Auf diesem Gipfel verbrachten wir einen Tag und eine Nacht und genossen dort viel Herrliches und Wunderbares.
Für Mich gab es hier natürlich nichts Wunderbares, denn in Mir selbst liegt und muss der Urgrund all der zahllosen Erscheinungen und Ereignisse liegen. Für alle anderen aber, die bei Mir waren, gab es Herrliches und Wunderbares in grosser, überströmender Fülle.
Erstens bot die überaus reizvolle, weite Aussicht den Augen aller während des ganzen Tages reichlich Beschäftigung. Zweitens liess Ich nach Sonnenuntergang zu, dass den Menschen die innere Sehkraft geöffnet wurde und sie so in die grosse Geisterwelt schauen konnten.
Wie sehr wunderten sich alle, als sie über der Erde eine grosse Welt voller Wesen sahen, die dort leben und handeln! Dazu erblickten sie überaus weit ausgedehnte Gegenden und Fluren, die teils überherrlich waren, teils aber gegen Mitternacht hin sehr öde und traurig aussahen.
Ich aber gebot allen Geistern im Stillen, über Mich zu schweigen.
Viele Jünger unterhielten sich mit den Geistern über das Leben nach dem Tod des Leibes. Die Geister gaben ihnen einen greifbaren Beweis dafür, dass es nach dem Tod des Leibes noch ein weiteres, vollkommeneres Leben gibt, und zeigten ihnen, wie dieses beschaffen ist.
Kisjonah sagte auch: »Nun sind alle meine Wünsche erfüllt — bei allem, was ich besitze, und bei diesem Berg, der zu meinem irdischen Eigentum gehört! Ich gäbe die Hälfte meines gesamten Besitzes her, wenn ich jetzt einige führende Sadduzäer und die Essäer, die kein Leben nach dem Tod des Leibes anerkennen, hier haben könnte. Wie schön würden diese Weisen hier mit der Nase an der Geisterwelt anrennen, bis sie blutete! Auch ich war einst völlig von ihren Lehren ergriffen, liess sie aber nach und nach wieder los, weil mich glücklicherweise die wenn auch ziemlich unheimliche Erscheinung meines verstorbenen Vaters eines Besseren belehrte.
Es ist wirklich ausserordentlich! Man kann mit diesen Wesen umgehen und reden wie mit seinesgleichen. Was mich jedoch etwas wundert, ist, dass unter den vielen Geistern hier — von denen ich einige sogar persönlich sehr gut erkenne — kein Patriarch, kein Prophet und auch kein König zu sehen ist!«
Ich sage: »Mein liebster Freund und Bruder, sie leben ebenso wie diese in der Geisterwelt. Damit ihnen von den Millionen und Abermillionen Geistern keine göttliche Verehrung erwiesen wird, werden sie an einem völlig abgesonderten Ort, der Vorhölle heisst, getrennt von allen anderen Geistern gehalten. Dort erwarten sie zuversichtlich, dass Ich sie in dieser Zeit befreien und dann in die Himmel, die Urwohnung Meiner Engel, einführen werde. Das wird auch bald geschehen.
Zugleich bilden diese Geister der Patriarchen, Propheten und rechten Könige eine Wache zwischen der eigentlichen Hölle und dieser Geisterwelt, damit die Hölle sie nicht verdunkeln, verderben und verführen kann.
Zwar ist es Satan erlaubt, in die Naturwelt zu gehen und dort von Zeit zu Zeit sein Unwesen zu treiben; doch der Eintritt in diese Geisterwelt ist allen Teufeln für ewig verschlossen. Denn wo das eigentliche Leben einmal begonnen hat, bleibt der Tod für immer fern. Satan, Teufel und Hölle aber sind das Gericht und haben daher im Reich des Lebens nichts mehr zu tun. Verstehst du das?«
Kisjonah sagt: »Herr, so gut es möglich ist und soweit Deine Gnade es offenbar zulässt, verstehe ich dies nun. Aber gewiss verbirgt sich noch ungeheuer vieles im Hintergrund, das ich wahrscheinlich erst vollständig erfassen und begreifen werde, wenn ich selbst einmal ein Bewohner dieser eher düsteren als freundlichen Welt sein werde. Gegen Osten und Süden sieht diese Geisterwelt wirklich überaus schön und freundlich aus; gegen Westen und Norden aber noch viel elender und trauriger als die weit ausgedehnte Wüste, in der einst das grosse Babel stand. Ein solcher Anblick beeinträchtigt dann auch die Schönheit des Ostens und Südens.«
Ich sage: »Du hast recht; es ist so, wie dein Gefühl es dir sagt. Aber die Geister, die du jetzt zu vielen Hunderttausenden vor uns siehst, nehmen den tiefen Westen und den Norden nicht so wahr wie du. Denn ein Geist sieht jeweils nur das, was seinem Innersten entspricht.
Da weder der Westen und noch weniger der Norden ihrem Innersten entspricht, sehen sie weder den Westen noch den Norden. Erst wenn sie einmal Meinen Engeln völlig gleich werden, werden sie alles so schauen können, wie du es jetzt tust.«
Kisjonah sagt: »Herr, das ist zwar etwas dunkel, und ich verstehe es noch nicht. Ich denke aber, dass dies vorläufig auch gar nicht nötig ist. Da Du, o Herr, nun so freigebig mit wunderbaren Enthüllungen bist, könntest Du uns neben diesen zahllosen Geistern nicht auch nur ein paar Engel zeigen? Ich habe schon viel von den Erzengeln, Cherubim und Seraphim reden gehört, vieles in den Schriften gelesen und mir darüber allerlei Vorstellungen gemacht, die wahrscheinlich höchst unrichtig und daher falsch waren. Du, o Herr, könntest mir eine richtige Anschauung davon vermitteln, wenn es Dein heiliger Wille wäre!« Auch die fünf Töchter, die Mich ständig umgaben, baten Mich darum.
Ich aber sagte: »Ich will es tun, jedoch nicht vor Mitternacht auf der Erde, sondern danach. Jetzt aber unterhaltet euch mit den Geistern; nur dürft ihr ihnen nicht verraten, dass Ich hier bin, denn dies wäre ihnen vor der Zeit von keinem Nutzen.«
Mit dieser Verheissung gaben sich alle zufrieden und warteten voller Sehnsucht, bis Mitternacht vorüber wäre.