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GEJ 1.70

Quelle: Jakob Lorber

Kapitel 70 von 161

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GEJ 1.70.1

Ein Beispiel soll dir diese Sache noch deutlicher machen.

GEJ 1.70.2

Sieh, unter deinen Untergebenen gibt es einige, die sich gegen deine Gesetze versündigt haben und dafür bestraft werden sollen. Du führst mit ihnen die vorgeschriebenen Untersuchungen durch und versuchst, ihnen durch allerlei schlaue Fragen ein Geständnis zu entlocken. Doch sie leugnen dir aus ihrem Kopf heraus ebenso gewandt alles ab, wie du sie aus deinem Kopf heraus listig und klug befragst. Auf diese Weise verschafft eine Lüge der anderen stets Raum. Du erreichst mit ihnen schliesslich nur, dass du sie ohne ihr Geständnis allein aufgrund der Aussagen oft feindlich gesinnter Zeugen, in denen ebenfalls keine Wahrheit ist, zur Strafe verurteilen musst. Dabei kannst du stets annehmen, dass von zehn kaum einer ein gerechtes Urteil erhielt und der Unschuldige dasselbe Los wie der Schuldige erleidet.

GEJ 1.70.3

Tritt deinen armen Brüdern, die sich gegen dich versündigt haben, einmal nicht als Richter, sondern als ein Mensch voller Liebe gegenüber. Erwecke in ihrem Herzen Gegenliebe, und diese Sünder werden dir mit Reue und vielen Tränen treu und wahr bekennen, wie, wann und wodurch sie sich gegen dich versündigt haben. Dann soll aber auch die Strafe entfallen. Denn jede Strafe ist selbst keine Wahrheit, sondern ihr Gegenteil, weil sie nicht aus der Liebe, sondern aus dem Zorn des Gesetzes und seines Gebers hervorgeht. Der Zorn ist selbst ein Gericht; im Gericht aber ist keine Liebe. Wo die Liebe fehlt, dort ist auch die Wahrheit nicht.

GEJ 1.70.4

Halte dich deshalb an die reine Liebe und handle in ihrer Wahrheit und Kraft. Dann wirst du überall die Wahrheit finden und sehr deutlich erkennen, dass es tatsächlich eine allgemeine Wahrheit gibt, die nicht nur diese Erde, sondern die ganze Unendlichkeit durchdringt.

GEJ 1.70.5

Wenn du unter den Menschen so handeln würdest, würdest du Mir moralisch vollkommen gültig nachfolgen und dir durch diese Nachfolge das ewige Leben erkämpfen. Bleibst du jedoch so, wie du jetzt bist, dann wird dir jenseits des Grabes nichts als Nacht und ein leeres, trügerisches Dasein bleiben, das den Tod des Geistes der Liebe und Wahrheit bedeutet.

GEJ 1.70.6

Denn sieh, dieses Erdenleben dauert nur sehr kurz; danach kommt die endlose Ewigkeit. Wie du fallen wirst, so wirst du auch liegen bleiben, wenn die echte Wahrheit in dir nicht lebendig geworden ist.

GEJ 1.70.7

Nun weisst du alles, was du vorläufig wissen musst. Willst du aber mehr erfahren, dann geh gelegentlich zum Oberpriester Jonael nach Sichar. Er wird dir alles mitteilen, was er von Mir gelernt, gesehen und erfahren hat. Handle danach, und du wirst selig werden.»

GEJ 1.70.8

Der Oberste, ganz von der Wahrheit Meiner Rede durchdrungen, sagte: «Freund, aus Deiner Rede habe ich erkannt, dass Du einer der Weisesten unter den Weisen dieser Erde bist. Deshalb werde ich alles tun, was Du mir geraten hast. Jetzt möchte ich aber von Dir selbst erfahren, wer Du eigentlich bist. Abgesehen davon, dass mir Deine begleitenden Jünglinge eine vollständige und überaus schmachvolle Niederlage bereitet haben, die ich mir nur dadurch erklären kann, dass ich diese Jünglinge notwendigerweise für Götter oder Genien aus den Himmeln halte, die mich auf wunderbare Weise in die Flucht schlagen konnten, erkenne ich allein an Deiner übergrossen Weisheit, dass Du offenbar mehr als nur ein ganz einfacher Mensch sein musst. Gewiss hast Du schon vielen Deiner Jünger gesagt und gezeigt, wer Du bist. Du siehst aber, dass es mir vollkommen ernst damit ist, wenigstens im Geist Dein Jünger zu werden. Sage deshalb auch mir, was ich von Dir halten soll. Wer und was bist Du, woher kommst Du im tiefsten Grunde?»

GEJ 1.70.9

Ich sagte: «Erstens habe Ich es dir im tiefsten Grunde bereits so erklärt, dass du es leicht begreifen könntest, wenn du gründlich darüber nachdenken würdest. Zweitens habe Ich dich deshalb gerade an Jonael verwiesen. Wenn du zu ihm kommst, wirst du alles erfahren, was dir jetzt noch fehlt. Halte uns nun aber nicht länger auf, denn der Tag beginnt sich seinem Ende zu nähern, und Ich muss heute noch manches vollbringen.»

GEJ 1.70.10

Der Oberste sagte: «Dann erlaube mir, Dich bis zur Stadt zu begleiten.»

GEJ 1.70.11

Ich sagte: «Der Weg steht dir frei. Wenn du Mich in guter Absicht begleiten willst, dann tu es. Ist in dir aber noch irgendein verborgener höllischer Beweggrund vorhanden, dann bleib zu Hause; denn eine solche Begleitung würde dir keineswegs zum Segen gereichen. Meine Macht hast du bereits erprobt.»

GEJ 1.70.12

Der Oberste sagte: «Das sei fern von mir, obwohl ich in diesen kritischen Zeiten Grund dazu hätte. Denn die Zeit der Mythen rückt immer näher, in der die Juden von ihrem Gott einen mächtigen Befreier aus der römischen Herrschaft erwarten. Man hört inzwischen hier und da von jüdischer Seite das heimliche Gerücht, ein solcher Befreier befinde sich bereits auf der Erde. Deshalb könnte ich mir sehr leicht vorstellen, dass gerade Du dieser Befreier bist; ja, heimlich habe ich es schon gedacht. Doch wie es sich damit auch verhalten mag: Ich erkenne Dich als einen der Weisesten unter den Weisen und liebe Dich deshalb als einen wahren Menschenfreund. Meine Gedanken sollen mich daher keineswegs daran hindern, Dir um der Wahrheit willen persönlich bis Sichar und geistig mein ganzes Leben lang zu folgen, obwohl ich wohl weiss, dass ich mir als Römer damit keinen Triumphbogen errichten werde. Nun habe ich mich Dir völlig offenbart und frage Dich noch einmal, ob ich Dich begleiten darf. Sagst Du ja, werde ich Dich begleiten; sagst Du nein, bleibe ich hier.»

GEJ 1.70.13

Ich sagte: «Nun denn, begleite Mich mit all denen, die hier an deiner Seite stehen, damit dir gültige Zeugen zur Seite stehen.»

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