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GEJ 1.92

Quelle: Jakob Lorber

Kapitel 92 von 161

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GEJ 1.92.1

Am Tag, nachdem Ich von Kana aus den Sohn des königlichen Beamten in Kapernaum geheilt hatte, war Matthäus mit seinen wenigen Versen fertig. Da zeigte er Mir seine Arbeit, die Ich lobte, weil sie in aller Kürze sehr gut war und alles Wesentliche bezeichnete. Nachdem er jedoch sein Schreibmaterial eingepackt hatte, kommt er wieder zu Mir und fragt Mich, wie viel Schreibmaterial er wohl in Kapernaum brauchen werde. Er habe vorläufig nur vier Tafeln ausserhalb des Bündels für den Gebrauch in Kapernaum bereitgehalten. Sollte er noch mehr Tafeln bereithalten müssen, könne er sie hier leichter als in Kapernaum aus dem Hauptbündel nehmen.

GEJ 1.92.2

Ich sage: »Die vier genügen. Dennoch muss Ich dich dabei auf einen kleinen Fehler in der Ordnung deiner eigenen Angelegenheit aufmerksam machen. Im Grunde ist er zwar bedeutungslos; aber weil bei Mir nun einmal alles in einer sicheren Ordnung geschehen soll, war es unklug von dir, dein Schreibzeug zuerst zusammenzubinden und Mich erst danach zu fragen, wie viele Tafeln du brauchen wirst. Hätte Ich nun gesagt: ›Du wirst in Kapernaum fünf Tafeln brauchen‹, hättest du wegen dieser einen Tafel dein ganzes Bündel wieder öffnen müssen, was dir offenkundig eine völlig unnötige Mühe bereitet hätte. Doch durch Mein geheimes Einwirken veranlasst, hast du gerade die richtige Zahl bereitgehalten und dir dadurch die Mühe erspart, dein Bündel wieder zu öffnen. Wie Ich dir schon früher sagte, ist dies im Grunde zwar bedeutungslos; doch die richtige Ordnung kann in allen Dingen, so unbedeutend sie auch erscheinen mögen, von grossem Nutzen sein.«

GEJ 1.92.3

Sieh: Wenn sich jemand morgens, mittags oder abends wäscht und zuerst das Gesicht, zuletzt aber die Hände reinigt, wird sein Gesicht nicht so schnell sauber werden, weil er mit schmutzigen Händen darüberfährt. Reinigt er jedoch vorher seine Hände, wird auch sein Gesicht bald und leicht sauber, wenn er es mit den reinen Händen wäscht.

GEJ 1.92.4

Ein Mann hatte einen steinigen Acker und reinigte ihn mit viel Mühe und Fleiss von den Steinen. Dabei hielt er folgende gute Ordnung ein: Zuerst sammelte er die grössten Steine auf dem Acker und legte sie ausserhalb des Feldes zu einem regelmässigen, rechtwinkligen Haufen zusammen. Danach sammelte er die weniger grossen und legte sie auf einen zweiten, ebenso rechtwinkligen Haufen. So verfuhr er auch mit den übrigen, natürlich immer kleineren Steinarten und bildete dadurch zehn Steinhaufen, von denen jeder nur gleich grosse Steine enthielt.

GEJ 1.92.5

Als die Nachbarn dies sahen — sie selbst reinigten ihre Felder nicht auf diese Weise von den Steinen, sondern warfen grosse und kleine Steine ungeordnet auf gemeinsame Haufen —, sagten sie: »Seht euch den Narren an! Was für ein Spiel treibt er mit den Steinen!«

GEJ 1.92.6

Bald darauf zog auf derselben Strasse, die an diesem Acker vorbeiführte, ein Baumeister entlang, der für ein Gebäude Steine suchte. Als er die zehn geordneten Haufen erblickte, ging er hin und kaufte sie alle dem Mann, den seine Nachbarn zum Narren erklärt hatten, für vierzig Silbergroschen ab; denn in dieser Ordnung konnte er sie sofort sehr gut gebrauchen. Als die Nachbarn das bemerkten, kamen auch sie herbei und sagten: »Herr, warum bist du nicht zu uns gekommen? Sieh, wir haben dieselben Steine und würden sie dir für wenige Groschen geben, während du hier die gleichen Steine für vierzig Silbergroschen gekauft hast!« Der Baumeister aber sagte: »Eure Steine müsste ich erst ordnen, was mir viel Arbeit, Zeit und Mühe bereiten würde. Diese hier sind schon so geordnet, wie ich sie gerade jetzt brauche. Daher bezahle ich für sie lieber zu viel, als dass ich eure umsonst nähme!« Nun begannen die Nachbarn freilich ebenfalls, ihre Steinhaufen zu ordnen; aber es war zu spät. Der Baumeister hatte an den Steinen genug, die er von dem ersten Mann gekauft hatte, und die Nachbarn hatten sich nichts als vergebliche Mühe gemacht.

GEJ 1.92.7

Darum seid jederzeit und in allem in der besten Ordnung. Wenn dann jemand kommt, der euch einen Gewinn bringen kann, wird er gewiss zuerst dort zugreifen, wo er die beste Ordnung vorfindet. Eine spätere Mühe ist oft vergeblich. Begreifst du dieses Bild?«

GEJ 1.92.8

Matthäus sagt: »Herr, wie sollte ich es nicht verstehen? Es ist doch so hell und klar wie die Sonne am Mittag!

GEJ 1.92.9

Nun möchte ich von Dir aber noch eines erfahren: Wie konntest Du wissen, dass ich in Kapernaum gerade nur vier Tafeln brauchen werde? Denn die göttliche Allwissenheit ist für mich weiterhin ein sehr grosses Rätsel. Manchmal weisst Du alles, ohne jemanden danach zu fragen, und richtest Deine Wege danach aus. Ein anderes Mal fragst Du wieder wie einer von uns und tust, als wüsstest Du nicht, was hier oder dort geschehen ist oder noch geschehen wird. Wie kommt das? Herr, ich bitte Dich, gib mir darüber ein wenig Licht!«

GEJ 1.92.10

Ich sage: »Freund, Ich würde dir diese Sache sehr gern enthüllen, doch du würdest sie nicht erfassen. Deshalb lassen wir es jetzt dabei. Es wird jedoch bald eine Zeit kommen, in der du solche Geheimnisse leicht aufnehmen und klar begreifen wirst.

GEJ 1.92.11

So viel kann Ich dir jedoch vorläufig sagen: Wegen der Willensfreiheit des Menschen kann Gott alles wissen, was Er wissen will. Was Er aber nicht wissen will, damit der Mensch frei handelt, das weiss Er dann auch nicht. Verstehst du das?«

GEJ 1.92.12

Matthäus sagt: »Herr, wenn es so ist, dann steht es um das Leben der Menschen auf dieser Erde höchst gefährlich. Welcher auch nur einigermassen gebildete Mensch kennt nicht die zahllosen Feinde, die sich der armen Menschheit mit allen möglichen Übeln entgegenstellen und dadurch den Untergang des Menschen herbeiführen? Wenn Du all dies ohne Kenntnisnahme einfach geschehen lässt, wird es um das Heil der Seelen einmal wohl verzweifelt schlecht stehen!«

GEJ 1.92.13

Ich sage: »Nicht so schlecht, wie du jetzt meinst. Denn erstens wird jeder entsprechend seinem Glauben und hauptsächlich seiner Liebe leben. Zweitens steht es jedem Menschen frei, sich in jedem Augenblick an Gott zu wenden und Ihn um Beistand anzuflehen. Gott wird Sein Angesicht dem Flehenden zuwenden und ihm aus jeder Not helfen.

GEJ 1.92.14

Im Übrigen ist jedem Menschen ein unsichtbarer Schutzgeist beigegeben, der ihn von seiner Geburt bis zum Grab begleiten soll. Ein solcher Schutzgeist wirkt ständig auf das Gewissen des Menschen ein und beginnt sich erst dann immer weiter von dem ihm anvertrauten Menschen fernzuhalten, wenn dieser, von seiner Eigenliebe geleitet, freiwillig allen Glauben und alle Liebe zum Nächsten aufgegeben hatte.

GEJ 1.92.15

Der Mensch auf dieser Erde ist demnach keineswegs so verlassen, wie du meinst. Denn es hängt vollständig von seinem freien Wollen und Handeln ab, ob er von Gott beaufsichtigt und geführt werden will oder nicht. Will der Mensch dies, wird es auch Gott wollen. Will der Mensch es aber nicht, ist er von Gott aus völlig frei, und Gott kümmert Sich nicht weiter um ihn — abgesehen von dem, was dem natürlichen Menschen aus der allgemeinsten Ordnung zukommen soll: das natürliche Leben und alles, was als dessen Voraussetzung notwendig ist. Darüber hinaus lässt Sich Gott nicht auf den Menschen ein und darf Sich wegen dessen unantastbarer Freiheit auch nicht auf ihn einlassen. Nur wenn ein Mensch Gott aus dem freien Willen seines Herzens sucht und Ihn bittet, wird Gott dem Bitten und Suchen des Menschen stets auf dem kürzesten Weg entgegenkommen — vorausgesetzt, der Mensch meint sein Suchen und Bitten vollkommen ernst.

GEJ 1.92.16

Sucht und bittet der Mensch jedoch nur versuchsweise, um sich davon zu überzeugen, ob an Gott und Seinen Verheissungen etwas wahr ist, wird Gott ihn weder beachten noch erhören. Denn Gott ist in Sich Selbst die reinste Liebe und wendet Sein Angesicht nur denen zu, die ebenfalls in der reinen Liebe ihres Herzens zu Ihm kommen, Gott um Seiner Selbst willen suchen, Ihn dankbar als ihren Schöpfer kennenlernen wollen und den innigen Wunsch haben, von Ihm Selbst beschützt und geführt zu werden.

GEJ 1.92.17

Ach, bei denen, die auf diese Weise kommen, weiss Gott in jedem Augenblick nur zu gut, wie es um sie steht, und Er Selbst lehrt und leitet sie auf allen Wegen. Von denen aber, die nichts von Ihm wissen wollen, weiss dann auch Gott in allem Ernst nichts.

GEJ 1.92.18

Und wenn sie dereinst im Jenseits vor Gott gestellt werden und noch so laut rufen: ›Herr, Herr!‹, wird Gott ihnen antworten: ›Weicht von Mir, ihr Fremden, denn Ich habe euch noch nie erkannt!‹ Solche Seelen werden dann viel zu erdulden und zu bekämpfen haben, bis sie sich Ihm als von Gott erkannt nähern können. Verstehst du das nun?«

GEJ 1.92.19

Matthäus sagt: »Ja, Herr, das verstehe ich nun alles sehr gut, rein und klar. Aber soll ich diese herrliche Lehre nicht sofort aufzeichnen? Sie sollte und müsste die Menschen doch sehr dazu anspornen, Gott unablässig zu suchen und Ihn zu bitten, dass Er sie auf den richtigen Wegen führe und leite.«

GEJ 1.92.20

Ich sage: »Nein, Mein lieber Freund und Bruder. Denn eine solche Lehre würde noch kein Mensch in ihrer rechten und lebendigen Fülle erfassen. Deshalb brauchst du sie auch nicht aufzuzeichnen, es sei denn, du möchtest es später einmal nur für dich und für wenige Brüder tun.

GEJ 1.92.21

Nun aber, da ihr zur Weiterreise nach Kapernaum bereit seid, wollen wir uns auf den Weg machen. Wer mitkommen will, soll uns folgen; wer aber bleiben will, der bleibe. Ich muss dorthin, denn dort und in den kleinen Städten rings um den See — der ein Meer von Galiläa ist — gibt es viel Elend.«

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