Nikodemus sagte: «Nun ist mir bis auf eines alles klar, doch dieses Eine fehlt noch immer. Dieses Eine ist der ausserordentliche Menschensohn Selbst, ohne Den Dein weisestes Gespräch mit all seinen herrlichen Erläuterungen natürlich ins bodenlose Nichts fällt. Was nützt mir der Glaube oder der beste und festeste Wille, an den Menschensohn zu glauben, wenn Er Selbst nicht da ist? Aus der Luft oder aus einer blossen Idee kann man keinen Menschensohn erschaffen. Sage mir daher, wo ich diesen ewigen Gottessohn finde, und sei versichert, dass ich Ihm mit dem vollsten Glauben entgegenkommen werde.»
Ich sage: «Wenn Ich das nicht in dir gesehen hätte, hättest du von Mir keine solche Lehre erhalten. Doch du kamst nachts und nicht am Tag zu Mir, obwohl du viel von Meinen Taten gehört und gesehen hast. Weil du sowohl in der natürlichen Nachtzeit als auch in der ihr entsprechenden Nacht deiner Seele zu Mir kamst, ist es sehr verständlich, dass du über den Menschensohn noch nicht im Klaren bist.
Ich sage dir: Wenn jemand den Menschensohn in der zeitlichen Nacht sucht, weil er sich am Tag vor allen Menschen scheut, so etwas zu tun, damit er bei ihnen nicht in Verruf gerät, wird er das Gesuchte kaum finden. Denn als Weisester der Juden wirst du wissen, dass die Nacht, welcher Art sie auch sei, zum Suchen und Finden am wenigsten geeignet ist. Wer daher den Menschensohn sucht, muss Ihn am Tag und nicht in der Nacht suchen; dann wird Er sich finden lassen.
Nur dies sage Ich dir: Geh zu Johannes, der jetzt wegen des Wassers noch in Enon nahe Salim tauft. Er wird dir sagen, ob der eingeborene Sohn Gottes schon da ist oder nicht. Dort sollst du Ihn kennenlernen.»
Nikodemus sagte: «Ach, lieber Meister, das wird schwierig. Denn ich habe täglich alle Hände voll zu tun und kann mich davon nicht leicht freimachen. Bedenke: In der Stadt und ihrer nächsten Umgebung leben einschliesslich der Fremden über achthunderttausend Menschen, für die ich als ihr Oberster viel zu sorgen habe. Dazu warten täglich Tempelgeschäfte auf mich, die ich niemals beiseiteschieben kann. Wenn mir die Gnade also nicht hier in Jerusalem zuteilwird, werde ich leider ganz darauf verzichten müssen. Für diese Unternehmung bräuchte ich mindestens drei volle Tage, und das wäre für meine Geschäfte so viel wie für jemand anderen drei Jahre.
Du musst mich deshalb entschuldigen, dass ich deinem Rat nicht folgen kann. Wenn Du aber mit Deinen Jüngern nach Jerusalem kommst, dann komm zu mir; ich werde euch eine gute Unterkunft geben. In mir sollen Du und alle, die bei Dir sind, stets einen aufrichtigen Freund und Gönner finden. Mein Haus ist gross genug, zehntausend Menschen zu beherbergen, und steht am Davidsplatz innerhalb des Salomontores, das auch Goldenes Tor genannt wird. Wann immer Du kommen willst, soll es ganz zu Deiner Verfügung stehen. Alles, was in meiner Macht liegt, soll bereit sein, Dir zu dienen. Wenn Du etwas brauchst, bitte darum, und ich werde es Dir zur Verfügung stellen.
Denn sieh, in mir hat sich eine grosse Veränderung vollzogen. Ich liebe Dich, lieber Meister, mehr als alles, was mir je teuer war. Diese Liebe sagt mir gewissermassen: Du Selbst seist Derjenige, um Dessentwillen Du mich vorhin zu Johannes nach Enon geschickt hast. Vielleicht ist es nicht so, wie ich es in mir fühle; doch wie es auch sei, ich liebe Dich von ganzem Herzen, weil ich in Dir einen grossen Meister wahrhaft göttlicher Weisheit erkenne. Deine Taten, die vor Dir wohl niemand vollbracht hat, erfüllten mich zwar mit tiefstem Erstaunen; doch Deine grosse Weisheit hat mein Herz noch mehr für Dich gewonnen, lieber Meister. Ich liebe Dich! Sage mir: Legt mein Herz ein richtiges Zeugnis über Dich ab?»
Ich sage: «Gedulde dich noch eine kurze Zeit, dann wird dir alles klar werden. Bald werde Ich wieder zu dir kommen und dein Gast sein; dann sollst du alles erfahren.
Folge aber dem Zug deines Herzens; er wird dir in einem Augenblick mehr sagen als alle fünf Bücher des Mose und alle Propheten. Denn sieh: Nichts im Menschen ist wahr ausser der Liebe allein. Halte dich an sie, und du wirst am Tag wandeln. Nun aber zu etwas anderem.
Ich werde Mich nun in das jüdische Land begeben und dort das Reich Gottes verkünden. Du aber bist über dieses Land gesetzt. Gib Mir nicht Meinetwegen, sondern wegen Meiner Jünger einen Sicherheitsschein, wie er nach römischem Gesetz unter den Juden üblich ist, damit sie an den Zoll- und Mautstellen keine Schwierigkeiten haben. Die Kinder sind zwar frei, müssen aber als solche beglaubigt sein. Es wäre Mir leicht möglich, überall mit Legionen frei und unbeanstandet durchzukommen; doch Ich will niemandem Anstoss geben und füge Mich daher dem Gesetz Roms. Sei deshalb so freundlich und verschaffe Mir einen Sicherheitsschein.»
Nikodemus sagte: «Du sollst ihn sofort haben, lieber Meister. Ich werde ihn selbst schreiben und Dir innerhalb einer Stunde bringen, denn von hier ist es gar nicht weit zu meinem Haus.»
Nikodemus eilte nun nach Hause und brachte den verlangten Sicherheitsschein schon nach einer halben Stunde. Als wir das Schriftstück auf einem Stück Pergament in Händen hielten, segnete Ich den rechtschaffenen Nikodemus im Herzen. Mit Tränen in den Augen verabschiedete er sich und bat Mich nochmals, bei Meiner Rückkehr nach Jerusalem sein Haus zu benutzen, was Ich ihm zusagte. Ich empfahl ihm jedoch, den Tempel rein zu halten, was er Mir versprach. So trennten wir uns am Morgen.