Diese Worte beruhigten die Jünger. Die Pharisäer und alle Erzjuden begannen zu fragen, was die Jünger gesehen hätten und wie dies sie in eine so deutlich sichtbare Furcht habe versetzen können.
Die Befragten erzählten völlig übereinstimmend, was sie gesehen hatten. Da wurden die Pharisäer stutzig, befragten einander und sagten: »Wie ist das möglich, dass alle im selben Augenblick dieselbe Vision hatten? Wie kann ein Magier eine Erscheinung nur bei einigen hervorrufen, bei anderen aber nicht? Warum sahen nur diejenigen etwas, die Ihm anhängen, während wir nichts sahen? Wenn wir, obwohl wir überzeugteste Anhänger Moses sind, von Ihm, Der doch ebenfalls ein Jude sein will, verdammt wurden — und sogar auf die geschilderte Erscheinung bezogen: wie denn? —, dann wäre es von Seiner Seite am zweckmässigsten gewesen, uns die Erscheinung zu zeigen. Wir wären dadurch in Furcht geraten und Seine Jünger geworden. Aber Er ist klug und veranstaltet vor uns kein solches Schauspiel. Er fürchtet nämlich, dass wir es sofort durchschauen, beim richtigen Namen nennen und dadurch vielleicht vielen Seiner Anhänger die Augen öffnen würden, sodass sie erkennen könnten, wer ihr gepriesener Meister ist. Gegen diesen immer gefährlicher werdenden Menschen müssen wir strengere Massnahmen ergreifen, sonst wächst Er uns sehr bald über den Kopf. Dann werden die Römer kommen und uns dafür allesamt auf üble Weise umbringen!«
Ich sage ganz laut zu ihnen: »Dafür seid ihr schon lange reif! Von Mir aus bedürfte es nur eines Wortes an den Obersten, und von morgen bis übermorgen würdet ihr zu Tausenden an den Schandpfählen hängen. Meint ihr, eure noch so geheim gehaltenen Machenschaften gegen Kaiser Tiberius seien Mir unbekannt? O keineswegs! Ich kenne den Tag, die Stunde und auch das verabredete Zeichen, weiss, wie es für ganz Judäa, für Galiläa und innerhalb der Mauern Jerusalems beschaffen sein soll. Aber Ich sage euch: Damit werdet ihr wundersam schlechte Geschäfte machen. Der Statthalter Pontius Pilatus, der ein scharfes Schwert führt, wird euch vor den Mauern Jerusalems den Lohn für eure schöne Mühe geben, und Herodes wird sich anstrengen müssen, wieder in die Gunst des Statthalters zu gelangen.
Ergreift in eurer übergrossen Blindheit und Bosheit nur immer schärfere Massnahmen gegen Mich und Meine Jünger; dann werde auch Ich wissen, was Ich noch vor der Zeit gegen euch zu unternehmen habe!
Johannes nannte euch Schlangenbrut und Otterngezücht! Ich habe euch noch nie einen solchen Namen gegeben; nun aber gebe auch Ich euch diesen Namen und rufe euch zu, von hier zu weichen. Sonst lasse Ich Bären aus den Wäldern kommen und an euch das tun, was zur Zeit des Elisäus an den ungezogenen Jungen geschah, die diesen Propheten verspottet hatten. Denn für euch ist jeder Funke Erbarmen aus Meinem Herzen entwichen.
Hättet ihr wie sonst nur Mich gelästert, so würde Ich es euch vergeben. Ihr habt euch aber gegen Meinen Geist erhoben und bewaffnet, der Liebe heisst und Mein Vater von Ewigkeit ist. Diese Sünde soll euch weder hier noch — und noch viel weniger — im Jenseits vergeben werden! Weicht daher von hier, damit Ich die wenigen Tage ungestört bei Meinem Freund Kisjonah verbringen kann!«
Ein Pharisäer sagt: »Wir dürfen Dich nicht aus den Augen lassen, denn unser Oberster hat uns zu diesem Zweck als Aufseher über Dich eingesetzt!«
Ich sage: »Ja, ihr seid als Aufseher über Mich eingesetzt wie Wölfe über eine Schafherde. Wenn ihr aber bei eurem Vorsatz bleibt, werde Ich sofort Bären vom Gebirge kommen lassen und sie als Aufseher und Zuchtmeister über euch setzen!«
In diesem Augenblick ertönt vom nahen Gebirge her das laute Gebrüll vieler Bären. Als die Pharisäer und Erzjuden es hören, flüchten sie schnell ans Meer, besteigen dort eilig die Fischerboote und stossen sie vom Ufer ab. Ein starker Gegenwind treibt sie jedoch wieder ans Ufer, wo sich hier und da einige Bären zeigen. Etwa zwei Stunden lang kämpfen sie mit dem Wind, der sie hartnäckig zurück ans Ufer treibt, sooft sie sich bei nachlassendem Wind einige Klafter davon entfernt haben. Nach zwei Stunden verzweifelten Kampfes mit Wind und Meer kommt endlich ein grösseres Schiff. Es nimmt die beinahe Verzweifelten und zum Umfallen Müden auf und fährt mit ihnen ab, und zwar in einem gewaltigen Sturm, der das Schiff jeden Augenblick zu verschlingen droht. So werden sie den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch gepeinigt und erreichen erst gegen Mittag des folgenden Tages das Ufer in der Nähe Kapernaums.
Dort werden sie von den Vorstehern äusserst eifrig darüber ausgefragt, was sie alles gesehen, gehört und erfahren haben. Sie bleiben jedoch stumm und wagen nicht zu reden, denn sie haben grossen Respekt vor Mir bekommen und trauen sich vorläufig nicht, etwas gegen Mich zu unternehmen.