Als er das erste Stockwerk erreichte, sah er sofort den erwähnten Schlossflügel. Voller Entzücken lief er durch die offene grosse Tür, betrachtete den grossen Saal und brach vor Verwunderung zusammen. Mehrere der weiss gekleideten jungen Männer traten sofort zu ihm, halfen ihm auf und stärkten ihn. Nachdem er sich etwas erholt hatte, kam er wieder zu Mir und fragte mit einer vor höchstem Erstaunen zitternden Stimme: «O Herr, bitte sage mir ganz bestimmt: Bin ich wirklich wach, oder schlafe ich etwa und träume ganz fest?»
Ich sagte: «So wie du jetzt fragst, scheinst du noch stärker zu träumen als wach zu sein. Dennoch bist du wach, und was du siehst, ist feste Wirklichkeit. Du selbst erzähltest Mir draussen im Hain, du hättest gehört, dass Ich das alte Haus Josefs, das gegenwärtig von Irhael bewohnt wird und ihr als Eigentum gehört, in kürzester Zeit vollständig neu hergestellt habe. Wenn Ich also das Haus Josefs wieder aufrichten konnte, werde Ich doch auch imstande sein, die alte Festung Esaus zu erneuern.»
Der Kaufmann sagte: «Ja, nun ist es sichtbar und wahr. Dennoch ist es unglaublich, dass ein Mensch solche Dinge vollbringen kann. Höre, Herr: Wenn Du kein Prophet wie Elia bist, musst Du entweder ein Erzengel in menschlicher Gestalt oder am Ende sogar Jehova selbst sein. Denn solche Dinge sind allein Gott möglich.»
Ich sagte: «Ja, wenn du kein Zeichen gesehen hättest, hättest du Mir auch nicht geglaubt. Nun glaubst du zwar, doch in einem solchen Glauben ist dein Geist nicht frei. Damit du in deinem Herzen dennoch freier wirst, sage Ich dir: Nicht Ich, sondern diese vielen jungen Männer haben es vollbracht. Sie besitzen eine solche Macht von Gott, dem Vater. Du kannst sie fragen, wie sie das getan haben.»
Der Kaufmann sagte: «Richtig. Schon draussen fragte ich Jonael, wer diese wunderbar herrlichen jungen Wesen seien und woher sie kämen. Ich erhielt jedoch keine Antwort, sondern wurde einfach an Dich verwiesen. Als ich zu Dir kam, vergass ich es auf sonderbare Weise völlig. Meine Frage richtete sich dann nur auf Dich, und unser Gespräch nahm eine ganz andere Wendung. Erst jetzt erinnere ich mich wieder daran und möchte von Dir eine klare Auskunft erhalten, wer und was diese überaus anmutigen jungen Männer eigentlich sind und woher sie kommen.»
Ich sagte: «Um dich nicht lange warten zu lassen: Es sind Engel Gottes, wenn du das annehmen willst. Willst du es nicht annehmen, dann halte sie für das, was du möchtest — nur nicht für Teufel oder Diener des Teufels.»
Der Kaufmann sagte: «O Herr, wohin ist es mit mir gekommen? Vorhin fragte ich Dich, ob ich wach sei oder ob ich schlafe und träume. Nun frage ich Dich aber, ob ich überhaupt noch lebe. Denn solche Dinge können sich auf der wirklichen Erde doch nicht ereignen.»
Ich sagte: «O ja, du lebst sehr wohl auf der Erde. Ich habe dir deine innere Sehkraft erschlossen, sodass du nun auch die Geister der Himmel sehen kannst. Frage jetzt aber nicht weiter, denn es ist Zeit für das Mittagsmahl. Alles ist vorbereitet; deshalb gehen wir nun zu den Tischen.»
Der Kaufmann sagte: «Ja, genau so. Doch vor lauter Staunen werde ich kaum etwas essen können, denn hier ist alles ein Wunder über dem anderen. Heute Morgen hätte ich so etwas niemals ahnen können. Diese Sache kam viel zu schnell und unerwartet. Es sind kaum drei Stunden vergangen, seit ihr von Sichar her in meinen Hain eingedrungen seid, und was ist in dieser kurzen Zeit nicht alles geschehen! Das Unglaublichste — und doch ist es wirklich da. Wer ausser den Zeugen des Geschehens wird es glauben, selbst wenn tausend Zeugnisse dafür sprechen? Herr, Du grosser Meister, von Gott selbst gelehrt und geführt: Ich glaube es, weil ich es mit eigenen Augen sehe. Doch wenn ihr es Tausenden erzählt, werden sie es euch nicht nur nicht glauben, sondern sich darüber ärgern und den Erzähler einen unverschämten Lügner nennen. Erzählt es deshalb nirgends weiter, denn diese Sache ist zu gewaltig wunderbar. Wer hatte je eine Herrlichkeit wie die dieses Saales gesehen? Die Wände scheinen aus reinen Edelsteinen zu bestehen, die Decke aus Gold und der Fussboden aus Silber. Die vielen Tische sind aus Jaspis, Hyazinth und Smaragd, die Gestelle aus Gold und Silber, die Trinkgefässe aus reinstem Diamant und die Speiseschüsseln aus feinstem, feurigstem Rubin. Die Bänke und Tische bestehen ebenfalls aus edlen Metallen, die Polsterung aus hochroter Seide, und der Duft der Speisen und Getränke scheint aus den Himmeln zu kommen. Und das alles in — sage und schreibe — drei Stunden! Nein, das ist unglaublich über alle Begriffe.
Herr, entweder musst Du Gott selbst sein, oder Du bist zumindest ganz unfehlbar Gottes Sohn.»
Ich sagte: «Ganz gut. Aber jetzt gehen wir zum Mahl. Nach dem Essen sollst du noch manches erfahren; vorher sage Ich nichts mehr. Sieh nur die vielen Menschen an, die bereits Hunger und Durst haben, weil es heute sehr warm ist. Deshalb sollen sie zuerst erquickt und vollständig gestärkt werden; danach wird sich alles andere Geistige ebenfalls ergeben.»