Wir setzen uns zum Mahl und beginnen, es ganz wohlgemut und heiter zu verzehren. Da tritt Judas zur Tür herein und macht uns heftige Vorwürfe, weil wir keinen Boten nach ihm geschickt hätten. Wir sollten doch wissen, dass er viel zu tun habe und sich nicht immer erkundigen könne, wann wir zum Essen gingen. Schliesslich gehöre auch er zu unserer Gesellschaft. Thomas wird über diese Rede sehr zornig und sagt: »Herr, jetzt ist es mit meiner Mässigung vorbei! Er muss wieder einmal meine Fäuste zu spüren bekommen.«
Ich sage: »Lass es gut sein. Hast du nie gehört, dass dort, wo zwölf Engel unter einem Dach wohnen, der zwölfte ein verkappter Teufel ist? Lass ihm seine Freude! Ihn wirst du nicht ändern.« Thomas setzt sich, und Judas zieht ohne Mahl weiter.
Während wir das gut zubereitete Mahl weiter verzehren, kommt Judas zurück, redet freundlich mit uns und bittet darum, etwas zu essen zu bekommen. In der Stadt sei nirgends mehr etwas erhältlich, weil die vielen Gäste bereits alles Vorbereitete aufgezehrt hätten.
Ich sage: »Dann gebt ihm etwas zu essen.« Bruder Jakob gab ihm Brot, Salz und einen ganzen grossen, gut zubereiteten Fisch. Judas verzehrte den ungefähr sieben Pfund schweren Fisch vollständig und trank danach viel Wasser, worauf ihm etwas unwohl wurde. Da begann er sich zu beklagen und meinte, der Fisch sei nicht mehr frisch gewesen, was seinem Magen immer schade.
Thomas wird schon wieder ärgerlich und sagt zu Judas Ischariot: »Du bist noch immer derselbe alte, ungehobelte und grobe Mensch, der du stets warst. Geh in die Speisekammer und sieh nach, ob unsere Fische verdorben sind! Wenn du, heisshungrig wie ein Wolf, sofort einen sieben Pfund schweren Fisch verschlingst, dazu einen ganzen Krug Wasser trinkst und ausserdem einen durchaus nicht kleinen Laib Brot verzehrst, musst du doch einen Druck im Magen verspüren. Wenn es dir aber wirklich so sehr weh tut, haben wir den besten Arzt in unserer Mitte. Bitte Ihn, dann wird Er dir gewiss helfen.«
Judas Ischariot sagt: »Ihr seid doch alle wütend auf mich und sagt, ich sei ein Teufel. Wie solltet ihr mir als einem Teufel glauben wollen, dass ich leide, und wie solltet ihr mir helfen?«
Thomas sagt: »Warst du nicht bei uns im Gebiet der Gergesener? Hast du nicht gesehen, wie der Herr dort sogar die Bitte der Teufel erhörte und ihnen gestattete, worum sie gebeten hatten? Wenn du dich jetzt wirklich für einen Teufel hältst, dann bitte wie ein Teufel. Es wird sich gewiss irgendeine Schweineherde finden, in die du fahren kannst, falls der Herr deine Bitte erhört.«
Judas Ischariot sagt: »Ah, du meinst es wahrlich gut mit mir. Ich hätte nie geglaubt, in dir einen so guten Freund zu haben! Dennoch werde ich Jesus, den Sohn dieses Hauses, um wirksame Hilfe bitten und sehen, ob Er mich, wie du, dazu zwingen wird, in eine Schweineherde zu fahren.« Judas wendet sich nun an Mich und schildert Mir seine Not. Ich sage jedoch: »Geh zu deinen Töpfen; dort wird es deinem Magen schon besser gehen.«
Judas geht und bemerkt im Vorbeigehen zu Thomas: »Also doch nicht in eine Schweineherde!« Thomas sagt: »Aber eben nicht viel besser! Denn deine Töpfe sind für dich ebenso sehr Wucherware wie die Schweine für die Gergesener.« Judas erwidert nichts und entfernt sich schnell.
Bald darauf kommen drei Pharisäer aus Kapernaum ins Haus und fragen, ob Ich daheim sei. Als man ihnen sagt, dass Ich zu Hause sei, treten sie sofort in den Speisesaal und fragen dort erneut nach Mir, denn sie kannten Mich nicht persönlich.
Ich sage mit voller Kraft: »Ich bin es! Was wollt ihr, dass Ich für euch tun soll?«
Sie erschrecken jedoch so sehr über Meine Anrede, dass sie sich nicht mehr trauen, nach etwas zu fragen. Denn Mein kraftvolles Wort wirkt in ihren Herzen, als wären sie vom Blitz getroffen worden. Ich frage sie nochmals, was sie wollen.
Da tritt einer vor und sagt mit sehr ängstlicher Stimme: »Guter Meister!«
Ich sage: »Warum nennst du Mich gut? Weisst du nicht, dass niemand ausser Gott gut ist?« Der Pharisäer sagt: »Ich bitte Dich, sei nicht so hart gegen mich, denn ich brauche Deine bewährte Hilfe.« Ich sage: »Geh und halte Mich nicht auf. Ich will heute Nachmittag zum See hinabgehen und dort Fische fangen; dort wirst du Mich antreffen.«
Mit dieser Auskunft entfernen sich die drei. Derjenige aber, der mit Mir gesprochen hatte, war ein Vorsteher der Schule und Synagoge von Kapernaum und hiess Jairus.