Als die Predigt zu Ende war, erschraken viele, besonders die Priester. Einige von ihnen sagten: «Wer kann da selig werden? Wir Schriftgelehrten predigen doch ebenfalls richtig und gerecht, wie einst Mose vom Berg herab dem Volk die Gesetze verkündete. Aber all das ist Tau und ein sanfter Abendhauch im Vergleich zu dieser strengen Lehre und überaus gewaltigen Predigt. Gegen eine solche Lehre lässt sich freilich kaum etwas Stichhaltiges einwenden; aber sie ist einfach zu scharf, und nur schwer wird ein Mensch imstande sein, sie bei sich in die Tat umzusetzen.
Wer kann seinen Feind lieben? Wer kann dem Gutes tun, der ihm Böses tut? Und wer kann jene segnen, die ihn hassen und nur Übles über ihn reden? Wenn jemand etwas von mir borgen will, soll ich mich nicht von ihm abwenden und mein Ohr und Herz nicht vor seiner Bitte verschliessen, auch wenn ich klar erkenne, dass der Schuldner mir das Geliehene niemals zurückzahlen kann. Das ist doch eine törichte Sache! Wenn die Trägen und Arbeitsscheuen davon erfahren, werden sie dann nicht sogleich zu den Wohlhabenden kommen und so lange von ihnen borgen, wie diese noch etwas besitzen? Wenn die Wohlhabenden auf diese Weise — und leichter geht es nicht — alles an Arme verliehen haben, die das Geborgte nie zurückzahlen können, und am Ende selbst nichts mehr besitzen, dann fragt sich, wer künftig noch arbeiten und von wem die Armen noch etwas leihen werden.
Es ist völlig klar, dass die Welt bei der Befolgung einer solchen Lehre, die der ganzen Natur der menschlichen Einrichtungen entgegensteht, in kurzer Zeit zu einer vollkommenen Wüste werden müsste. Wenn die Welt aber eine Wüste ist, woher sollen die Menschen dann irgendeine Bildung erhalten, wenn alle Bildungsanstalten zwangsläufig zugrunde gehen müssen, weil niemand mehr über das Vermögen verfügt, sie zu gründen und zu unterhalten?
Mit dieser Lehre geht es daher auf keinen Fall. Schlechte Menschen und die Feinde guter Menschen und ihrer guten Sache müssen bestraft werden. Wer mir eine Ohrfeige gibt, muss mindestens zwei genau bemessene Ohrfeigen zurückerhalten, damit ihm künftig die Lust vergeht, mich nochmals zu schlagen. Der leichtfertige Schuldner soll in einen Arbeitsturm gesperrt werden, damit er arbeiten lernt und sich künftig als arbeitsamer Mensch sein Brot durch den Fleiss seiner Hände verdient. Wer völlig arm ist, soll dagegen um ein Almosen bitten, und es wird ihm nicht verweigert werden. Das ist ein altes, aber gutes Gesetz, unter dem eine menschliche Gesellschaft bestehen kann. Doch diese Gesetze, die dieser angebliche Christus nun gegeben hat, sind für das menschliche Leben zu unpraktisch und können daher unmöglich angenommen werden.
Von allem anderen will ich gar nicht reden, so unsinnig es auch klang. Aber da ist die gebotene Selbstverstümmelung, wenn die eigenen Glieder einen zum Ärgernis verleiten könnten, und dazu der offensichtlich angeordnete Müssiggang: Niemand solle sich um etwas sorgen, sondern unablässig nur das Reich Gottes suchen; alles andere werde ihm von oben gegeben. Lassen wir es nur auf eine kurze Probe von einigen Monaten ankommen. Die Menschen sollen während dieser Zeit nichts anrühren und nicht arbeiten; dann wird sich zeigen, ob ihnen gebratene Fische in den Mund schwimmen.
Und wie unsinnig ist schliesslich die angeordnete Selbstverstümmelung, wenn die Glieder einen zum Ärgernis verleiten! Nehmen wir an, jemand haut sich mit einer scharfen Axt in seiner rechten Hand die linke ab und wirft sie weg. Was wird er aber tun, wenn ihn danach seine rechte Hand zum Ärgernis verleitet? Wie wird er sie dann abhauen, wie seine Augen ausreissen und am Ende ohne Hände die Füsse abhauen, die ihn möglicherweise noch zum Ärgernis verleiten? Ach, geht mir fort mit einer solchen Lehre! Sie wäre für ein Krokodil zu schlecht, geschweige denn für den Menschen. Man braucht nur ein wenig über die Folgen nachzudenken, und ihr müsst mit Händen greifen, dass eine solche Lehre nichts anderes als eine Folge altjüdischen Fanatismus sein kann.
Und selbst wenn alle Engel aus den Himmeln kämen und die Menschen solche Wege zur Erlangung des ewigen Lebens und solche Mittel zur Gewinnung des Himmels lehrten, dann sollten solche törichten Lehrer aus der Welt hinausgeprügelt werden und ihren törichten Himmel selbst fressen. Und erst diese Inkonsequenz! «Zahn um Zahn» und «Auge um Auge» findet Er ungerecht und grausam, predigt grösste Sanftmut und Duldsamkeit und öffnet sogar allen Dieben das Tor, indem Er sagt: «Wer von dir einen Rock verlangt, dem gib auch noch den Mantel dazu.» Eine schöne Lehre! Dafür aber sollen die Menschen sich selbst die Augen ausreissen und Hände und Füsse abhauen. Sehr wohl, Ihr ganz gehorsamer Diener! Wer von euch hat jemals einen grösseren Unsinn gehört?»
Hier trat der Priester näher zu Mir und sagte: «Meister, Deine Taten bezeugen, dass Du mehr vermagst als ein gewöhnlicher Mensch. Wenn Du jedoch richtig zu denken vermagst — woran ich nicht zweifle, weil ich Dich im Haus Irhaels sehr weise reden hörte —, dann widerrufe gewisse höchst unpraktische Lehrsätze dieser Deiner Predigt. Sonst sind wir trotz all Deiner übrigen, eines Messias würdigen Taten gezwungen, Dich offenkundig für einen fanatisch ausgebildeten Magier aus irgendeiner altägyptischen Schule zu halten und Dich als einen völligen Messiasfrevler von uns fortzuweisen.
Betrachte Deine gewaltige Lehre nur selbst ein wenig genauer, und Du musst erkennen, dass sie zur Erlangung des ewigen Lebens völlig unbrauchbar ist und von niemandem jemals befolgt werden kann. Denn wenn sich jemand den Himmel auf diese Weise verdienen soll, wird er wohl auf den Himmel verzichten. Es wäre ja besser, nie geboren zu werden, als sich auf diese Weise einen Himmel zu verdienen, in den man nur als Verstümmelter eingehen kann. Sage mir nun ganz aufrichtig, ob Du das einsiehst oder ob es Dir mit Deiner Lehre wirklich ernst ist.»
Ich sagte: «Du bist doch ein Oberpriester und bist blinder als ein Maulwurf unter der Erde. Was anderes lässt sich von dir denken und erwarten? Ich gab euch hier Bilder, und ihr verschlingt bloss ihre Materie, die euch zu ersticken droht. Von dem Geist aber, den Ich in diese Bilder gelegt habe, scheint ihr keine Ahnung zu haben.
Glaube Mir: So weise, wie ihr euch vorkommt, sind auch wir. Wir wissen sehr wohl, ob ein Mensch sich verstümmeln kann und soll, um das ewige Leben zu erlangen. Wir wissen aber auch, dass ihr den Geist dieser Lehre nicht erfasst und noch lange nicht erfassen werdet. Darum werden wir unsere Worte dennoch nicht zurücknehmen. Du hast zwar Ohren, aber sie hören das Rechte nicht; ebenso hast du Augen, die jedoch fortwährend geistig blind sind. So hörst und siehst du trotz offener Ohren und Augen nichts.»