Als wir aufbrechen wollten, eilte ein nahezu atemloser Mann königlicher Herkunft auf Mich zu. Er war ein naher Verwandter des Obersten, der einige Tage zuvor nach Kapernaum gezogen war. Durch den Obersten hatte er erfahren, dass Ich aus Judäa nach Galiläa zurückgekehrt war. Dieser königliche Mann hatte einen einzigen Sohn, der plötzlich von einem schweren Fieber befallen worden war. Als der Arzt in Kapernaum den Kranken sah, erkannte er sofort, dass es unweigerlich um ihn geschehen sei. Der Vater verzweifelte und wusste sich vor Schmerz nicht zu helfen. Da kam Kornelius, der Oberste, zu ihm und sagte: »Bruder, hier ist Rat nötig! Von hier bis Kana ist es für einen guten Wanderer kaum eine volle Wegstunde. Dort hält sich der berühmte Heiland Jesus aus Nazareth auf. Ich selbst habe Ihn auf meiner Herreise dort getroffen und gesprochen. Er wird gewiss noch dort sein, denn Er hat mir versprochen, von dort auf direktem Weg zu mir nach Kapernaum zu kommen und mich zu besuchen. Was Er verspricht, hält Er unverbrüchlich. Da Er bisher noch nicht zu mir gekommen ist, befindet Er sich ganz sicher noch in Kana. Eile deshalb persönlich hin und bitte Ihn, zu deinem Sohn zu kommen und ihm zu helfen. Ich verbürge mich dafür, dass Er sofort kommen und deinem Sohn helfen wird!«
Als der königliche Mann dies von seinem Bruder Kornelius erfährt, rennt er so schnell wie möglich nach Kana. Wie eben berichtet, kommt er völlig ausser Atem dort an, als Ich bereits den ersten Schritt zur Weiterreise mache. Kaum bei Mir angelangt, fällt er vor Mir nieder und bittet Mich, möglichst schnell mit ihm nach Kapernaum hinabzueilen. Sein einziger Sohn, der ihm alles bedeute, ringe bereits mit dem Tod, und kein Arzt in Kapernaum könne ihm mehr helfen. Wenn Ich nicht sofort mit ihm ginge, werde sein Sohn gewiss sterben, bevor Ich Kapernaum erreiche — falls er nicht schon inzwischen gestorben sei.
Ich sage: »Sieh, Mein Freund, es ist eine schwierige Sache bei euch! Wenn ihr nicht schon im Voraus Zeichen und Wunder seht, glaubt ihr es nicht. Ich helfe vor allem denen, die glauben, auch wenn sie zuvor keine Zeichen und Wunder gesehen haben. Denn wo Mir der unbedingte Glaube entgegenkommt, heile Ich sicher und gewiss.«
Da ruft der königliche Mann: »O Herr, rede hier nicht so lange mit mir Armen! Du siehst doch, dass ich glaube; sonst wäre ich nicht zu Dir gekommen. Ich bitte Dich, o Herr: Komm nur unter das Dach meines Hauses, und mein Sohn wird leben. Wenn Du aber zögerst, wird er sterben, bevor Du dort ankommst. Sieh, ich habe viele Knechte unter mir. Wenn ich zu einem sage: ›Tu dies‹, oder zu einem anderen: ›Tu jenes‹, dann tut er es. Hätte ich nicht den vollsten Glauben an Dich, o Herr, hätte ich einen meiner Knechte zu Dir gesandt. Weil ich aber vom stärksten Glauben erfüllt bin, kam ich selbst. Mein Herz sagte mir: ›Wenn ich Dich nur finde und erblicke, wird mein Sohn gesund!‹ Herr, ich bekenne auch, dass ich es nicht wert bin, dass Du unter das Dach meines Hauses trittst. Doch wenn Du nur ein Wort sprechen willst, wird mein Sohn gesund und lebendig!«
Ich sage: »Freund, einen solchen Glauben habe Ich in ganz Israel nicht gefunden! Geh getrost nach Hause; dir geschehe nach deinem Glauben. Dein Sohn lebt!« Unter einem Strom von Dankes- und Freudentränen ging der königliche Mann nach Hause, denn er glaubte Meinem Wort ohne jeden Zweifel. Ich blieb jedoch diesen Abend und den folgenden Tag noch in Kana, was dem Wirt allergrösste Freude bereitete.
Als sich der königliche Mann der Stadt näherte, kamen ihm bereits seine vielen Knechte entgegen und riefen ihm laut zu: »Herr, dein Sohn lebt und ist vollkommen gesund!« Der Mann stand in Kapernaum in hohem Ansehen, weil er zum einen wie der Oberste Kornelius mit dem römischen Herrscherhaus verwandt war und zum anderen als hoher Staatsbeamter von Rom dort eingesetzt worden war.
Da wurde der Mann vor Freude beinahe ohnmächtig und erkundigte sich sofort, zu welcher Zeit es seinem Sohn besser gegangen sei. Die Knechte antworteten einstimmig: »Gestern um die siebte Tagesstunde verliess ihn das schwere Fieber.«
Als er dies von seinen Knechten erfuhr, begann er nachzurechnen und stellte fest, dass es genau die Zeit gewesen sein musste, zu der Ich ihm gesagt hatte: »Dein Sohn lebt!« Dann ging er gemächlichen Schrittes nach Hause. Als er dort ankam, führte ihm der Oberste Kornelius bereits den gesunden und fröhlichen Sohn entgegen und sagte: »Nun, Bruder, habe ich dich zum richtigen Heiland geschickt oder nicht?«
Der königliche Mann antwortete: »Bruder, ja, durch deinen Rat hast du mir mein Leben zehnfach zurückgegeben! Dieser Heiland Jesus aus Nazareth ist aber offenbar mehr als ein gewöhnlicher Heiler, der Krankheiten noch so geschickt mit heilkräftigen Kräutern zu behandeln versteht. Stell dir vor: Ohne meinen Sohn je gesehen zu haben, sagte Er ganz einfach nur: ›Dein Sohn lebt!‹, und in derselben Stunde wurde mein Sohn gesund. Höre, das hat etwas ganz Aussergewöhnliches zu bedeuten! Ich sage dir: Dies kann keinem Menschen, sondern allein einem Gott möglich sein. Von nun an glaube ich — und gewiss auch mein ganzes Haus —, dass dieser Jesus über jeden Zweifel erhaben ein wahrer Gott ist, der zum Heil aller Menschen in menschlicher Gestalt unter ihnen wandelt, sie heilt und belehrt. Wenn Er hierherkommt, muss Ihm hier göttliche Verehrung erwiesen werden!«
Kornelius sagt: »Ich erkenne Ihn bereits als solchen und lasse mir diese Überzeugung auch nicht nehmen. Er duldet es jedoch nicht, dass man Ihm mit so etwas begegnet.«
Der Vater des geheilten Sohnes sagt: »Bruder, wenn man einen solchen Beweis in der Hand hat, kann man meiner Meinung nach wohl niemals zu viel tun!«
Kornelius sagt: »Ich bin ganz mit dir einverstanden. Doch wie ich dir gesagt habe, ist und bleibt es dabei, dass Er ein erklärter Feind öffentlicher und äusserlicher Ehrenbezeugungen ist. Soweit ich es sogar aus Seiner frühesten Jugend weiss, legt Er nur Wert auf die stille, innerste Ehrenbezeugung, die sich in der Liebe des Herzens ausdrückt. Alles Äussere ist Ihm dagegen äusserst lästig. Wenn Er hierherkäme, wie Er mir versprochen hat, könntest du Ihn durch eine öffentliche Vergötterung nur für immer von diesem Ort vertreiben. Tu daher in deinem Herzen alles, was du willst, aber vermeide jede öffentliche Zeremonie. Denn ich kenne Ihn seit Seiner Geburt aus Bethlehem und habe seit jener Zeit vieles von Ihm gehört und vieles selbst gesehen!«
Der königliche Mann sagt: »Nun gut, gestern am Tag habe ich dir gehorcht, und deshalb will ich auch heute in der Nacht auf dich hören und deinem Rat folgen.«
(Wegen des Wortes »gestern« muss hier eine kurze Erklärung eingefügt werden, damit es keinen Anlass zu Spitzfindigkeiten gibt. Besonders in Galiläa dauerte der Tag nur bis zum jeweiligen Sonnenuntergang. Danach begann im eigentlichen Sinn bereits der nächste Tag, und wenige Minuten nach Sonnenuntergang bezeichnete man den vergangenen Tag schon als »gestern«. Mit dem Sonnenuntergang begann bereits die erste Nachtwache des kommenden Tages. Eine Nachtwache entsprach drei heutigen Stunden; eine Tagesstunde war im Sommer beinahe zwei heutige Stunden lang, im Winter dagegen kaum eine, denn die Zeit des Sonnenlichts musste stets zwölf Stunden umfassen, unabhängig davon, ob der Sonnentag kurz oder lang war. Wenn es hier in der Erklärung heisst, dass der königliche Mann in einer Stunde von Kapernaum nach Kana ging, entspräche dies heute beinahe zwei vollen Stunden. Diese kurze Zwischenerklärung ist hier umso notwendiger, weil man sonst manches in diesem Evangelium kaum richtig verstehen würde: Die entsprechenden Zeitangaben sind der damaligen und nicht der heutigen Zeitrechnung entnommen.)