Wie schon früher erwähnt, befanden wir uns nicht ganz oben auf dem Gipfel des Berges, sondern weiter unten an den ersten Anstiegen. Dort war der Platz grösser und bequemer, was nötig war, weil Mir viel Volk aus der Stadt gefolgt war und sich darunter viele alte und schon sehr schwache Menschen befanden, die bei der grossen Hitze des Tages die Bergspitze kaum erreicht hätten. Trotzdem waren wir ziemlich weit oben, und der Zug bewegte sich etwas langsam, weil manche Menschen mit schwachen Augen den Weg in der Dämmerung nicht gut erkennen konnten.
Als wir so mit vorsichtigen Schritten ganz vom Berg in die Ebene hinabgekommen waren, lag am Weg ein Mensch mit schwerem Aussatz. Er richtete sich sofort auf, ging zu Mir und sagte mit klagender Stimme: «O Herr, wenn Du wolltest, könntest Du mich gewiss rein machen!» Ich streckte sogleich Meine Hand über ihn aus und sagte: «Ich will es; sei rein!» Im selben Augenblick war der Kranke von seinem Aussatz gereinigt; alle Geschwülste, Krusten und Schuppen verschwanden plötzlich. Es war ein besonders schwerer Aussatz, den kein Arzt heilen konnte. Darum staunte das ganze Volk ausserordentlich über das, was es sah: wie dieser Mensch so plötzlich von seinem Aussatz rein geworden war.
Der Gereinigte wollte Mich nun sehr laut zu rühmen beginnen. Ich aber verwarnte ihn und sagte: «Ich sage dir, dass du vorläufig niemandem davon erzählst, ausser allein dem Oberpriester. Geh zu ihm; er kommt hinter uns zusammen mit Meinen Jüngern. Wenn er erkannt hat, dass du gereinigt bist, dann geh in dein Haus, nimm dort die Gabe, die Mose angeordnet hat, und opfere sie auf dem Altar.»
Der Gereinigte tat sofort, was Ich ihm befohlen hatte. Auch der Oberpriester wunderte sich über alle Massen und sagte: «Wenn mir ein Arzt gesagt hätte: Sieh, diesen Menschen werde ich gesund machen, dann hätte ich ausgiebig gelacht und gesagt: Du Narr, geh an den Euphrat und versuche, ihn auszuschöpfen! Wenn du einen Eimer daraus schöpfst, wird er hunderttausend andere an dessen Stelle senden. Trotzdem wird es dir leichter fallen, den Euphrat trockenzulegen, als diesen Menschen gesund zu machen, dessen Fleisch schon beinahe völlig in Verwesung übergegangen ist. Und diesem Menschen, den wir nun als Messias anerkannt haben, gelang es durch ein einziges Wort! Wahrlich, das genügt uns. Er ist vollkommen Christus. Wir brauchen keine weiteren Zeugnisse mehr.
Wahrlich, wer mich heute um einen Rock bittet, dem gebe ich sofort nicht nur den Mantel, sondern meinen ganzen Kleiderbestand dazu. Wahrlich, um diesen Preis gebe ich nun alles bis aufs Hemd her und erkenne, dass Seine Lehre rein göttlich ist. Ja, Er selbst ist nun als Jehova leibhaftig bei uns. Was wollen wir noch mehr? Die ganze Nacht hindurch will ich als Herold auftreten und Seine Gegenwart in allen Strassen und Gassen verkünden!»
Nach diesen Worten lief er in der Nähe des Brunnens zu Mir, fiel vor Mir nieder und sagte: «Herr, bleib nur einen Augenblick stehen, damit ich Dich anbeten kann. Denn Du bist nicht nur Christus, ein Sohn Gottes, sondern Du bist als Gott selbst, in Fleisch verhüllt, bei uns!»
Ich sagte: «Freund, lass das alles gut sein. Ich habe euch gezeigt, wie ihr beten sollt; betet also im Stillen, und das genügt. Tut heute nicht zu viel und deshalb morgen womöglich zu wenig. In allem ist stets das rechte Mass zu beachten. Wenn du zum Rock noch den Mantel hinzugibst, genügt das, um dir den Armen für immer zum vollkommenen Freund zu machen. Wenn du ihm aber, obwohl er nur einen Rock von dir verlangt, deinen ganzen Kleiderbestand hinzugibst, wird er verlegen werden und bei sich denken, du wolltest ihn damit entweder beschämen oder seist selbst nicht bei Sinnen. Sieh, dann würde dadurch nichts Gutes geschehen.
Wenn dich aber jemand um einen Silberling bittet und du ihm zwei oder sogar drei gibst, wirst du das Herz des Bittenden erfreuen und dein eigenes selig machen. Wenn du dagegen dem, der zu dir kam, um einen Silberling zu leihen, gleich tausend gäbest, würde er erschrecken und bei sich denken: «Was soll das bedeuten? Ich bat ihn nur um einen Silberling, und er will mir seinen ganzen Besitz geben! Hält er mich für unersättlich, will er mich beschämen oder ist er gar verrückt geworden?» Sieh, ein solcher Mensch wäre dadurch weder ein Gewinn für dein Herz, noch wäre dieses Verhalten ein Gewinn für sein Herz. Darum genügt in allem nur ein rechtes, volles Mass.
Mit dieser Belehrung war auch der Oberpriester völlig zufrieden und sagte zu sich selbst: «Ja, ja, Er hat in allen Dingen recht. Genauso zu handeln, wie Er es gesagt hat, ist vollkommen richtig; was darunter oder darüber liegt, ist entweder schlecht oder töricht. Denn wenn ich heute alles hergäbe und morgen vielleicht ein noch Bedürftigerer vor meine Tür käme, was könnte ich ihm dann geben? Wie hart und schwer würde es mir ums Herz werden, denn ich könnte dem noch Ärmeren keine Hilfe mehr leisten.
Der Herr hat in allen Dingen vollkommen recht und weiss überall das beste Mass anzuordnen. Ihm allein gebühren daher alle Ehre, aller Preis und Ruhm und die vollkommenste Anbetung aus allen Herzen.»