Joh. 4,7–8. Da kommt eine Frau aus Samaria – eigentlich aus der Stadt Sichar; sie stammte nur aus der Hauptstadt dieses Landes, Samaria – zum Brunnen, um Wasser zu schöpfen. Jesus sagt zu ihr: «Frau, gib Mir zu trinken!» Denn Seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Speise zu kaufen.
Während Ich noch immer vergeblich auf ein Gefäss aus dem Dorf wartete, kam wie gerufen eine Samariterin aus Sichar mit einem Krug. Sie wollte für den heissen Tag aus dem sehr frischen Wasser des Jakobsbrunnens einen köstlichen Trunk holen. Anfangs achtete sie gar nicht auf Mich. Erst nachdem sie ihren mit Wasser gefüllten Krug an einem Seil aus dem Brunnen heraufgezogen hatte, sprach Ich sie an und sagte: «Frau, Mich dürstet sehr; gib Mir aus deinem Krug zu trinken!»
Joh. 4,9. Die samaritanische Frau sagt zu Jesus: «Wie kannst Du von mir Wasser zu trinken verlangen, wo Du doch offensichtlich ein Jude bist und ich eine samaritanische Frau? Denn die stolzen Juden haben keine Gemeinschaft mit uns armen Samaritern!»
Die Frau machte grosse Augen, als sie in Mir einen Juden erkannte, und sagte nach einer Weile: «Du gehörst doch auch zu denen, die mir auf dem Weg in die Stadt begegneten und fragten, wo man dort Speise kaufen könne? Das waren stolze Juden. Du bist gewiss ebenfalls ein Jude, wie Deine Kleidung verrät, und ich bin eine samaritanische Frau! Wie kannst Du von mir verlangen, dass ich Dir Wasser zu trinken gebe? Nicht wahr: In der Not wäre euch stolzen Juden selbst eine arme Samaritanerin gut genug, sonst aber habt ihr keine Augen und Ohren für uns! Wenn ich mit diesem Krug Wasser ganz Judäa ertränken könnte, gäbe ich Dir mit grossem Vergnügen daraus zu trinken; andernfalls sähe ich Dich lieber verdursten, als Dir auch nur einen Tropfen daraus zu reichen!»
Joh. 4,10. Jesus antwortete ihr: «Wenn du die Gabe Gottes erkennen würdest und wüsstest, Wer Der ist, Der zu dir sagt: Gib Mir zu trinken, dann würdest du Ihn bitten, und Er gäbe dir lebendiges Wasser zu trinken.»
Ich sagte: «Weil du in deiner Erkenntnis blind bist, redest du so. Wäre deine Erkenntnis sehend und würdest du die Gabe Gottes sowie Den erkennen, Der zu dir spricht und gesagt hat: Frau, gib Mir zu trinken, dann würdest du vor Ihm niederfallen und Ihn um das rechte Wasser bitten. Er würde dir lebendiges Wasser zu trinken geben. Ich sage dir: Wer Mir glaubt, was Ich zu ihm sage, aus dessen Leib werden Ströme desselben lebendigen Wassers fliessen, wie es in Jesaja 44,3 und Joel 3,1 geschrieben steht.»
Joh. 4,11. Die Frau sagt: «Herr, Du hast doch nichts, womit Du schöpfen kannst, und der Brunnen ist tief. Woher solltest Du sonst lebendiges Wasser nehmen?»
Die Frau sagte: «Du scheinst die Schrift gut zu kennen! Aus Deiner Bitte um einen Trunk aus meinem Krug erkenne ich jedoch, dass Du gewiss kein Gefäss hast, mit dem Du Wasser aus diesem Brunnen schöpfen könntest. Mit der Hand kannst Du es ebenfalls nicht erreichen, denn der Brunnen ist tief und niemand kann mit der Hand bis zum Wasser gelangen. Deshalb möchte ich wissen, mit welcher Kunst Du es Dir von anderswo verschaffen könntest. Oder willst Du mir vielleicht verhüllt zu verstehen geben, dass Du etwas mit mir haben möchtest? Jung und anziehend bin ich noch genug, denn ich bin noch keine dreissig Jahre alt. Ein solches Begehren eines Juden nach einer überaus verachteten Samaritanerin wäre jedoch ein allzu grosses Wunder, da euch die Tiere lieber sind als wir samaritanischen Menschen! Dazu würdest Du mich wahrlich niemals bewegen!»
Joh. 4,12. Bist Du denn grösser als unser Vater Jakob, der uns diesen köstlichen Brunnen gegeben hat, aus dem er selbst, seine Kinder und sein Vieh getrunken haben?
«Wer und was bist Du, dass Du es wagst, so mit mir zu reden? Bist Du etwa sogar mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat, aus dem er, seine Kinder und sein Vieh tranken? Was hältst Du von Dir selbst? Sieh, ich bin eine arme Frau; wäre ich reich, müsste ich in dieser Hitze nicht selbst einen erfrischenden Trunk holen. Willst Du als Jude mich noch elender machen, als ich ohnehin schon bin? Schau meine Kleider an, die kaum genügen, meine Blösse zu bedecken; dann wird Dir klar sein, wie arm ich bin. Wie kannst Du von mir verlangen, dass ich als arme, elende Frau Dich sogar darum bitten soll, Dir, einem stolzen Juden, in der Lust dienen zu dürfen? Pfui, wenn das Deine Absicht wäre! Doch Du siehst mir nicht danach aus; deshalb möchte ich dies auch nicht völlig ernst zu Dir gesagt haben. Da Du aber mit mir zu reden begonnen hast, erkläre deutlich, was Du mit Deinem lebendigen Wasser meinst.»
Joh. 4,13. Jesus antwortete ihr: «Wer von diesem Brunnenwasser trinkt, wird mit der Zeit wieder durstig.»
Ich sagte: «Ich habe dir doch gesagt, dass du in deinem Verständnis blind bist; deshalb ist es begreiflich, dass du Mich nicht verstehen kannst und willst. Ich sagte dir auch: Aus dem Innersten dessen, der Meinen Worten glaubt, werden Ströme lebendigen Wassers fliessen. Sieh, Ich bin bereits dreissig Jahre in dieser Welt und habe noch nie eine Frau berührt; wie sollte Ich nun plötzlich dich begehren wollen? O du blinde Törin! Und selbst wenn Ich etwas mit dir hätte, würdest du doch gewiss wieder durstig werden und trinken müssen, um deinen Durst zu löschen. Da Ich dir jedoch lebendiges Wasser anbot, ist klar, dass Ich damit den Durst deines Lebens für immer stillen wollte. Denn Mein Wort, Meine Lehre ist ein solches Wasser.»
Joh. 4,14. Wer aber das Wasser trinkt, das Ich ihm gebe, wird niemals mehr dürsten. Denn das Wasser, das Ich ihm geben werde, wird in ihm zu einer Quelle, deren Wasser ins ewige Leben hinüberquillt.
«Wer das natürliche Wasser aus diesem oder einem anderen Brunnen trinkt, wird nach kurzer Zeit wieder durstig. Das Wasser aber, das Ich jemandem gebe, wird in ihm zu einer Quelle, deren Wasser ins ewige Leben hinüberquillt.
Sieh, du hältst Mich für einen stolzen, hochmütigen Juden. Ich aber bin von ganzer Seele sanftmütig und vollständig von tiefster Demut erfüllt. Mein lebendiges Wasser ist gerade diese Demut selbst. Wer daher nicht so demütig wird, wie Ich Selbst es bin, wird keinen Anteil am Reich Gottes haben, das nun zur Erde herabgekommen ist.
Zugleich ist das dir angebotene Lebenswasser die einzig wahre Erkenntnis Gottes und des ewigen Lebens aus Gott. Es quillt aus Gott, dem Leben allen Lebens, als ewiges Leben in den Menschen hinein und wird dort zu einem unversiegbaren, ewig fortbestehenden Leben. Dieses quillt in das Leben Gottes zurück und bewirkt in Gott ein und dasselbe Leben in vollkommen freier Tätigkeit. Ein solches Wasser biete Ich dir an; wie kannst du Mich so völlig falsch verstehen?»
Joh. 4,15. Die Frau sagt zu Ihm: «Herr, gib mir solches Wasser, damit ich nie mehr durstig werde und nicht mehr hierherkommen muss, um Wasser zu schöpfen, was mir sehr beschwerlich ist.»
Die Frau sagte: «Dann gib mir solches Wasser, damit ich nie mehr durstig werde und nicht mehr diesen beschwerlichen Weg hierherkommen muss, um Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen. Denn ich wohne am anderen Ende der Stadt und habe deshalb einen sehr weiten Weg bis hierher.»
Joh. 4,16. Jesus sagt zu ihr: «Geh, rufe deinen Mann und komm mit ihm hierher!»
Ich sagte: «O Frau, du bist überaus töricht! Mit dir kann man nicht reden, weil du von geistigen Dingen keine Ahnung hast. Geh nun in die Stadt, rufe deinen Mann und komm mit ihm hierher zurück. Mit ihm will Ich reden; er wird Mich gewiss besser verstehen als du. Oder ist dein Mann ebenso beschaffen wie du, sodass auch er den natürlichen Durst seines Leibes mit dem geistigen Wasser der Demut stillen möchte?»