sondern allzeit Gottes Willen zu suchen und zu erfüllen. Wir erklären uns bereit, ihm all unsere Sorge anheim zu gegeben. Wir bestätigen, dass wir ihm in Liebe dienen wollen, wie und wohin er uns auch immer führen wird.
Der Verstand kann in diesem Licht schwerlich noch die Worte sprechen, denn in ihrer Verwirklichung gibt er die Herrschaft über seinen Menschen auf. Nur das vertrauensvoll-demütige Herz sieht hinein in die Tiefe der Worte und findet dort die Liebe, von der sie ausgehen. Erst an dieser Quelle offenbart sich die wahrhaftige Erkenntnis Gottes, der seine Kinder über alles liebt – und hier kann das Kind sich nichts Schöneres vorstellen, als seines himmlischen Vaters Willen zu erfüllen. Erst in der Verwirklichung dieser drei Worte findet die fundamentale Vereinigung von Gottvater und Menschenkind statt.
Viele Menschen denken, dass ein Eingehen in den göttlichen Willen sie ihrer Freiheit beraubt, dass sie dann kein eigenständiges Leben mehr führen können. Oberflächlich betrachtet sieht das tatsächlich so aus. Wenn man der Meinung ist, dass der Hauptaspekt von Freiheit darin besteht, dauerhaft in der Unvollkommenheit des Eigenwillens zu verharren, hat dieser Standpunkt Berechtigung.
Der ändert sich jedoch im Einblick in das Herz des Vaters. In der Erkenntnis der darin enthaltenen vollkommenen Freiheit und freiheitlichen Vollkommenheit werden einem die Unzulänglichkeit und Gefangenschaft des eigenen Willens stets mehr bewusst. In diesem Licht sieht man, dass der Wille Gottes allumfassende und alleserfüllende Liebe ist. Darin und daraus erwächst der Wunsch, das ichhafte unvollkommene und blinde Wollen der Freiheit des göttlichen Liebewillens anheim zu geben, um zuerst daran Anteil zu haben und schließlich allzeit darin tätig zu sein.
In der Unterordnung des eigenen Lebens an das erkannte Gottesleben, im Eingehen des Eigenwillens in den göttlichen Willen, in der Anheimgabe der eigenen Liebe an die göttliche Liebe entbindet und öffnet das Seelenherz ihren lebensspendenden Geist. Es erfolgt die Vereinigung von Vater und Kind, das nun, im Geiste neu geboren, sein Erdenleben frei von irdischen Banden vollbringt.
In der Freiheit des göttlichen Willens
Was in dieser Welt als freiheitliches Leben bezeichnet wird, ist im Licht der Wahrheit betrachtet eine tödliche Gefangenschaft. Wahrhaft freies Denken und Handeln finden erst im Eingehen in den göttlichen Willen statt – allein dieser ist absolut frei, denn er erwächst aus vollkommener Liebe und der darin und daraus sich bildenden göttlichen Weisheit. Er ist keiner Gesetzgebung untertan, er ist an keine Richtlinie gebunden, da er nicht fehlgehen kann. Gottes Wille ist unbedingte und grenzenlose Freiheit, ist allmächtige Schaffenskraft, ist die Unendlichkeit durchdringende Lebendigkeit.
Geht ein Mensch ein in Gottes Willen, offenbart sich ihm der größte Schatz in Zeit und Ewigkeit. Er wird gewahr, dass sein ureigenes Wollen im Liebegrund seines Herzens sich nicht von Gottes Wollen unterscheidet. Er erkennt, dass in der Liebe zu Gott ein Zusammenschluss der voneinander getrennten Willensteile erfolgt. In dieser sich erfüllenden Liebe gießt der himmlische Vater seinen Geist in die Seele aus: Es findet eine Willensverschmelzung statt – die Hochzeit von göttlichem Bräutigam und Seelenbraut. Der Mensch wird durchdrungen von einer zuvor nie gekannten Lebendigkeit und Freiheit. Jetzt erlebt er, was die Worte bedeuten: “Kein Auge hat es je gesehen, kein Ohr gehört, und kein Mensch wird es je aussprechen können, was Gott denen bereitet hat, die ihn über alles lieben.”
Nur diese Worte kann er noch sprechen: “Vater! Du! Mein Leben und mein Alles!”