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GEJ 1.96

Quelle: Jakob Lorber

Kapitel 96 von 161

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GEJ 1.96.1

Nach diesen spitzen Worten des Judas gerät Thomas vor Ärger und Zorn beinahe ausser sich und will sich mit aller Kraft an Judas vergreifen. Ich aber trete — wir sind schon fast auf halbem Weg nach Kapernaum — zu Thomas und sage: »Bruder, solange du Mich ruhig und gelassen siehst, bleib auch du so, wie du Mich erkennen kannst, wenn du nur oft genug zu Mir hinschaust. Ja, wenn du Mich einmal dreinschlagen siehst, dann spring schnell herbei und schlage mit allen deinen Kräften zu. Jetzt aber ist dies noch lange nicht nötig. Die Nacht bleibt Nacht, da kannst du tun, was du willst, und Judas wird Judas bleiben. Er ist zwar nicht dazu verdammt wie die Nacht, die der natürliche Schatten der Erde ist; wenn er aber Judas bleiben will, dann bleibe er es. Wir hingegen bleiben, was wir sind. Die Folgen werden schon zeigen, wie weit er es mit seinem Judas bringen wird.«

GEJ 1.96.2

Thomas sagt: »Aber eines könntest Du, Herr, wohl tun: Schaff ihn von Dir weg, sonst wird er uns noch allerlei Unruhe bereiten; denn er hat einen schweinischen und bösen Mund.«

GEJ 1.96.3

Ich sage: »Ich habe ihn nicht gerufen und werde ihn deshalb auch nicht fortschicken. Wenn er aber gehen will, wie er gekommen ist, werden wir nicht um ihn weinen. Du jedoch halte dich von ihm fern, denn ihr beide werdet einander nicht guttun. Vergib ihm aber alles, wie Ich ihm vergebe; dann wirst du ein freies Herz haben.«

GEJ 1.96.4

Thomas sagt: »Was das Vergeben von meiner Seite betrifft, ist gewiss alles in Ordnung; denn ich habe niemals Groll gegen ihn gehegt. Allerdings kannte ich ihn stets als einen Menschen, mit dem kaum jemand auskommen konnte — nicht einmal der Prophet Johannes, mit dem er mehrmals gestritten hat. Doch ich muss ganz offen gestehen, dass es mir unvergleichlich lieber wäre, wenn er nicht zu unserer Gemeinschaft gehörte.

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Als ich vorgestern zu Hause war, erzählte ich meinen Bekannten natürlich manches von Deinen Taten, und sie konnten sich darüber nicht genug wundern. Dies kam auch Judas zu Ohren, und wer entschloss sich schneller als er, Dein Jünger zu werden? Denn die Lehre des Johannes hatte ihn nicht befriedigt, weil dieser nichts als strengste Busse predigte und allen, die sich nicht zur wahren Busse bekennen wollten, ein äusserst strenges Gottesgericht ankündigte. Deshalb war es auch öfter zu Streit zwischen Judas und Johannes gekommen.

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Johannes war ganz Busse, Judas aber ihr geradlinigstes Gegenteil. Er erklärte Johannes ganz ernst ins Gesicht, eine sogenannte Busse in Sack und Asche sei die grösste Dummheit des menschlichen Lebens. Der Mensch solle sich in der Tat bessern, aber nicht in Sack und Asche.

GEJ 1.96.7

Johannes hatte Sack und Asche zwar nicht als unbedingt notwendige Dinge für die wahre Busse angeordnet. Er stellte sie in seinen Reden nur gewissermassen als Gleichnis dar und wollte damit die vollkommen ernsthafte Besserung des Menschen bezeichnen, der zu einem Knecht der Sünden geworden war. Judas aber, der alles besser wissen und verstehen wollte, liess dies nicht gelten, sondern verlangte, dass man sich bei so wichtigen Dingen, von denen das Heil der Menschen abhänge, stets in klaren und verständlichen Worten ausdrücken müsse.

GEJ 1.96.8

Nach seiner Auffassung waren die Propheten allesamt Esel, weil sie in Bildern gesprochen hätten, die man beliebig auslegen könne. Allein dadurch hätten sie die Priester, die Könige und das ganze Volk verdorben. Kurz gesagt: Für ihn ist jeder Mensch, ob hoch oder niedrig, ein Esel, der nicht denkt und handelt wie er. Deshalb meine ich, dass es mit ihm in unserer Gemeinschaft nicht gut gehen wird.«

GEJ 1.96.9

Ich sage: »Mein lieber Thomas, was du Mir erzählt hast, wusste Ich schon lange. Dennoch sage Ich dir: Wenn er gehen will, soll er gehen; will er aber bleiben, dann soll er bleiben. Ich weiss noch viel mehr über ihn und weiss sogar, was er Mir Selbst antun wird. Trotzdem soll er bleiben, wenn er bleiben will. Denn seine Seele ist ein Teufel und will von Gott die Weisheit erlernen; doch eine solche Gesinnung wird dieser Seele einen schlechten Gewinn einbringen. Nun aber nichts mehr davon. Bald wird sich eine Gelegenheit ergeben, bei der wir ihm den Finger auf den Zahn legen werden. Inzwischen sind wir vor den Mauern Kapernaums angekommen, und Ich sehe einen römischen Hauptmann aus dem Stadttor auf uns zueilen, begleitet vom Obersten Cornelius und vom königlichen Beamten. Da gibt es wieder einen Kranken zu heilen.«

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