Dokument eines Zeitzeugen Jesu Christi

Samuel Surazal Neue Offenbarungen aus dem Gottesgeist

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Autor / Quelle
Samuel Surazal
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1. Auflage Mai 2024 ▪ Samuel E. Surazal
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Deutsch
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Deutsche Originalausgabe

1. Auflage Mai 2024 ▪ Samuel E. Surazal

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Email: info@samuel-surazal.com

Website: www.samuel-surazal.de

ISBN 978-3-8280-3862-2

Jesus Christus:

Mir macht nur das Freude,

was Meinen Kindern Freude macht.

Nicht Meine Gottheit, nicht Meine Weisheit und Allmacht,

und so auch nicht Meine Allwissenheit,

sondern allein die große Liebe zu Meinen wahren Kindern,

die Mich lieben, das macht die höchste Glückseligkeit

Meines ganzen Wesens aus.

Wahrlich Ich sage euch:

Ein Herz, das Mich wahrhaft liebt,

gibt Mir mehr als alle Himmel und Welten

mit all ihrer Herrlichkeit!

Und Ich will 99 Himmel verlassen

und ein Herz suchen, das Mich lieben kann.

Das vorliegende Dokument wurde mir von einer Glaubensschwester anvertraut. Der Autor, der Israel bereiste und dort die Schriften fand, ist mir nicht bekannt. Die im Lederbehälter enthaltene Niederschrift des Zeitzeugen von Jesu Auferstehung überdauerte zwei Jahrtausende, nun wird sie einer breiteren Öffentlichkeit zugängig gemacht.

Ich musste mich weiter vom Lager entfernt haben als ich beabsichtigt hatte, denn plötzlich befand ich mich ganz allein, nur von den trostlosen Hügeln Judäas umgeben. Weit nach Osten hinein erstreckte sich eine blaugraue, unfruchtbare Öde. Als ich zum Lager zurückkehren wollte, bemerkte ich Asche und Abfälle, die den Platz kennzeichneten, an dem ein Nomadenstamm vor kurzem seine Zelte abgebrochen hatte. Beim Weiterschreiten wurde meine Aufmerksamkeit von einem seltsam geformten Stein in Anspruch genommen. Er lag da, grau und unauffällig, wie ein Stab, etwa 20 cm lang und 10 cm im Umfang. Beim genaueren Hinschauen bemerkte ich, dass es nicht ein Stein war, sondern ein zylinderartiger Lederbehälter. Er lag in einer Felsspalte und war entweder durch Zufall dorthin geraten oder weggeworfen worden. Ich blickte aufmerksam um mich, um sicher zu sein, dass ich nicht das Opfer eines Anschlags wurde, zog den Behälter mit einiger Anstrengung aus der Spalte und fand, dass er leicht und klein genug war, um in eine große Manteltasche zu passen. Dann ging ich zurück ins Lager.

Es war nicht möglich, sofort herauszufinden, was der Behälter enthielt. Im Lager konnte alles, was ich tat, vom Dolmetscher und seinen Dienern beobachtet werden. Es hätte Argwohn erregt, wenn man mich gesehen hätte, wie ich einen offensichtlich alten Behälter öffnete. Es wäre ja leicht möglich gewesen, dass es sich um einen bedeutenden Gegenstand der Verehrung Einheimischer handelte. Auf alle Fälle wollte ich kein Risiko eingehen. Ich bewahrte den Behälter bei mir, bis ich mich einige Tage später in der verhältnismäßigen Sicherheit eines Hotelzimmers in Damaskus befand. Der Behälter enthielt ein geschriebenes Manuskript. Es war in Latein abgefasst, aber trotzdem konnte ich nichts daraus entnehmen. Es schien mir sehr alt zu sein, an den Rändern war es beschädigt und verfärbt, die meisten Teile waren jedoch gut erhalten. Das Manuskript war in flüssiger Handschrift geschrieben, mit Zusammenziehungen und kleinen Verzierungen. Mein Wissen reichte nicht aus, um den historischen Wert zu erhellen. Auf der Hülle war, nur mehr undeutlich, die byzantinische Darstellung des auferstandenen Christus zu sehen. Die Verzierung war durch den Gebrauch vieler Generationen sehr abgegriffen.

Zufällig traf ich auf der Reise von Beirut nach Marseille einen Mann, den ich vor einigen Jahren als französischen Austauschprofessor in Harvard kennengelernt hatte. Ich erneuerte meine alte Bekanntschaft und sprach mit ihm vertraulich über meinen Fund. Sein Fachgebiet war die Philosophie, deshalb war seine Meinung über das Dokument sachlich nicht wertvoller als meine. Er gab mir aber ein Empfehlungsschreiben für einen Kollegen an der Universität in Montpellier, dessen Spezialität das Lesen und Deuten alter Schriften war.

Von diesem Mann erhielt ich drei Meinungen: Eine war seine eigene, die anderen waren von zwei Studenten, die in demselben Fachgebiet arbeiteten. Alle stimmten darin überein, dass die Erzählung, die der Text enthielt, ein tatsächliches Erlebnis darstellt:

Jemand, der Galba hieß, ein Römer der Abstammung nach, obgleich in Tiberias am See von Galiläa geboren, hat als erwachsener oder alter Mann aufgeschrieben, was er sein Leben lang wie einen Schatz gehütet hatte. Er war in seiner Jugend einer `wundersamen Person´ namens Jesus von Kapernaum – so nennt er Ihn in seinem Bericht – begegnet, dies Erlebnis hat ihn nie mehr verlassen. Nach einer erneuten Begegnung mit einem Jünger des Herrn in seinem späteren Wohnort in England, der ihm Jesus als den Gründer einer neuen Religion vorstellte, beschloss er, seine Erinnerungen der Nachwelt in schriftlicher Form zu hinterlassen.

Aus dem sich anschließenden Text geht hervor, dass der Vater des Schreibers ein italienischer Steinhauer war, der in der Zeit, als Herodes sich Bäder im prächtigen, fremdländischen Stil bauen ließ, nach Tiberius kam. Aus weiteren Fragmenten ist zu entnehmen, dass der Schreiber in Tiberias geboren wurde und schon als kleines Kind Vater und Mutter verlor.

Die Übersetzung, die für mich in Montpellier angefertigt wurde, war selbstverständlich in Französisch. Man sagte mir, dass meine Übersetzung vom Französischen ins Englische viel von der Altertümlichkeit des Stils verlieren werde. Auch die Schlichtheit der Gedanken und Ausdrücke, die im Original so lebendig sind, treten nicht mehr so deutlich hervor. Ich möchte noch hinzufügen, dass im Original weder Satzzeichen noch Absätze waren. Sie sind von mir hinzugefügt worden.

Hier die gefundene Aufzeichnung:

Im jüdischen Land Galiläa war es kein großes Übel, ohne Eltern zu sein. Ich brauchte wenig, um mein Leben zu fristen, viel habe ich nie besessen. Als Bub schlief ich dort, wo die Nacht mich überraschte. Das Klima war mild und angenehm, nur selten wurde es kalt. An Kleidung und Nahrung brauchte ich wenig. Das Wenige konnte erbettelt oder gestohlen werden. Ich, Galba, musste meistens stehlen, denn sobald sie erkannten, dass ich ein Fremdling war, trieben sie mich von ihren Türen. Wohl konnte ich sie in dieser Beziehung oft täuschen, denn ich war in ihrer Sprache so zuhause wie einer der ihren, aber sie erkannten mich an meinen Gesichtszügen. Ich wanderte von Ort zu Ort, rund um den See von Galiläa, verdiente gelegentlich ein paar Pfennige, aber oft fand ich Nahrung und Unterkunft wie Vögel und Füchse. Als ich zwölf Jahre alt war, litt ich am meisten am Mangel an Liebe.

Andere Jungen hatten ein Zuhause, Eltern, Brüder, Spielkameraden, eine Schule. Ich, Galba, hatte nichts. Wenn ich es wagte, mich an einem Spiel in der Nähe einer Schule zu beteiligen, trieben mich die Lehrer fort. Wenn ich in einem Weinberg oder in einem Olivengarten Arbeit fand, wurde ich geschlagen und oft um meinen Lohn geprellt, wenn es bekannt wurde, dass ich fremder Abstammung war. Nachts lag ich auf den Feldern und weinte vor Ärger und Einsamkeit.

Da ich nur Hass und Verachtung erlebte, begann auch ich alle Menschen zu hassen und zu verachten. Ich hoffte, eines Tages groß und stark zu sein, um denen Böses zuzufügen, die mir Böses angetan hatten. Wenn sich mir Gelegenheit bot, richtete ich so viel Übel als möglich an. Ich stand nachts auf, brach Zweige von den Olivenbäumen ab oder warf die Kornpuppen um. Dann ging ich weiter, damit ich mich vor Sonnenaufgang in einem Gebiet befand, in dem ich nicht mehr verdächtig werden konnte. Wenn ich Kinder traf, die schwächer waren als ich, ging ich übel mit ihnen um; ich nahm ihnen das Essen weg und ließ sie in Tränen zurück. Mit älteren Buben raufte ich oft, zerriss ihre Kleider und zerkratzte ihre Gesichter. Dabei bedauerte ich, dass mir diese Racheakte nur wenig Trost brachten.

Eines Tages, als ich zwischen zwei Städten wanderte, sah ich eine große Menschenmenge aus einer der Städte herausströmen und einen Berghang hinaufsteigen. Ich wagte nicht zu fragen, sondern hörte auf das, was sie untereinander sprachen. Ich erfuhr, dass sie auf die Worte von Jesus von Kapernaum lauschen wollten. Von diesem Mann hatte ich viel gehört. Einige sagten, Er wäre ein Betrüger, andere behaupten, Er sei ein Prophet. Alle stimmten darin überein, dass Er Heilungen und Wunder täte, sei es durch die Hilfe Gottes oder Satans – es war nur die Frage mit wessen Hilfe. Da ich nichts Besseres zu tun hatte, schloss ich mich der Menge an und achtete wenig auf die Beschimpfungen, mit denen ich bedacht wurde. Ich hoffte ein Wunder zu sehen. Außer meiner Neugier war nichts in mir, es sei denn der Wunsch, etwas aufzulesen, was zufällig weggeworfen werden würde, oder vielleicht etwas zu essen zu bekommen.

Später, als ich nach einem Platz Ausschau hielt, von dem ich nicht fürchten musste vertrieben zu werden, hörte ich eine Stimme, deren Klang mich innehalten ließ. Sie war liebevoll und gebietend zugleich, mit einer Kraft, die alles durchdringt und jede Silbe klar verstehen ließ. Für mich, an den rauen galiläischen Dialekt gewöhnt, war das schon ein Wunder, dass es so eine wunderbare, liebevolle Stimme gab. Obgleich ich den Sprecher zunächst nicht sah, schien Er mich gesehen zu haben und es war, als ob Er unter all den Menschen gerade mich ansprechen würde:

„Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; tut wohl jenen, die euch hassen; segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch beleidigen.“

In die Bitterkeit meines Geistes fielen diese Worte wie Balsam, sie besänftigen den Hass, der mein Leben vergiftete. Ein Kind von zwölf Jahren hat nicht den Wunsch, zu hassen. Liebe ist die Nahrung, nach der es verlangt und ist die Luft, die es atmen möchte. Der Gedanke, jene zu lieben, die mich hassten, war für meine unterdrückte junge Seele wie eine Befreiung von Furcht.

Ich drängte mich durch die Menge, bis ich Ihn schließlich sah, obgleich ich euch nicht beschreiben kann, wie Er aussah. Soweit ich mich erinnern kann, verkörperte Er in gleicher Weise Kraft und Anmut. Nie sah ich jemanden so stark und gleichzeitig so gewinnend und höflich. Ich hatte gehört, Er sei ein ernster, sorgenvoller, zurückhaltender Mensch. Mir dagegen schien Er das verkörperte Glück zu sein. Er strahlte Mut, Gesundheit, Lebenskraft, Jugend und Tatkraft aus. Man konnte sich Ihm nicht nähern, ohne die Überzeugung zu gewinnen, dass bei Ihm die vollkommene Freude war, in welcher sich alle Angelegenheiten, wie betrüblich sie auch erscheinen mögen, bessern mussten.

Diese Gedanken kann ich als Junge nicht gehabt haben, sie sind mir in meinem späteren Leben als Erklärung gekommen. Alles was ich damals empfand, war, dass da jemand war, der mich nicht wegschicken würde. Er würde mich auch in meinen Lumpen nehmen und mich willkommen heißen. Vielleicht liebt Er mich sogar. Ich liebte Ihn jedenfalls schon.

Mein einziger Wunsch war jetzt, Ihn zu erreichen. Aber daran wurde ich von der Menge gehindert. Er saß in einer kleinen Mulde, um die sich, wie in einem Amphitheater, einige moosbedeckte Stufen erhoben. Als ich trotz aller Hindernisse meinen Weg zu Ihm erzwang, stieß mich jemand ärgerlich und ich stolperte. So kam ich mit einem Schrei vor Seine Augen, ein trauriger, schmutziger, kleiner Bub, ohne Freude, dem heiße Tränen über die Wangen liefen.

Bei meinem Schrei unterbrach Er Seine Rede und schaute zu mir, der ich beschämt dalag. Nun fürchtete ich sehr, dass Er mich wegschicken würde, aber als ich ängstlich aufschaute, lächelte Er nur. Mit einer Bewegung Seines linken Armes ließ Er mich verstehen, dass dicht an Seiner Seite Platz für mich war: „Komm her!“

Aber ich konnte mich nicht bewegen. „Herr“, sagte ich leise, „ich wage es nicht. Ich bin nur ein Fremder und Ausgestoßener.“

Sein liebevolles Lächeln drang wie Sonnenschein in mein Herz. „Im Königreich des Himmels“, antwortete Er, „gibt es weder Ausgestoßene noch Fremdlinge, sondern nur die Kinder Meines Vaters.“

„Aber Herr“, protestierte jemand in der Menge, „der Bub ist in allen unseren Städten als ein Dieb und Landstreicher bekannt!“

„Wenn er ein Zuhause hat“, antwortete Jesus, „wird er es nicht länger sein.“ Zu mir gewandt fuhr Er fort: „Dein Heim ist in Meines Vaters Haus. Komm!“

Wie ein geprügelter Hund schlich ich mich zu Ihm, Er legte Seinen Arm um meine Schulter und setzte Seine Rede fort. Er schien von einem Königreich zu erzählen. Die Worte selbst verstand ich nicht. Ich weiß auch nicht mehr, ob ich zuhörte. Einfach neben Ihm zu sitzen, von Seinem Arm beschützt, war das höchste Glück, das ich mir wünschen konnte. Nie zuvor hätte meine Schwäche …

Hier unterbricht die Erzählung abrupt und fährt mit einem neuen Handlungsstrang in einer späteren Zeit fort. In der Zwischenzeit hatte Galba Jesus offenbar öfters gehört und gesehen und Liebe hatte ihr Band zwischen ihm und Jesus geknüpft. Auch wurde er offensichtlich an Kindes statt angenommen und hatte im weiteren Verlauf zumindest einen Stiefvater.

… Stiefvater, und da er einigen Einfluss auf den Gouverneur von Jerusalem, Pontius Pilatus, ausüben konnte, beschloss er, dahin zu reisen, um zu sehen, was er durch Verhandlungen erreichen konnte. Er nahm mich dabei mit. Überall, wo wir des Nachts rasteten, erkundigten wir uns nach dem Schicksal von Jesus von Kapernaum. Aber erst als wir Bethanien in den Außenbezirken von Jerusalem erreichten, erfuhren wir, dass Er am vorhergehenden Tag gekreuzigt worden war.

Von unserem Kummer will ich schweigen. Nachdem wir die Stadt betreten hatten, suchte mein Stiefvater Pontius Pilatus auf und beschuldigte ihn schwer. Danach legte er sich auf die Erde und verweigerte Nahrung und Bequemlichkeit. Mir selbst überlassen durchstreifte ich die Stadt und suchte eifrig alles nur Mögliche über den Tod meines geliebten Meisters zu erfahren. Ich ging zum Kalvarienberg, und die drei leeren Kreuze bestätigten mir, was ich gehört hatte. In der Nähe war ein Garten, in dem Er liegen sollte. Ich fand ein Grab, warf mich dagegen und vergoss viele Tränen.

Dies jüdische Grab wurde von einem schräg nach oben gehenden, behauenen Felsbrocken geschlossen. Diese bearbeitete Tür passt so genau auf die Graböffnung, dass, wenn sie geschlossen ist, mit den Felsen eins zu sein scheint. Ich warf mich gegen diese harte, abgerundete Felsplatte und weinte mich aus.

Als die Nacht hereingebrochen war und der Mond zwischen den Zypressen und den Zedern hindurch schien, waren meine Tränen erschöpft und ich wurde ruhiger. Das Einzige, woran ich denken konnte, war, dass die angebetete Gestalt nur etwa einen Meter von mir entfernt hinter dem undurchdringlichen Stein lag. Ich glaube, mein Schmerz wäre erträglicher gewesen, wäre mir ein letzter Blick auf das Gesicht und die Augen, die mir stets nur in Liebe zugewendet waren, gestattet worden; aber alles war vorbei. Ich tröstete mich damit, dass ich hier war – Ihm, der so weit fort war, so nahe wie möglich.

Ich setzte mich ins Gras, jedoch so nahe ans Grab, dass ich es jeden Augenblick berühren konnte. Der Paschalmond erhellte alles mit strahlendem Licht. Bald würde dieser Mond untergehen. Freie Flächen des Gartens, die erst im Licht gelegen hatten, wurden nun in Dunkelheit gehüllt. Die Sykamoren und Zypressen, die sich klar gegen den Himmel abgehoben hatten, wurden jetzt eins mit ihm. Aus diesem Grund wurde ein schwacher Lichtsaum, der die Linie kennzeichnete, wo die Tür des Grabes in den Felsen eingepasst war, besser sichtbar.

Es war ein schwaches Leuchten, wie man es oft in einem dunklen Raum sieht, wenn hinter der Tür in einem andern Raum eine Kerze brennt. Wie lange ich das gesehen habe, ehe es mir bewusst wurde, kann ich nicht sagen. In der Tat, es schien die ganze Nacht dagewesen zu sein, mein Herz hatte es empfunden, aber meine Augen waren gehalten. Ich war nicht überrascht und empfand es nicht als ungewöhnlich. In meinen Gedanken war Jesus von Kapernaum immer von so viel Licht umgeben, dass es mir nicht seltsam erschien, dass Er selbst noch im Grabe Licht ausstrahlte.

Dann sah ich ein noch größeres Wunder. Etwa für die Breite von zwei Fingern hob sich die Tür des Grabes langsam, verharrte einige Augenblicke ruhig und schloss sich dann wieder. Wäre ich oben auf dem Felsen gewesen statt an seinem Fuß, hätte ich hineinschauen können.

Wenige Augenblicke später wurde diese Anstrengung wiederholt. An der am weitest geöffneten Stelle war die Tür etwa für die Breite einer Männerhand offen, die Bewegung war völlig geräuschlos. Währenddessen strömte das Licht stark und ohne zu flackern aus dem Grabe. Beim vierten Mal war der Stein etwa einen Meter vom Grab entfernt, so dass ich leicht hätte hineinblicken können, wäre ich aufrecht gestanden. Ich lag aber im Gras, erstaunt und aufgeregt, und viel zu sehr von Ehrfurcht ergriffen, als dass ich mir hätte träumen lassen, was sich mir bald darauf zeigen sollte. Nun schloss sich das Grab nicht wieder. Der Stein stand einige Augenblicke auf seiner unteren Kante und fiel schließlich geräuschlos in seiner vollen Länge und Breite neben mir ins Gras.

Da lag Er, mein Jesus von Kapernaum, groß, kräftig gebaut, in Weiß gehüllt, das Gesicht mit einem Grabtuch bedeckt. Selbst für einen Jungen – ich war damals vierzehn – wurde die Erhabenheit dieser Gestalt durch die Verlassenheit und das Geheimnisvolle des Grabes erhöht. Hier war eine Stätte ewiger Einsamkeit, in der sich das betriebsame Leben des Menschen zum Frieden ewiger Ruhe wandelt, wo der Körper sich dem Staub zurückgibt, von dem er kommt. Außer dieser Enthüllung für mich, die aus einer mir unbekannten Absicht geschehen war, würde Jesus von Kapernaum hier im Herzen des Felsens ruhen, während die Jahrhunderte über Ihn hinweg rollten, bis Sein Name vergessen wäre. Aber es war Größe in diesem Schicksal, der Geist war jetzt frei von Quälereien und Nichtigkeiten, von Schmerz und Spott.

Soweit ich einen Grund fand, warum es gerade mir erlaubt war, dies zu sehen, schien es mir ein freundlicher Akt des Ausgleiches für die Widrigkeiten zu sein, die mich daran gehindert hatten, in den letzten Tagen bei dem Menschen zu sein, den ich liebte. So war es mir nun doch erlaubt, zu sehen, wie Er ruhte. Welche großen, geheimnisvollen Kräfte mir diese Gunst erwiesen, konnte ich nicht ahnen. Große, geheimnisvolle Kräfte lagen jenseits meiner Vorstellung, selbst das Wesen, das man Gott nannte, war mir unbekannt, außer dass ich wusste, dass Er der Vater von Jesus von Kapernaum war. Nichtsdestoweniger wurde mir diese Gunst gewährt. Ich lag im Gras und nahm jede Einzelheit des Grabes in mich auf, um sie nie wieder zu vergessen. Die große Steintür würde sich wieder schließen und der Lichtsaum würde im hellen Tageslicht nicht mehr zu sehen sein.

Plötzlich hob sich unter den Grabtüchern eine Hand. Sie hob sich – und fiel zurück. Sie hob sich – und fiel wieder. Zur gleichen Zeit bemerkte ich eine leise Bewegung, so fein und zart, wie man sie manchmal bei kleinen Kindern wahrnimmt, ehe sie aus dem Schlaf erwachen. Dann rührte sich viele Minuten lang nichts, nur der Körper hob sich klar unter den weißen Tüchern ab.

Dann befreite sich eine Hand. Obgleich gebunden, befreite sie sich so leicht, so anmutig, ohne irgendein Zeichen des Kampfes und so schnell, dass ich nicht mit den Augen folgen konnte. Dann war wieder Stille. Die Hand lag ausgestreckt auf den Grabtüchern, lang, schmal, bronzefarbig, selbst in ihrer Blässe, wie ich sie oft gesehen hatte, aber mit einer großen Wunde im Handrücken, die das Mal eines Holznagels sein konnte. Nur Ehrfurcht hielt mich davor zurück, die Hand zu ergreifen und zu küssen.

Und dann bewegte sie sich; zunächst ruhelos, ziellos, bis sie plötzlich das Tuch vom Gesicht zog. Sie tat es, als ob sie dazu von einer Macht gezwungen wurde, die außerhalb der Lenkung des eigenen Geistes lag. Ich will damit sagen, ich sah kein Zeichen des Bewusstseins oder des Atems in dem Körper. Die geliebten Züge waren still, und jünger, als ich mich an sie erinnerte. Der gekräuselte Bart hatte die Farbe des Goldes mit einem leichten kupferfarbigen Einschlag und zeugte von seiner natürlichen Stärke. Es waren die Züge eines Menschen, den die finsteren Kräfte nie, wie ich es jetzt sehe, gefangen halten konnten.

Als mir dieser Gedanke kam, sah ich, wie ein Augenlied sich bewegte. Später bewegten sich die Lippen hinter dem Bart. Nach und nach begann sich die Brust langsam zu heben und zu senken. Er lebte! Er mag einst tot gewesen sein, aber jetzt lebte Er wieder, genau wie ich!

Meister! Meister! rief ich in meinen Herzen, aber kein Ton kam von meinen Lippen. Dann öffneten sich die Augen. Zuerst schienen sie nichts zu sehen, sie schauten nur. Sie schauten verwundert und erstaunt, als ob sie das, was sie sehen, mit anderen Maßstäben mäßen. Sie waren blau, von jenem tiefen Seeblau, wie man es oft in den schönsten Saphieren sieht.

Einige Augenblicke fürchtete ich, dass sie, würden sie auf mich gerichtet, mich nicht mehr erkennen würden. Als sie sich mir zuwendeten, waren sie zunächst wie die Augen eines kleinen Kindes, das noch gar nichts kennt, aber dann kam ein Lächeln, langsam, aber strahlend. Nie, so schien es mir, ist einem Menschen auf dieser Welt so ein Lächeln geschenkt worden.

„Meister! Meister!“ rief ich dieses Mal laut.

„Mein lieber, kleiner Junge!“ antwortete Er, „Es ist Mir lieb, dich hier zu haben.“

Ich konnte sehen, wie die andere Hand versuchte, sich von den Tüchern zu befreien. „Meister, darf ich Dir nicht helfen?“

„Nein liebes Kind, dies ist eine Aufgabe, die Ich allein tun muss. Indem Ich den Tod besiege, darf Ich keine andere Hilfe als die des Vaters gebrauchen. Wenn Ich es täte, würde ein großer Teil der Bedeutung Meiner Aufgabe verschwinden.“

„Aber was ist ihre Bedeutung, Herr?“

„Meinen Brüdern zu beweisen, dass es keinen Tod gibt. Es genügt nicht, es ihnen zu sagen. Ich muss ihnen die Kräfte zeigen, die der Vater uns gegeben hat, indem Ich sie gebrauche. Aber selbst so werden viele von ihnen Mir nicht glauben. Sie sahen Mich am Kreuz, sie schauten zu, während Ich starb, sie sahen, wie liebevolle Hände mich begruben. Trotzdem werden nur wenige die Tatsache annehmen, dass Ich auferstanden bin, selbst wenn sie Mich sehen und Ich mit ihnen spreche, so wie mit dir jetzt.

Wäre dieser Triumph des Menschen über den Tod nur um Meiner selbst willen geschehen, so wäre dies alles nicht nötig gewesen. Ich helfe Meinen Brüdern nicht, wenn Ich Mich nur selbst verherrliche. Sie müssen lernen, dass sie das, was Ich getan habe, auch tun können. Es ist nicht notwendig für sie, durch die Schrecken des Schmerzes und des Todes zu gehen, um die nächste Stufe des Seins zu erreichen. Sie können, zur gesetzten Zeit, nach eigenem freiem Willen aufsteigen, so wie die Vögel nach Norden und Süden fliegen. Meine Aufgabe ist es, ihnen zu zeigen, dass es getan werden kann.“

„Aber Meister,“ wagte ich einzuwenden, „ich sehe nicht, wie es getan werden kann, obgleich ich sehe, dass Du es tust.“

Sein mildes Lächeln durchdrang mich völlig: „Lieber Junge, Ich sagte nicht, wie es getan werden kann, sondern dass es getan werden kann. Das Wie muss jeder selbst entdecken. Sündige nicht und tue Gutes. Wer so tut, wird das zeitlich begrenzte Leben ablegen und das der Ewigkeit anlegen, wie der Mensch ein abgetragenes Gewand wegwirft und sich in ein schöneres kleidet.“

„Aber Herr,“ murmelte ich, „wird je ein Mensch nach Dir imstande sein, diese Dinge zu tun?“

„Nicht in tausenden von Jahren, wie die Zeit in der irdischen Welt gezählt wird. Viele Menschen werden der Botschaft, die Ich ihnen gegeben habe, Beifall zollen, aber sie werden keinen Versuch machen, sie zu befolgen. Das erfordert Sündenlosigkeit, einen Zustand, in dem die Kräfte geweckt werden, die jetzt noch in ihnen schlafen.

Noch viele Jahrhunderte werden sie den verschleierten Weg der Wahrheit gehen, mit Mitteln von nur geringer Wirksamkeit. Gelegentlich werden sie etwas voranschreiten, doch dann werden sie wieder Boden verlieren, aber im Großen und Ganzen werden sie wenig Fortschritte machen. Meinen Weg werden sie ablehnen, weil er ihnen zu schwierig erscheint. Bis alle anderen Wege vergeblich ausprobiert sind, werden sie ihn als zu schwierig betrachten, aber dann wird eine neue Rasse der Kinder Gottes geboren werden. Sie werden zu dem zurückkehren, was du, Mein lieber Junge, an diesem Morgen siehst. Sie werden erkennen, dass Mein Beispiel für sie alle gegeben ist, und sie werden lernen, ihm zu folgen. Das Wie wird dann keine Frage mehr sein, da alle Gott verstehen und lieben werden.

Selbst beim Sprechen sah ich, wie eine Veränderung in Ihm vorging. Zuvor war er der Jesus von Kapernaum gewesen, wie ich Ihn gekannt hatte. Ein kleiner Unterschied hatte bestanden, so, wie man Ihn bei einem Menschen wahrnimmt, den man als einen kranken Menschen gekannt hat und den man nun wohlauf sieht, mehr war es nicht. Nun, ganz plötzlich, begann Er zu leuchten, als ob seine Kleider aus Licht wären und nicht solche, wie sie die Menschen ihren Verstorbenen anlegen. Es war weder ein Feuer noch Flammen, es war ein Leuchten in sich selbst.

Trotzdem fuhr Er fort, aufrecht im Grab zu sitzen und zu mir zu sprechen: „Vor allen Dingen achte darauf, Mein lieber Junge: Es ist nicht das Wissen um die Existenz des Vaters, das das ewige Leben bringen wird, du musst Ihn kennen. Ihn verstehen heißt, Seine Kräfte in deinen Händen haben. Dann wirst du imstande sein, dein Leben zu lenken, anstatt unter der Herrschaft der Dinge zu leben. Mir, der Ich den Willen des Vaters ausgeführt habe, ist alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben. Auch dir wird in gleichem Maße gegeben werden, je nach der Größe deines Gehorsams.“

Was als nächstes geschah, ging so schnell, dass meine Augen nicht folgen konnten. Er verließ das Grab. Er stand vor mir. Zwischen dem Augenblick, in dem Er dasaß und zu mir sprach und dem, in dem Er vor mir stand, war nicht der kürzeste Zeitraum vergangen. Aber Er stand da und bewegte sich, wie ich Ihn immer gesehen hatte, nur auf Füßen des Lichtes.

Im Grab lagen die Tücher leer und verlassen. Das Gesichtstuch lag auf der Seite, so wie Er es hingeworfen hatte. Groß, aufrecht, majestätisch, aber gleichzeitig liebevoll und freundlich, wie man es sich gar nicht denken kann, stand Er vor mir, in Gewändern, die wie der Sonnenaufgang strahlten.

„Geliebter Junge,“ sagte Er, milde und doch fest, „du bist Mir mit großer Liebe gefolgt, nun werde Ich dir dasselbe tun. Du wirst Mich nicht sehen, aber Ich werde da sein und dir durch ein langes Leben helfen, in dem Freude und Sorge gemischt sein werden. Denke immer daran, dass Ich dich nie verlassen noch vergessen werde.“

Und dann, als ich nieder kniete, konnten meine Augen nicht länger diesen Anblick ertragen. Es war nicht Er, der verschwand, ich konnte Ihn nur nicht länger sehen. Die Schönheit war zu groß, die Strahlung zu intensiv. Er verschwand nicht noch verließ Er mich – die Unfähigkeit war auf meiner Seite. Er wurde zu strahlend, das war alles.

Im Garten war es dunkel, nur das erste Dämmern des Morgens kam herauf. Im Grab war kein Licht mehr, auch war niemand mehr bei mir. Jedoch, kurz darauf erwachten zwei römische Wachen, die in der Nähe im tiefen Schlaf gelegen hatten, und begannen zu fluchen. Ungesehen von ihnen schlich ich mich davon. In der Nähe des Gartentores sah ich drei Frauen, die gerade eintraten. Ich hörte, wie eine zu den anderen sagte: „Wir haben die Gewürze, das Öl und das Leinen, aber wer wird uns den Stein vom Grab wegrollen?“ Ich verbarg mich hinter einer Sykamore und wartete, bis sie vorbei waren.

Als ich meinem Stiefvater erzählte, wie ich die Nacht verbracht hatte und was ich erlebt hatte, bat er mich darüber stillzuschweigen. Er hatte schon gehört, dass sich in den Höfen des Pilatus Unruhen erhoben hatten. Es war der Bericht verbreitet worden, dass der Körper gestohlen worden sei, während die Soldaten schliefen. Der Gouverneur fürchtete einen Skandal. So, sich im Stillen freuend, jedoch nicht glaubend, dass Jesus von Kapernaum auferstanden war, sagte mein Stiefvater, dass wir noch am selben Tag nach Tyre aufbrechen würden.

Kurz darauf reisten wir von Tyre nach Rom und von Rom nach London in die Provinz Britannien. Hier starb mein Stiefvater. Ich wuchs zum Mann heran und heiratete eine britische Frau. Da alle meine Dienste in diesem entfernten Teil des Reiches lagen, hörte ich nichts mehr von Jesus von Kapernaum – bis auf den gestrigen Tag.

Da – so seltsam es auch erscheinen mag – kam ein alter Mann, ein Wanderer in unsere Stadt, um das zu verkündigen, was er ein Evangelium nannte. Sein Name, so sagte man mir, sei Josef aus der Stadt Arimethea, in dem Lande der Juden. Auf seiner Reise hielt er in den Städten Versammlungen ab, um die Botschaft zu überbringen, dass ein Mensch von den Toten auferstanden war. Ich suchte ihn sofort auf. „Kann es sein“, so fragte ich, „dass der Mann, von dem du erzählen willst, Jesus von Kapernaum ist?“

Er fragte: „Hast du schon von Ihm gehört?“

„Ich habe nicht nur von Ihm gehört, ich habe Ihn gekannt. Ich habe Ihn nicht nur gekannt, sondern ich sah Ihn im Garten bei der Stadt Jerusalem, drei Tage nach Seinem Tode, wie Er auferstanden ist …“

… hier bricht das Manuskript ab.

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