Nach diesen Worten drängten sich viele zu Mir, die sich während des Gesprächs mit Simon Petrus auf diesen Platz begeben hatten, und verlangten Zeichen von Mir. Sie sagten: «Wenn Du vor Blinden Zeichen tun kannst, die keine Kenntnisse und keinen Verstand besitzen und deshalb nichts beurteilen können, dann tue sie auch vor uns. Sind die Zeichen echt, wollen auch wir an Dich glauben; sind sie aber blind und schlecht, werden wir wissen, was wir deshalb noch zu tun haben. Denn wir sind in allen Dingen bewandert.»
Ich sagte: «Gut, wenn ihr in allen Dingen bewandert seid, wozu benötigt ihr dann Zeichen? Wenn ihr so weise seid, dass ihr behauptet, gleich Gott in allen Dingen bewandert zu sein, werdet ihr ohnehin erkennen, ob Ich die Wahrheit lehre oder nicht. Wozu also die Zeichen? Im Verlauf von fast zweieinhalb Tagen sind hier bereits viele Zeichen ausserordentlichster Art geschehen, für deren Echtheit Hunderte vollgültiger Zeugen einstehen. Wenn euch diese nicht genügen, werden auch neue Zeichen euren boshaften Herzen nicht genügen. Entfernt euch deshalb freiwillig von hier, wenn ihr nicht mit Gewalt entfernt werden wollt.»
Die so Abgewiesenen schrien: «Wer wird, wer kann und wer darf uns hier mit Gewalt entfernen? Sind nicht wir die Herren dieses Ortes, da wir als Bürger Roms hier wohnen, Handel treiben, wirken und herrschen? Wir können Dich augenblicklich hinausschaffen und vertreiben; aber nicht Du, einfältiger Galiläer, kannst uns nach Belieben von hier fortschaffen. Kraft unserer Vollmacht befehlen wir Dir jetzt sofort, diese Stadt noch vor Mitternacht zu verlassen, denn wir haben Dein Umherstreifen unter uns satt.»
Ich sagte: «O ihr blinden Toren! Wie lange wollt ihr noch in eurer Machtvollkommenheit leben? Es würde Mich nur einen Gedanken kosten, und ihr wäret mitsamt eurer Vollmacht in einem Augenblick Staub. Kehrt deshalb in eure Wohnungen zurück, sonst wird euch der Platz verschlingen, auf dem ihr steht.»
In diesem Augenblick spaltete sich die Erde unmittelbar vor ihren Füssen, und Rauch und Feuer schlugen aus der Spalte empor. Als die Lästerer dies sahen, heulten sie: «Wehe uns, wir sind verloren! Denn wir haben uns an Elias versündigt!» Mit diesem Geheul eilten sie davon, und die Spalte schloss sich. Wir aber begaben uns ruhig in Jorams Haus.
Als wir alle in die Räume des Hauses von Irhael und Joram kamen, war dort alles für das Abendmahl vorbereitet. Ich segnete es, und alle setzten sich an die Tische; insgesamt waren es nun etwa tausend. Alle assen und tranken, lobten den ausgezeichneten Geschmack der Speisen und des Weines und waren froh und heiter. Nur der Oberste, der uns mit seiner genesenen Frau und einigen Unterkommandanten aus dem zuvor erwähnten Ort hierher begleitet hatte, war düster und ass und trank wenig. Jonael sass neben ihm und fragte ihn nach dem Grund seiner düsteren Stimmung.
Der Oberste seufzte tief und sagte: «Edler, weiser Freund! Wie kann man heiter sein, wenn man nahezu die ganze Menschheit sogar für den untersten Tartarus, falls es einen gäbe, tausendmal zu schlecht findet? Wenn zwei ausgehungerte Wölfe einen Knochen finden und wegen seines hungerstillenden Besitzes in einen wütenden Kampf geraten, ist das verständlich. Erstens sind es Wölfe, Tiere ohne Vernunft und von der Natur belebte Maschinen, die vom bedrängenden Bedürfnis ihrer Natur getrieben werden, sich zu sättigen. Zweitens sind sie deshalb an sich völlig unzurechnungsfähig, wie ein angeschwollener Bach, der mit seiner grossen und schweren Wassermasse alles in seiner Nähe verwüstet. Hier aber handelt es sich um Menschen. Sie behaupten von sich, jeder Grad von Bildung und Weisheit sei ihnen gewissermassen eigen, sind in ihren Herzen jedoch schlimmer als alle Wölfe, Tiger, Hyänen, Löwen und Bären. Für sich verlangen sie jede erdenkliche Rücksichtnahme, während sie ihren Mitmenschen gegenüber nicht die geringste beobachten wollen. Sage, Freund, sind das auch Menschen? Verdienen sie irgendein Erbarmen? Nein, sage ich, tausendmal nein! Warte nur, du ungeschlachtes Volk! Ich werde dir ein Licht anzünden, über dem dir Hören und Sehen für immer vergehen sollen.»
Jonael sagte: «Was willst du tun? Wenn du sie ausnahmslos über die Klinge springen lässt, wirst du dir anderswo Feinde schaffen. Diese werden dich in Rom verraten; du kannst dort in Verruf geraten, und am Ende wirst du deswegen irgendwohin ins Land der Skythen verbannt. Überlasse daher die Rache allein dem Herrn und sei versichert, dass Er für dieses Volk das haargenau richtige Mass wählen wird.
Lies die Geschichte meines Volkes; sie wird dir bis ins Kleinste zeigen, wie der Herr dem Volk zu allen Zeiten jede begangene Sünde äusserst streng und oft beinahe unerbittlich vergolten hat. Ich sage dir: Der Herr des Himmels und der Erde ist noch immer unverändert derselbe, der Er von Ewigkeit her war. Er ist langmütig, voller grösster Geduld und lässt das Volk niemals ganz ohne Lehrer und Zeichen von oben. Wehe aber dem Volk, wenn die Geduld des Herrn einmal zu kurz wird! Wenn Er die grosse Zuchtrute schwingt, gibt Er nicht eher nach, bis alle Glieder des Volkes zerschlagen und seine Knochen so mürbe wie ein leichter, dünner Brei geworden sind.
Was du hier mit grosser und gefährlicher Mühe tun würdest, kann der Herr mit dem schwächsten Gedanken vollbringen. Solange der Herr Selbst solche Menschen ertragen will, wollen auch wir unsere Hände nicht an sie legen.
Du hast doch gesehen, wie leicht es dem Herrn fiel, die Erde vor den Frevlern aufbrechen und Rauch und Feuer aus der gähnenden Kluft emporsteigen zu lassen. Ebenso leicht wäre es Ihm gewesen, diese Lästerer in Staub und Asche zu verwandeln. Es genügte Ihm jedoch, sie nur zu erschrecken und in die Flucht zu treiben.
Wenn so etwas dem Herrn genügt, soll es auch uns genügen. Denn Er allein weiss stets das richtige Mass zu treffen. Wenn der Herr unter uns sichtbar guter Dinge ist und zeigt, dass Er doch einige Freude an uns wenigen hat, warum sollten wir dann düster und traurig sein? Sei froh und heiter, freue dich der Gnade Gottes und überlasse alles andere ganz Ihm.»