Nun trat Thomas zu Judas Iskariot und machte ihm Vorwürfe: Wie könne er es wagen, Mir seine törichten Vorstellungen über das Geld vorzutragen, da Ich doch im Geist Jehova Selbst sei und Taten vollbringe, die nur Gott allein möglich seien?
Judas sagt zu ihm: »Du bist noch genauso beschränkt, wie du es immer warst. Entweder glaubst du jedes Ammenmärchen, oder du glaubst überhaupt nichts, wenn es dir gerade so in den Sinn kommt. Du denkst nicht und rechnest nicht. Wenn du Fische auf den Markt brachtest, verkauftest du nicht selten die kleinen wie die grossen, sodass dir die Käufer ins Gesicht lachten. Wie du immer warst, so bist du auch jetzt noch: Du denkst und rechnest nichts, sondern lebst nach deiner alten Gewohnheit weiterhin töricht in den Tag hinein.
Ich bin erst seit einigen Stunden hier in der Gesellschaft dieses grossen Propheten, und es ist mir eine heilige Pflicht, Ihn zu erforschen und Seine Gesinnung sowie die Absicht Seines Auftretens so weit wie möglich kennenzulernen. Du bist nun ungefähr schon ein halbes Jahr bei Ihm und musst Ihn deshalb besser kennen als ich. Soll ich mir aber nur deshalb, weil du Ihn bereits kennst, gar keine Mühe geben, Ihn wenigstens so weit kennenzulernen, wie du Ihn bisher erkannt hast?«
Thomas sagt: »Du wirst hoffentlich nicht schon morgen wieder nach Hause gehen, weil du heute bereits alles erfahren willst. Es ist gut, dass der Herr endlich weitergegangen ist; sonst wäret ihr wegen deines törichten Geldes wohl bis morgen noch lange zu keiner Einigung gekommen. Der Herr hat recht: Das verfluchte Geld wird dir den Tod bringen, weil du darin so viel Herrliches erblickst. Der Herr hat dir deutlich genug gesagt, welchen Wert das Geld hat und wie es dem geistigen Leben des Menschen zum grössten Nachteil gereicht. Du aber bist ja schon lange weiser als Gott Selbst und kannst deshalb deiner Weisheit sogar vor Gott die Krone aufsetzen. Gib nur acht, dass du nicht eines Tages an lauter Weisheit erstickst.
Was hast du mir meinen Fischhandel vorzuwerfen? Ich verkaufte meine Fische stets zuerst, während du bei deinen guten Lehren die Hälfte deiner Fische wieder nach Hause tragen musstest. Ich verkaufte die grossen wie die kleinen — zehn Stück für zwei Pfennige — und hätte jederzeit noch fünfmal so viele verkaufen können, wenn ich sie auf den Markt gebracht hätte. Deshalb meine ich, dass ich offenkundig besser gerechnet habe als du, der du dich für weiser als Gott hältst, dabei aber ein Geizhals bist und dein ganzes Heil im Geld suchst. Wahrlich, für diese Weisheit gebe ich keinen Stater!«
Judas sagt etwas verdutzt: »Jeder redet so, wie er es versteht.« Thomas sagt: »Das ist wahr. Aus deiner Dummheit heraus verstehst du die Sache auf törichte Weise und redest deshalb auch so. Sieh lieber dorthin, wo ein Armer am Weg lagert. Gib ihm deine Börse; dann wirst du zum ersten Mal in deinem Leben vollkommen weise handeln.«
Judas sagt: »Das werde ich ganz bestimmt bleiben lassen; denn mir hat noch nie jemand im eigentlichen Sinn des Wortes und seiner Bedeutung etwas geschenkt, und deshalb schenke auch ich niemandem etwas.«
Thomas sagt: »Das ist ein sehr löblicher Grundsatz; er verdient von vornherein verflucht zu werden. Ich sage dir: Mit solchen Grundsätzen wirst du bei diesem unserem Heiland und Meister nicht sehr weit kommen; dafür stehe ich ein. Er ist die höchste Freigebigkeit selbst, du aber bist ein Geizhals ohnegleichen. Das passt ja herrlich zusammen!«
Judas sagt: »Wenn ich Ihn erst einmal gründlich bearbeitet habe und Er erkennt, wie man in der Welt leben muss, um ein angesehener Mensch zu sein, wird Er Seine Freigebigkeit schon etwas einschränken. Im Übrigen ist es wahrlich keine Kunst, auf Kosten derjenigen, die etwas besitzen, freigebig zu sein und Seinen Jüngern gute Mahlzeiten zu bereiten. Höre: Wenn ich solche Narren finde wie diesen jungen Wirt, kann auch ich auf seine Kosten so freigebig sein wie nur irgendein Mensch. Dieser Jesus, der von Geburt an bitterarm ist, soll die Menge Seiner Jünger einmal allein aus Seinen eigenen Mitteln unterhalten und ernähren. Dann wird sich sofort zeigen, wie freigebig Er sein wird und ob Er nicht so bald wie möglich alle diese Anhänger verabschiedet.«
Thomas sagt: »Ich sage dir nur eines: Du bist ganz und gar des Teufels; denn so, wie du eben geredet hast, kann nur der Teufel reden. Es klingt zwar, als wäre darin etwas Verstand, doch es ist ganz anders, und deine Rede ist die unverschämteste Lüge der ganzen Welt. Es reut mich, dass ich dir den Weg hierher gezeigt habe. Viele Hunderte Menschen waren in Sichar, und sie alle wurden aus den Himmeln gespeist. Irhaels verfallenes Haus hat Er in wenigen Augenblicken so aufgebaut, dass es nun bei Weitem das kostbarste Haus dieser Stadt ist. Und du, anmassend und töricht über alle Grenzen hinaus, willst mir — der ich mit meinen leiblichen Augen die Himmel offen und zahllose Scharen der Engel Gottes auf- und niederfahren sah — gewissermassen als Weiser der Weisen beweisen, Jesus sei ein armer Schlucker, der es sich auf Kosten anderer gut gehen lasse. O du armer Tropf! Er, Dem Himmel und Erde allein gehören, weil Er sie durch Seine Allmacht gegründet hat, sollte etwa meine oder deine Schätze brauchen, um auf dieser Welt leben zu können, auf der Er die Früchte wachsen und reifen lässt? O du blindester Tor! Geh nach Sichar, überzeuge dich von allem und komm dann zurück. Dann werden wir sehen, ob du noch immer so töricht in den Tag hineinreden wirst wie jetzt.«
Hier setzt Judas ein und sagt ganz lakonisch: »Hast du das alles mit deinen eigenen Augen gesehen? Oder hast du dir vielleicht noch ein Paar Ochsenaugen und ein Paar Eselsaugen ausgeliehen, sodass du so vieles und so Ausserordentliches auf einmal überblicken konntest? Im Übrigen freut es mich, dass dieser Weise aus Nazareth auch die schöne Irhael kennengelernt hat. Wie ich erst kürzlich hörte, soll sie bereits mit dem sechsten Mann leben, weil ihr alle fünf früheren sozusagen am Leib gestorben seien. Bei einer solchen Schönen mag für euch alle der Himmel wohl sehr weit offen gestanden haben. Ja, ja, Irhael hat schon manchen in alle Himmel versetzt; warum sollte sie bei euch eine Ausnahme gemacht haben? Aber ihretwegen werde ich dennoch nicht nach Sichar gehen; denn ich halte das Gesetz des Mose und will mich deshalb mit solchen sündhaften Dingen nicht befassen.«