Judas fragte: »Herr, das wäre alles richtig, und bei den Leuten auf dem Land werden wir gewiss auch ohne Geld versorgt werden. Aber wir müssen doch sicher ebenfalls in die Städte und Märkte gehen, wo die frühere Gastfreundschaft schon lange völlig aufgehört hat. Wie sollen wir dort ohne Geld durchkommen und was sollen wir anfangen?«
Ich sage: »Wenn ihr in eine Stadt oder einen Markt geht, erkundigt euch dort — denn ihr wisst doch, was ihr vermögt —, ob jemand darin ist, der eurer würdig ist und das benötigt, was ihr geben könnt. Habt ihr einen solchen gefunden, bleibt bei ihm, bis ihr von dort wieder irgendwo andershin zieht.
Es versteht sich von selbst, dass ihr das Haus, in das ihr eintretet, zuerst begrüsst. Denn die wahre Liebe betritt ein fremdes Haus stets mit den höflichsten Schritten. Wenn ein Haus, das heisst seine Bewohner, eurer würdig ist, wird euer Friede über sie kommen. Ist das Haus eurer aber nicht würdig, wird der Friede zu euch zurückkehren.
Wo euch die Bewohner eines Hauses nicht aufnehmen und eure Rede nicht hören, verlasst ein solches Haus sofort und zuletzt auch eine solche Stadt. Schüttelt sogar den Staub, der an euren Füssen haftet, als ein für die Zukunft sehr wichtiges Zeugnis gegen sie ab. Denn wahrhaftig sage Ich euch: Dem Land der Sodomiter und Gomorrer wird es beim Jüngsten Gericht in der anderen Welt erträglicher ergehen als einer solchen Stadt.
Seht, Ich sende euch wie Schafe unter reissende Wölfe. Deshalb seid überall klug wie die Schlangen, dabei aber ohne Falsch wie die Tauben, die ein Bild der Sanftmut sind.«
Darauf sagt Judas: »Herr, unter solchen Umständen werden wir im Allgemeinen schlechte Geschäfte machen. Was nützt dann das künftige Jüngste Gericht in der Geisterwelt, an die kaum noch ein Mensch glaubt? Wenn wir aufgrund der göttlichen Machtvollkommenheit, die Du uns nun erteilt hast, kein möglichst scharfes und nötiges jüngstes Gericht über die reissenden Wolfsmenschen verhängen können oder dürfen, können wir ebenso gut zu Hause bleiben. Denn sobald wir vor solchen Wölfen, von denen besonders die Städte überfüllt sind, nur ein wenig laut von Dir zeugen, wird man uns ergreifen, binden und in die Rathäuser schleppen, dort ein strenges Gericht über uns halten und uns dann — wenn die Urteile nicht zu hart ausfallen — wenigstens vor den Juden in den Schulen geisseln und schliesslich als Vogelfreie vor die Stadt hinauswerfen. Wahrlich, für ein solches Geschenk möchte ich mich schon im Voraus bedanken. Was nützen da alle Klugheit, Wahrheit und vollkommenste Ehrlichkeit, wenn ihnen die willkürlichste Gewalt in blindem Eifer gegenübersteht?
Wenn es eine volle Wahrheit und rechte Gerechtigkeit gibt, für die die heutige Menschheit nicht den geringsten Sinn besitzt, muss auch bei uns der römische Grundsatz gelten: Die ganze Welt mag zugrunde gehen, aber die volle Gerechtigkeit soll ausgeübt werden. Die wahre Tugend finde stets ihren sicheren Lohn; Lüge, Neid, Geiz, Falschheit und alle Ungerechtigkeit aber stets ihre unerbittlichste Strafe. Wollen wir bei der nun beinahe allgemein verwerflichen, schlechten Menschheit etwas bewirken, müssen wir wie die Engel über Sodom und Gomorra auftreten. Wer uns hört und in Deinem Namen annimmt, dem werde der Lohn Deiner Gnade; über den aber, der uns nicht hören und annehmen will, komme eine Plage. Und über den, der uns verfolgen und vor ein weltliches Gericht ziehen will, falle verzehrendes Feuer aus dem Himmel und tue mit ihm, was es einst mit den Sodomitern getan hat.
Wenn Du, Herr, uns gestattest, auf diese Weise zu handeln, werden wir mit dieser gegenwärtigen Sendung ganz bestimmt gute Ergebnisse erzielen. Dürfen wir aber mit der über alle Massen verderbten und verdorbenen Menschheit nicht so verfahren, sind alle unsere Mühe und Arbeit vergeblich. Am Ende werden wir gesteinigt, und Du Selbst wirst, wenn es irgendwie möglich ist, getötet werden. Unsere ungeheuer vielen Gegner werden lachend und siegestrunken über unsere Leichen hinweggehen. Das wird alles sein, was wir mit der ganzen unzeitigen Güte, Nachgiebigkeit und Sanftmut erreichen. Kurz und gut: Wenn man beim Satan etwas ausrichten will, muss man ihm entweder einen vollkommenen Herrn zeigen oder ihm als Knecht dienen; sonst ist alles nichts.«